Sich nur um den eigenen Glauben zu kümmern, findet Gönül Yerli, Vizedirektorin der Islamischen Gemeinde Penzberg (IGP), nicht mehr zeitgemäß. Dafür gibt es für die Expertin für interreligiösen Dialog viel zu spannende neue Wege des Miteinanders. Ein Gespräch in der Moschee über die deutsche Angst vor dem Muezzinruf, starke Frauenstimmen im Islam und darüber, was sie an Papst Franziskus schätzt. Redakteurin Kristina Balbach interviewte Yerli für das missio magazin 2/2022. 

Interview YerliNach Umfragen sind rund drei Viertel der Menschen in Deutschland dagegen, dass der Muezzin zum Gebet ruft. Wovor haben die Menschen Angst?
Angst finde ich zu weit gegriffen. Aber die Zahl überrascht mich nicht: Wir wissen immer noch zu wenig voneinander. Ich glaube übrigens nicht, dass bei der Mehrheit der Muslime in Deutschland der Gebetsruf ganz oben auf der Wunschliste steht. Aber natürlich wäre er zu den zwei zentralen islamischen Feiertagen – Ramadan und Opferfest – ein Zeichen für unseren Platz in der Gesellschaft.

Vielleicht kommt der Ruf "Allahu akbar", also "Allah ist groß", derzeit bei vielen nicht mehr wertfrei an.
Vermutlich kennen die meisten Nicht-Muslime den Text gar nicht, der übrigens nicht im mindesten feindselig ist. Ich denke, es ist noch zu früh für Diskussionen um Muezzinruf und islamische Feiertage. Zuerst sollten wir uns auf muslimischer Seite noch mehr öffnen,  weil wir in dieses Land gekommen sind. Das ist wie bei einem Gast, der sich erst einmal vorstellt. 

Ein sehr höfliches Bild. Aber Sie leben doch schon seit 42 Jahren hier!
In meinen ersten Jahren hatte ich nicht die Gelegenheit dazu. Es gab die sprachliche Barriere, und das Bewusstsein war gar nicht da. Wie viele meiner Generation bin ich mit dem Wissen aufgewachsen, eines Tages in die Türkei zurückzukehren. Dadurch stand nie im Fokus, Teil der deutschen Gesellschaft zu werden. Heute ist Deutschland mein Land, und ich erkläre mich und meine Werte sehr  gerne. Das ist Teil meiner Arbeit bei der IGP.

Leider ist nicht bei jeder islamischen Gemeinde gleich ersichtlich, wer dahintersteht. 
2007 erhob der Bayerische Verfassungsschutz schwere Vorwürfe gegen unsere Gemeinde. Das hat uns hart getroffen. Die Solidarität der Penzberger hat uns damals sehr geholfen, und wir wurden schnell rehabilitiert. Es bewegt mich heute noch, wenn ich darüber  spreche. Islamisten stehen im Fokus, auch in der Berichterstattung. Das prägt leider das Bild der vielen Muslime weltweit, die für Frieden stehen.

Es ist unbestritten, dass sich Teile der islamischen Welt radikalisieren.
Viele Muslime leben in ärmeren Regionen, oft in bildungsfernen Schichten. In Afghanistan zum Beispiel können nur die Hälfte der Menschen lesen und schreiben. Oder nehmen Sie den Jemen. Das sind Umstände, die mich erschüttern. Ich brauche Bildung, damit  ich reflektieren kann. Unter einem diktatorischen Regime ist das unmöglich. Aber es schmerzt und hinterlässt schon ein ohnmächtiges Gefühl.

Wie steht es um den Islam bei uns?
Die Muslime hier sind eine plurale Gemeinschaft.Die Herkunft gibt jeweils den persönlichen Kulturrahmen mit. Interessanterweise entspricht das dem theologischen Wesen des Islam: Jeder Muslim ist eingeladen, sich mit dem Koran zu beschäftigen, also mitzugestalten. Allerdings hat sich der deutsche Kulturrahmen für Muslime noch nicht ausgestaltet. Aber er wird kommen.

An was machen Sie das fest?
Zum Beispiel daran, dass seit zehn Jahren an deutschen Unis Islamische Theologie studiert werden kann, in deutscher Sprache. Oder an einer selbstbewussten jungen Generation der Muslime, die vielleicht gar keinen Gebetsruf vermisst, weil sie damit nicht  aufgewachsen ist. Sie werden neue Wege der Spiritualität finden. Die Sorge, Religionen würden im Lauf der Geschichte verwässern,  teile ich nicht. 

Die IGP zeigt sich aktiver offen als andere Gemeinden.
Ganz bewusst. Wir haben in Penzberg ein deutliches, integratives Zeichen gesetzt. Wer baut, der bleibt. Dieser Ort ist das Gegenteil von Abspaltung. Wir füllen ihn mit Leben – und wir laden immer zum Dialog ein. Ich weiß, dass viele muslimischen Gemeinden das auch gerne so tun würden. Aber es hat nicht jede die Voraussetzungen, sich auf den öffentlichen Diskurs einzulassen.

Wie gehen Sie mit Meinungsverschiedenheiten innerhalb Ihrer Gemeinde um?
Wir sind eine bunte Gruppe. Menschen aus Bosnien, aus Albanien, aus der Türkei oder den arabischen Staaten kommen hierher. Es geht darum, voneinander zu lernen und neue Wege aufzuzeigen. Da spielen auch Grundfragen der Theologie eine Rolle, zum Beispiel: Darf eine muslimische Frau einen Christen heiraten? Klar war immer: Die Freitagspredigt findet auch in deutscher Sprache statt. Wir
müssen Position beziehen und vermitteln.

Da hat es die katholische Kirche leichter. Der Papst gibt die Leitlinie vor.
Papst Franziskus ist eine Galionsfigur! Er sieht, dass wir Frieden schaffen können, wenn wir gemeinsam Zeichen setzen. Und dazu fordert er auch die Muslime immer wieder heraus. Für mich spricht er für die Gemeinschaft der Gläubigen weltweit, denn wir teilen ein gemeinsames geistiges Gut.

Zurück zur muslimisch-christlichen Ehe…
Tatsächlich ist sie gerade Thema Nummer eins in der Gemeinde. Wir leben in einem mehrheitlich nicht-muslimischen Land. Und die Liebe fällt dahin, wo sie will. Da gibt es schwere Gewissenskonflikte. Theologisch finde ich das spannend, denn es handelt sich um eine eher historisch bedingte Festlegung. Als Oberhaupt der Familie hätte der Mann seine Frau an der Ausübung ihrer Religion hindern  können. Dem wollte man entgegentreten.

Gibt es keinen interreligiösen Segen?
Noch nicht. Und es fließen öfter Tränen. Da wird sich die Theologie nochmal auf den Weg machen müssen, um die jungen Leute nicht zu enttäuschen. In anderen Regionen der Welt sind interreligiöse Ehen Alltag. 

Und es gibt weitere Reizthemen. Zum Beispiel die Rolle der Frau, die ja auch die katholische Kirche beschäftigt. Wie sind muslimische Frauen organisiert?
Bewegungen wie Maria 2.0 gibt es nicht. Aber denken Sie an die Frauenrechtlerin Seyran Ates¸, die sich in Berlin zur Imamin hat ausbilden lassen und eine säkulare Moschee gegründet hat. Das ist natürlich nicht Mainstream. Theologisch spricht aber im Islam  nichts dagegen, dass eine Frau all das tut, was ein Mann tut, weil sie vor Gott absolut gleichwertig ist. Wenn darüber hinaus der Islam  für Menschenwürde und Menschenrechte stehen möchte, ist das Ergebnis doch eindeutig.

Dennoch gibt es kaum starke weibliche Stimmen in deutschen Moscheen.
Das stimmt. Aber es werden mehr werden. In Deutschland studieren heute schon mehr Frauen Islamische Theologie als Männer. Viele Frauen, die ich kenne, promovieren oder habilitieren gerade. Das wird eine ganz neue Stimme des Islam hervorbringen.

Wo setzen Sie selbst gerade Akzente?
Ein wichtiges Projekt ist für mich das "Haus der Kulturen und Religionen" in München. Parallel laufen die Planungen für den Master-Studiengang "Interreligiöser Dialog" an der Philosophischen Hochschule München. Schon bald soll der erste Jahrgang starten, mit jungen Menschen aus aller Welt, die miteinander im Wohnheim leben. Ich bin davon überzeugt, dass der Dialog unsere Zukunft ist. Wir können uns nicht mehr nur um unseren eigenen Glauben kümmern – sonst würden wir heute hier nicht zusammensitzen.

ZUR PERSON
Gönül Yerli (45) ist Religionspädagogin und seit 2005 Vizedirektorin der Islamischen Gemeinde Penzberg, die seit 30 Jahren besteht. Neben ihrem Masterlehrgang zum interreligiösen Dialog belegte sie an der Domschule Würzburg katholische Theologie. Yerli ist im Vorstand des "Münchner Lehrhauses der Religionen" und des "Haus der Kulturen und Religionen". Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Mit drei Jahren kam Gönül Yerli nach Deutschland, in den Landkreis Miesbach. Ihre Eltern sind in Bayern geblieben, in der Nähe ihrer 11 Enkelkinder. 
www.islam-penzberg.de

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