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17. April 2024
Interview:   Antje Pöhner
Interview mit Menschenrechtler

"Die Verfassung wird zunehmend mit Füßen getreten"

Der Menschenrechtsaktivist Ajaya Kumar Singh sieht die Demokratie in Indien in größter Gefahr. Angesichts der bevorstehenden Parlamentswahlen warnt der katholische Priester vor einer „Hindutva“-Nation: der politischen Ausrichtung Indiens allein nach hinduistischen Regeln. Premierminister Narendra Modi fährt seit seinem Amtsantritt Mitte 2014 einen scharfen hindu-nationalistischen Kurs. Die Gewalt gegen Christen und andere Minderheiten nimmt zu, Menschenrechte scheinen wertlos.
17. April 2024
Text: Antje Pöhner   missio München

Father Ajaya, erst vor wenigen Monaten sorgte beim G20-Gipfel in Indien eine Einladung zu einem Staatsbankett für große Irritationen. Was hat es damit auf sich?
Die Abendessen-Einladung von Präsidentin Draupadi Murmu hat eine intensive Debatte ausgelöst: Sie bat die Staatsgäste nicht wie üblich als „President of India“ zum Bankett,sondern als „President of Bharat“. Bharat ist eine alte Bezeichnung Indiens und kommt aus der altindischen Sprache Sanskrit. Obwohl die Bezeichnungen „Indien“ und „Bharat“ beide zwei austauschbare Namen für die Nation sind, sieht die Opposition im Gebrauch des Namen „Bharat“ eine ideologische Agenda des mehrheitlich religiösen Nationalismus. „Indien“ ist ein geografisches Konstrukt, während Bharat ein mythisches, ideologisches, religiös-kulturelles Konstrukt ist. Viele fürchten, die hindunationale Regierungspartei Bharatiya Janata Party will den Namen des Landes komplett in „Bharat“ ändern.

Wie steht es grundsätzlich gerade um Freiheit und Toleranz in Indien?
Was religiöse Intoleranz und Feindseligkeit angeht, stuft die Meinungsforschungsgruppe des Pew Research Centres meine Heimat als viertschlechtestes Land der Welt ein. Eine Umfrage von Thomson Reuters aus dem Jahr 2018 erklärte Indien zur gefährlichsten Nation für Frauen. Für die schwächsten Mitglieder unserer gesellschaftlichen Hierarchie, die Dalit und Adivasi, bleibt Indien die unsicherste Nation der Welt. Unsere Gründungsväter stellten sich ein demokratisches Indien vor, das auf den verfassungsmäßigen Werten Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit basiert. Heute steht meiner Meinung nach die demokratische Verfassung Indiens – wie sie mit ihren ethnischen und religiösen Minderheiten umgeht – auf dem Prüfstand.

Sie haben die Dalit und indigenen Adivasi bereits erwähnt. Zwar hat die indische Verfassung von 1950 das Kastensystem in Indien abgeschafft, aber es ist bis heute in der indischen Gesellschaft tief verankert. Von den Dalit, den sogenannten Unberührbaren, sind rund 70 Prozent Christen. Wie geht es religiösen Minderheiten gerade in Indien?
Ihre Lage verschlimmert sich zusehends. Adivasi oder Dalit werden immer irgendwo angegriffen. Ist jemand dann auch noch Christ oder Muslim, ist das mancherorts eine tödliche Kombination. Die größte und längste antichristliche Gewalt in meiner Heimat Kandhamal im Bundesstaat Odisha ist jetzt mehr als 15 Jahre her. 100 Menschen wurden in den Jahren 2007 und 2008 bei Übergriffen getötet und 6 500 Häuser zerstört. Opfer und Überlebende warten noch immer auf Gerechtigkeit.

Und die Zahl der Gewalttaten steigt weiter?
Leider ja: Die christliche Koalition in Indien, das United Christian Forum (UCF), verzeichnete im Jahr 2014 insgesamt 147 Fälle von Gewalt gegen Christen, 240 im Jahr 2017, 328 im Jahr 2019, 599 im Jahr 2022 und 687 bis November 2023. Erst im vergangenen Jahr erlebte Manipur die schlimmste Gewalt aller Zeiten, bei der 175 Menschen starben und mehr als 1000 Menschen schwer verletzt wurden. Es gab über 5 000 Fälle von Brandstiftung und 254 Kirchen wurden niedergebrannt und zerstört.

Dabei ist Indien doch laut Gesetz eine säkulare Demokratie. Den Bürgerinnen und Bürgern sind durch die Verfassung Grundrechte wie Glaubens-, Presse und Religionsfreiheit garantiert!
Die Verfassung wird zunehmend mit Füßen getreten. Es sind nicht nur staatliche, sondern auch nichtstaatliche Akteure, die versuchen, die Glaubens- und Religionsfreiheit gewaltsam zu kontrollieren und zu verbieten. Zum Beispiel wurden die Büroräume der BBC in Neu-Delhi und Mumbai nach der Ausstrahlung von zwei Dokumentarfilmen, bei denen über die Rolle von Premierminister Modi bei einer Ausschreitung vor rund 20 Jahren beleuchtet wird, durchsucht. Der zunächst als unabhängig geltende Fernsehsender NDTV wurde wegen offenbar unerwünschter Berichte schikaniert und eingeschüchtert. Inzwischen ist ein regierungstreuer indischer Milliardär der größte Anteilseigner des Senders.

Welche Rolle spielen die Medien in Indien?
Medieneigentümer haben oft Angst vor Repressalien. Aber was wir in den indischen Medien sehen, ist tatsächlich viel mehr als nur der Gehorsam gegenüber dem Staat. Tatsächlich schaffen und verbreiten Medien Strukturen des Hasses. Sie werden vollständig von den mächtigsten Ebenen des indischen Kapitals finanziert. Der Säkularismus wird so durch einen mehrheitlich religiösen Staat ersetzt. Das Ziel einer rechtsstaatlichen Demokratie ist die Brüderlichkeit, die die Würde all ihrer Bürger gewährleistet. Indien hat sich seit seiner Gründung als Nation dafür eingesetzt. Jetzt gibt es jedoch einen Anstieg von Hassreden und Hasskampagnen in vielfältiger Weise.

Was glauben Sie steckt hinter den Angriffen und Kampagnen?
Die Absicht hinter der Gewalt gegen Christen - sei es in Odisha oder jetzt in Manipur - besteht darin, religiöse Minderheiten zu entfremden und einen Nationalstaat auf der Grundlage eines mehrheitlich religiösen Nationalismus aufzubauen. Es ist Teil einer Strategie. Ich möchte hier den indischen Politikwissenschaftler Bhanu Pratap Mehta zitieren, der kritisiert, dass es gefördert wird, durch Beteiligung an Hass oder Gewalt im indischen politischen System aufzusteigen. Gewalt gegen religiöse Minderheiten wird belohnt – das ist ein eindeutiger Schritt in Richtung politisch-religiösen Nationalismus. Dies ist keine hinduistische Nation, sondern eine Hindutva-Nation. Diese wird den Weg für eine Wahldiktatur ebnen. Die Gefahr ist größer denn je.

 

AJAYA KUMAR SINGH

Ajaya Kumar Singh ist katholischer Priester und Menschenrechtsaktivist aus der Kandhamal-Region im ostindischen Bundesstaat Odisha (bis 2011 Orissa). Aktuell ist Father Ajaya Direktor des bischöflichen Odisha Resource Facilitation Institute (ORFI), das Berufsberatung für Schülerinnen und Schüler anbietet und Jugendliche und Studenten auf bessere Berufschancen vorbereitet. Im Jahr 2013 erhielt er von der Nationalen Kommission für Minderheiten den „Minority Rights Award“. Bis heute setzt sich Singh für die Opfer der Kandhamal-Unruhen (2007/2008) ein und kämpft für die Rechte aller Minderheiten in Indien.

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