Skyline von Abidjan

Afrika – das ist mehr als Dürre und Krieg, findet Veye Tatah. Und eigentlich ist der Unternehmerin und Journalistin auch die Gliederung des Kontinents in 54 Länder zu kurz gegriffen. Mit ihrem Magazin „Africa Positive“ macht sie sich seit Jahrzehnten dafür stark, außerhalb der Schablonen zu denken, die vom globalen Norden aus bis heute prägen. Ein Gespräch über falsche Bilder und Abhängigkeiten – aber vor allem über die Kraft, selbst zu gestalten. Interview: Kristina Balbach

Veye Tatah, africa positiveFrau Tatah, gibt man „Afrika“ bei den google news ein, lautet der erste Treffer „Klimakrise in Afrika“. Da sind sie wieder, die „bad news“ …

Das überrascht mich nicht. Die negative Berichterstattung über den Kontinent Afrika übersteigt die positive. Das ist schon historisch und leider sehr resistent. Es gibt einfach immer noch wenige Medien, die optimistischen Themen ein Forum geben.

Verschwiegen habe ich Ihnen, dass auf die „Klimakrise“ gleich etwas Erfreuliches folgt: „Biontech baut Produktionsstandort in Afrika“.

Ja, und Ruanda und Senegal sind dafür im Gespräch. Aber interessant ist doch, wie schon beim ersten Treffer, dass in den Überschriften immer nur von „Afrika“ die Rede ist. Die einzelnen Regionen des Kontinents schauen wir gar nicht erst an.

Aus dieser Kritik heraus haben Sie vor 23 Jahren das Magazin „Africa Positive“ mit dem gleichnamigen Verein gegründet. Hat sich nichts verändert in all den Jahren?

Doch. Seriöse Medien in Deutschland berichten auch mal über Innovationen aus afrikanischen Ländern. Aber da ist noch viel Luft nach oben.

Gibt es Zuschreibungen für Afrika, die Sie ärgern?

Ja, besonders in der Bildsprache. Ich denke gerade an einen Bericht über eine Bürgerinitiative, die sich in Kenia für Corona-Prävention einsetzt. Bebildert wurde dieser Beitrag mit Fotos aus Kibera, dem Slum von Nairobi. Warum? Nairobi ist vielfältiger, es ist eine riesige Stadt mit unterschiedlichsten Vierteln. Und Corona gibt es nicht nur im Slum. Oft wird ein einseitiges Afrika-Bild transportiert. Ich finde das sehr problematisch.

Und wenn die immer gleichen Themen wahr sind? Wie Korruption und Misswirtschaft?

Das ist die Realität, und die deutliche Kritik daran können Sie in meinem Editorial in „Africa Positive“ lesen. Aber Korruption zum Beispiel ist keine afrikanische Erfindung. Europäische Journalisten und Leser müssen wissen, dass diese Strukturen von der Kolonialzeit herrühren. Sie wurden eingepflanzt, um diese Länder auszubeuten. Leider sind sie bis heute oft nur auf dem Papier verschwunden. Die betroffenen Bürger müssen dagegen angehen und ihre politischen Systeme neu definieren.

Zum Beispiel, indem sie demokratische Strukturen von lokaler Ebene her aufbauen. Dafür gibt es Partnerschaften mit dem deutschen Staat oder politischen Stiftungen.

Arbeiten solche Partnerschaften mit Wissenstransfer, sage ich dazu Ja. Wissen ist Werkzeug und macht „mentales Empowerment“ und damit Entwicklung möglich. Aber ehrlicherweise muss man auch sagen, dass Demokratie schlecht vorangebracht werden kann, wo Menschen hungrig sind.

Damit sind wir bei der Entwicklungszusammenarbeit. In einem Interview haben Sie einmal vor „schädlicher Hilfe“ gewarnt. Was meinen Sie damit?

Es gibt einen Unterschied zwischen „Geld geben“ und jemanden wirklich dabei zu unterstützen, seine Probleme selbst zu lösen. Zweiteres ist nachhaltig und damit gut. Nothilfe nehme ich davon aus. Sie ist sehr wichtig. Das haben wir in Deutschland nach der Flut selbst erfahren.

Sie fordern einen „Wandel der Beziehungen“ zwischen Ländern in Afrika und dem globalen Norden. Wie weit sind wir mit der vielzitierten Augenhöhe?

Für mich bleibt dieser Begriff eine Floskel, solange die afrikanischen Länder ihre Volkswirtschaften nach Exportquoten ausrichten. Denn damit verharren sie in einer Art kolonialer Abhängigkeit. Bis heute werden Produkte vor Ort kaum weiterverarbeitet – wo doch Arbeitsplätze ein so wichtiger Faktor für eine Stabilisierung wären. Kakao kommt als günstige Rohware in der Schweiz an, damit dort daraus hochpreisige Schokolade entsteht.

Das liegt auch an unfairen Handelsverträgen.

Viele afrikanische Länder sollen in Abhängigkeit gehalten werden. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Menschen in Afrika nicht darauf warten dürfen, dass sich etwas verändert. Nur sie selbst können den Wandel anstoßen.

Wie hoffnungsvoll sind Sie? In Ihrer Jubiläumsausgabe von „Africa Positive“ vor drei Jahren hat es der Friedensschluss zwischen Äthiopien und Eritrea auf den Titel geschafft …

… und jetzt herrscht dort an der Grenze ein furchtbarer Krieg. Es ist schon manchmal frustrierend. Aber wieder ein Beispiel dafür, dass sich Strukturen ändern müssen. Was viele Länder Afrikas dringend brauchen, sind Dezentralisierung und mehr Regionalität – schon alleine aufgrund der ethnischen Vielfalt. Eine Zentralregierung interessiert sich nicht für die Menschen an den Rändern.

Wissen Sie noch, was auf dem Titel der ersten Ausgabe zu sehen war?

Natürlich! Es musste einfach Nelson Mandela sein. Der Mann, der wie kein anderer für das positive Afrika stand.

Und dann haben Sie damals einfach begonnen, journalistisch zu arbeiten?

Genauso war es. Es waren die ersten Artikel, die ich jemals geschrieben habe. Ich habe einfach den Sprung ins kalte Wasser gewagt und mich später erst fortgebildet. An meiner Seite hatte ich noch einen Statistik-Doktoranden aus Sierra Leone. Der hatte immerhin schon mal an einer Unizeitschrift mitgewirkt. Das waren die Anfänge. Heute haben wir einen großen Pool an Autoren. Geblieben ist, dass alle ehrenamtlich für uns schreiben.

Und wer liest „Africa Positive“?

Beispielsweise Geschäftsleute, die mit Afrika zu tun haben, viele Lehrer, auch Politiker …

… und der Bundespräsident, wie man hört.

Ja, er kennt uns schon ganz gut. Er zitiert mich ja ab und zu in seinen Vorträgen.

Sie leisten mit Ihrer Arbeit auch politische Bildung. Wie sehen Sie den Fortgang der Dekolonisierung in Deutschland?

Ich nehme dazu immer wieder Stellung, wie Sie in den Medien sehen können. Aber ehrlich gesagt, war das für uns bei „Africa Positive“ schon immer ein Thema. Die Kolonialzeit ist schließlich die Wurzel des negativen Afrikabilds. Ich freue mich aber, dass das Thema endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Aber es wird komplex bleiben, weil es mit unserem Heute zu tun hat.

Erfahren Sie in Ihrem Heute Anfeindungen oder Rassismus?

Wenn ich als Journalistin meine Artikel poste, dann bekomme ich Kommentare dazu. Und wenn bei Youtube ein Auftritt von mir läuft, stehen auch Hasskommentare drunter. Aber das nehme ich entspannt. Ich kann nicht jedem gerecht werden. Ich vertrete meine Meinung und hoffe, dass ich meinen Beitrag dazu leiste, die Gesellschaft ein wenig zu verändern.

Jetzt reisen Sie erst mal nach Kamerun?

Ja. Ich werde nach langer Zeit meine Eltern wiedersehen, was mich sehr freut. Aber mein Notebook fliegt natürlich mit. Ich arbeite immer.

An was arbeiten Sie gerade besonders gerne?

Wir haben zum Beispiel ein spannendes Mediaprojekt am Laufen, bei dem wir afrikanische mit europäischen Journalisten zusammenbringen und besonders auch das Netzwerk und den Informationsfluss zwischen den afrikanischen Ländern selbst stärken. Damit wären wir wieder beim „mentalen Empowerment“.  

ZUR PERSON
VEYE TATAH ist Informatikerin, Journalistin und Unternehmerin. Sie berät und gibt Workshops rund um Informationstechnologie und zu interkulturellen Themen. Seit 1998 gibt Tatah das Magazin „Africa Positive“ heraus. Unter dem Dach des gleichnamigen Vereins startete sie verschiedene soziale Projekte, wie ein Lern- und Integrationsmobil, ein afrikanisches Frauennetzwerk oder die Jugendorganisation „Africa Positive Youths“. Regelmäßig organisiert sie das Afro-Ruhr-Festival. 2010 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Veye Tatah ist in Kamerun geboren und lebt seit 30 Jahren in Dortmund. www.africa-positive.de

Das Interview wurde im missio magazin 1/2022 veröffentlicht. Mehr erfahren Sie unter: www.missiomagazin.de. Dort können Sie auch ein kostenloses Probeexemplar anfordern.

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