Wenn ein früherer Manager eine Stiftung gründet, dann will er…
Holdenried: „Einfach was tun“ – so steht es auf unserer Website. Das war unser Antrieb vor fünfzehn Jahren und ist es bis heute.
Die Stiftung trägt ja Ihren Familiennamen.
Holdenried: Ich würde sie heute nicht mehr nach uns benennen.
Weil?
Holdenried: Mir selbst ist das eigentlich egal. Ich gehe mit unserer Stiftungsarbeit bewusst an die Öffentlichkeit. Meiner Frau wäre mehr Anonymität lieber. Aber klar, es ist schon auch ein bisschen der Wunsch dabei, ein Vermächtnis aufzubauen.
Wie kam es überhaupt zu der Idee?
Holdenried: Meine Rechnung ergab, dass neben dem Erbe an die Familie vom Vermögen noch etwas übrigbleiben wird. Gerne wollten wir jetzt schon erleben, wie das Geld etwas bewirkt. Steuerlich ist das ja auch sinnvoll. Und schon waren wir bei dem Gedanken einer gemeinnützigen Stiftung. Eine soziale Grundströmung war bei mir schon immer da. Ich wurde im schwäbischen Unterland geboren und streng protestantisch erzogen. Mein Vater ist früh gestorben, das ging also von meiner Mutter aus. Diese Grundwerte, die mich bis heute leiten, schreibe ich ihr zu. Es war gesetzt, dass man sich um andere kümmert.
Sie haben Jahrzehnte Unternehmen geleitet. Wie haben Sie sich da gekümmert?
Holdenried: Ich bin Diplom-Kaufmann, ein Zahlenmensch. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt haben mich vielmehr Menschen und Menschenführung interessiert. Wie bekommt man Menschen zusammen, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen, solche Dinge. Meine Stellenbeschreibungen habe ich nie gelesen. Ich habe intuitiv gewusst, wie und wo man anpacken muss. Anderen zu helfen passt für mich in den Business-Kontext genauso wie bei der Stiftungsarbeit. Ich sehe mich als Kapitalist – mit einer klaren sozialen Ader.
Sie sind gerade von Ihrer fünften Reise auf die Philippinen zurück. In Ihrem Reisebericht zeigen Sie sich inspiriert und berührt von den Projekten. Passt das zum Zahlenmensch?
Holdenried: Stiften ist immer emotional. Aber dass sich diese Stiftung als ein Mittelpunkt, als ein Lebenssinn quasi einschleichen würde, das habe ich 2011 nicht geahnt.
Wie kamen Sie eigentlich zu missio?
Holdenried: Durch Zufall. Ich habe die Stiftungsreferentin bei einer Veranstaltung kennengelernt.
Und warum die Philippinen?
Holdenried: Ich bin einer Empfehlung von missio gefolgt. Außerdem kannte ich das Land von Dienstreisen. Nach circa fünf Jahren bin ich dann das erste Mal mit missio in Projekte gereist. Ich war ohne Erwartung. Als ich zurückkam, wusste ich: Ich bin auf dem richtigen Weg. Aber ich war noch zu zaghaft unterwegs gewesen. Nach der Gründungsphase sind wir dann durchgestartet.
Was ist Ihnen von dieser ersten Reise im Gedächtnis geblieben?
Holdenried: Das erste Projekt war eines für Frauen mit behinderten Kindern, die in der philippinischen Gesellschaft oft sehr alleine dastehen und kaum über die Runden kommen. Inaron Agui. Wir haben mit Händen und Füßen kommuniziert und viele Selfies gemacht – ein absolutes Muss für Filipinos. Die Bilder habe ich bis heute im Kopf. Auch der Besuch bei PREDA hat mich extrem beeindruckt. Partner, die sich um sexuell ausgebeutete Mädchen und Jungen kümmern. Das war mein erster Kontakt zu den „local heroes“.
Seitdem besuchen Sie alle zwei Jahre die Philippinen. Warum?
Holdenried: Ich werde oft gefragt, ob ich zur Kontrolle hinfliege. Das tue ich nicht. Aber natürlich schaue ich mir die Leute in Verantwortung an und was sie tun. Ich nenne es also lieber Hinschauen. Dabei erlebe ich, dass die Partner nicht nur mit Engagement und Einfühlungsvermögen unterwegs sind, sondern mit sehr viel Professionalität.
missio-Partner fühlen sich auch als Christen berufen.
Holdenried: Man braucht sicher eine soziale Ader und den Anspruch an sich, in diesem Leben Beiträge leisten zu wollen. Ich selbst sehe mich als Humanist. Die christlichen Werte sind für mich der gemeinsame Nenner. Danny Pilario zum Beispiel, ein engagierter Vinzentiner, den ich sehr schätze. Er ist täglich im Einsatz für Menschenrechte. Das kannst du nur tun, wenn du der Logik folgst, dass Religion nicht nur Predigen ist, sondern auch Tun. Sagt Ihnen Integralrechnung noch etwas?
Ich erinnere mich vage…
Holdenried: Damit berechnet man die Fläche unter Kurven, zum Beispiel auf der Zeitachse. Ich bin überzeugt: Am Ende eines Lebens sollte das Integral positiv sein. Als Kind nimmt man viel. Als Erwachsener leistet man dann seine Beiträge als Mensch. Auch als Geschäftsführer hatte ich die Wahl: Will ich ein Typ sein, der nur nimmt, oder biete ich einer Umgebung einen Mehrwert. Viele der heutigen Staatslenker operieren weitestgehend im negativen Bereich.
Sie engagieren sich lokal, aber auch im Ausland. Laut Bundesverband Deutscher Stiftungen betreiben nur rund fünf Prozent der in Deutschland ansässigen Stiftungen diesen Mix.
Holdenried: Dabei hängt alles zusammen. Meine Frau und ich, wir haben 20 Jahre lang im Ausland gelebt. Ich habe 33 Jahre bei einer amerikanischen Firma gearbeitet. Nationale Grenzen haben mir nie viel gesagt. Bedürftige Menschen gibt es überall auf der Welt.
Sie engagieren sich hauptsächlich für Kinder.
Holdenried: Ja, für Kinder, Jugendliche und Familien. Unsere Stiftungszwecke lauten Jugendhilfe, Wohlfahrtswesen und Mildtätigkeit.
Und Bildung ist dabei wichtig?
Holdenried: Es geht nicht ohne. Bildung ist Zukunft.
Ihre Stiftung arbeitet erfolgreich. Laut Jahresbericht fließt jedes Jahr mehr Geld in Projekte.
Holdenried: Für mich ist eine Stiftung nicht anders als die Wirtschaft. Sie sollte wachsen. Ich brauche keine Stiftung als Selbstzweck oder Reserven. Um die Verwaltung kümmere ich mich inzwischen selbst. Relativ neu ist der Stiftungsrat. Mir ist wichtig, dass es später einmal weitergeht.
Wie stellen Sie das sicher?
Holdenried: Wir haben sehr gute und enge Familienbande. Ich binde seit Jahren Neffen und Nichten und inzwischen schon die nächste Generation mit ein. Im Stiftungsrat sind also nur Leute, die schon einmal mit mir unterwegs waren und das selbst erlebt haben.
Das macht den Unterschied?
Holdenried: Für mich ja. Wenn ich von den Philippinen zurückkomme, sage ich immer: Jetzt bin ich wieder kalibriert. Wie bei einer Waage, die man wieder neu einstellt. Tatsächlich hatte ich vor der letzten Reise Bedenken: Nutzt sich das irgendwann ab? Wir waren auch dieses Mal bei den Familien, die so arm sind, dass sie auf Friedhöfen leben müssen. Ich war wieder auf Müllhalden und habe das Elend gesehen. Und es hat mich wieder gepackt.
Halten Sie Kontakt auf die Philippinen?
Holdenried: Ja, per Whatsapp und E-Mail. Gerade erst habe ich jedem der besuchten Partner einen Foto-Link geschickt. Sister Constance Tecson zum Beispiel, eine mutige Missionsbenediktinerin, ist wie eine Freundin. Sie gratuliert mir jedes Jahr als erste zum Geburtstag wegen der Zeitverschiebung, meist am Abend davor. Gerade verfolge ich täglich bei Youtube den aktiven Vulkan Mayon. Den möchte ich seit Jahren sehen. Aber als wir dort waren, hat er sich in Nebel gehüllt. Auch deswegen muss ich in zwei Jahren wieder hinfahren.