3f3f9664500bd943fc0f0c15487d8fed_w1170_h600_cp missio München - Reportage aus dem Senegal: Eine zweite Familie

Ein zweistöckiges lichtdurchflutetes Haus ist im senegalesischen Thiès Anlaufstelle für junge Frauen aus schwierigen familiären Verhältnissen. Dort finden sie einen Ausbildungsplatz, der ihnen eine gute Zukunft ermöglicht, aber noch viel mehr als das: ein Besuch bei jungen Musliminnen und Christinnen, die sich mit Mut und Zuversicht ein besseres Leben aufbauen.

TEXT: BARBARA BRUSTLEIN FOTOS: JÖRG BÖTHLING

BETRETENES SCHWEIGEN liegt im Raum. Marie-Therese hält den Blick gesenkt, nur ihre Hände verraten Nervosität. Neben ihr sitzt ihre ältere Schwester, die mit ausdruckloser Miene ihr Handy fixiert. Die beiden jungen Frauen sind hierher ins Pfarrhaus gekommen, eigentlich nur, um dem Gemeindepfarrer Guten Tag zu sagen. Vom Innenhof des Gebäudes her dringt seine Stimme und zwei weitere vertraute Stimmen: Ein Ehegespräch wird geführt. Eigentlich ein Anlass zur Freude, müsste man meinen.

Reportage Claire Amitié Louise NdioneLouise Ndione: "Den jungen Frauen ihr Lächeln zurückgeben""Das waren die Eltern der beiden Mädchen", wird Louise Ndione später erklären. Die 49-Jährige leitet das Ausbildungszentrum "Claire Amitié", was sich in etwa mit "echte Freundschaft" übersetzen lässt. Marie-Thérèse ist 17 Jahre alt und macht dort ihre Ausbildung zur Köchin. Begonnen hat sie im vergangenen September. "Sie hat Freundinnen gefunden und sich gut integriert. Und sie ist fleißig", sagt Louise Ndione. "Auch wenn ihre Situation zu Hause nicht gerade einfach ist."

Nicht gerade einfach ist milde formuliert. Zu Hause bei Marie-Thérèse wird klar, warum die Schwestern nicht recht wissen, was sie vom Hin und Her der Eltern halten sollen: Marie-Thérèse hat sieben Geschwister. Das jüngste davon ist zwei Jahre alt. Die Mutter Elisabeth, 41, hält das kleine Kind auf dem Schoß. Neben ihr sitzt Marie-Thérèses Vater Siymeon. Das Zuhause der zehnköpfigen Familie besteht aus einem nicht allzu großen Raum und einem Außenbereich, in dem auch gekocht wird. Er sei krank, sagt Siymeon. "Früher hatte mein Mann immer wieder Gelegenheitsjobs", sagt Marie-Thérèses Mutter. "Jetzt kann er kaum noch etwas tun."

Schwierige Verhältnisse

Und eigentlich gäbe es noch eine zweite Familie zu ernähren. "Zwischenzeitlich hatte sich Siymeon das zugelegt, was wir hier 'deuxième bureau' nennen: eine zweite Frau“, erklärt Louise Ndione. Aus dem "deuxieme bureau", zu deutsch "zweites Büro", sind nochmals vier Kinder entstanden. Was nun aus ihnen wird? "Ich weiß nicht", sagt Louise Ndione kopfschüttelnd. Und warum das Gespräch mit dem Pfarrer? "Marie-Thérèses Mutter ist Christin, die zweite Frau ist Muslimin", erklärt Louise Ndione. "Also hat Siymeon auch zwischen den Religionen gewechselt und Pfarrer und Imam beschäftigt", sagt sie. "Und es bleibt zu hoffen, dass er sich und uns nicht Ärger mit der muslimischen Gemeinde eingehandelt hat."

5 2021 reportage claire elternMarie-Thérèse mit ihren ElternDem häuslichen Schlamassel entkommt Marie-Thérèse mit einem alten Motorroller, den sie mit ihren größeren Geschwistern teilt. Er bringt sie zu Claire Amitié, dem Ort, der für sie ein Eintrittsticket in eine andere Zukunft ist: Die 1981 gegründete Einrichtung bietet jungen Frauen eine staatlich anerkannte dreijährige Ausbildung. Aber nicht nur das. „Wir begleiten jede einzelne junge Frau Schritt für Schritt, bis die junge Persönlichkeit zu dem wird, was sie wirklich ist“, sagt Louise Ndione. „Wenn sie ihren Abschluss in der Tasche haben, verlassen unsere jungen Frauen Claire Amitié mit Unternehmergeist. Sie fühlen sich wohl in ihrer Haut.“

Das ist alles andere als selbstverständlich. Marie-Thérèses familiärer Hintergrund ist nur einer von vielen. Claire Amitié wurde 1946 von Thérèse Cornille in Frankreich gegründet, um Mädchen aus ärmeren Verhältnissen eine Perspektive zu bieten. Heute finden sich Einrichtungen in Asien, Südamerika und Afrika. Und eben auch hier, im senegalesischen Thiès, 70 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Dakar.

Viele Mädchen sind traumatisiert

"Die Familien hier stecken oft in ernsten Schwierigkeiten. Teils sind sie bitterarm. Aber nicht die materielle Not ist das größte Problem: Oft fehlt ein Elternteil. In vielen Familien gibt es Polygamie, und viele Mädchen sind missbraucht worden und daher traumatisiert", erklärt Louise Ndione. Das zweistöckige Haus im Viertel Malamin Senghor in Thiès ist Anlaufstelle für diese jungen Frauen. Einmal in der Woche kommt ein Psychologe ins Haus, der die Mädchen, die vor besonders schweren Problemen stehen, therapeutisch begleitet. "Wir wollen den Mädchen ihr Lachen zurückgeben", sagt Louise Ndione.

Es scheint zu funktionieren: Morgens um 8 Uhr füllt sich das helle Gebäude mit Reden und Lachen. Dann beginnen die Kurse, die bis 12.30 Uhr dauern und nachmittags zwischen 15.30 Uhr und 18 Uhr fortgesetzt werden: Schneidern, Kochen und Backen stehen auf dem Programm. Aber auch Englisch, Französisch, Mathematik und Grundkenntnisse in der IT. Eben das, was es braucht, um später auf eigenen Füßen zu stehen.

Reportage Claire Amitié Marie Thérèse Faye mit FamilieDas Ausbildungszentrum Claire Amitié in Thiès

"Auf jeden Fall möchte ich meinen Lebensunterhalt selbst verdienen können", sagt Marie-Thérèse. Ob sie ihr eigenes Restaurant aufmachen will oder sich eine Anstellung suchen möchte, hat sie noch nicht entschieden. Der erste Schritt ist in jedem Fall gemacht: "Ich bin glücklich hier. Ich habe Freundinnen gefunden, wir verstehen uns gut. Ich habe das Gefühl, dass das hier das Richtige für mich ist", sagt die 17-Jährige.

Krise durch Lockdowns

Louise Ndione blickt auf besonders schwere Zeiten: Mit Beginn der Corona Pandemie musste sie ihre 144 Schützlinge für drei Monate nach Hause schicken. "Das ist uns sehr schwergefallen, weil wir die Verhältnisse in den Familien kennen", sagt sie. Viele Familien sind Tagelöhner, in der Zeit des Lockdowns ist zu allen anderen Problemen noch der massive finanzielle Druck hinzugekommen. "Als die Familien im September dann wieder zur Einschreibung kamen, haben wir gemerkt, dass es für sie noch schwieriger war als sonst, das Geld aufzubringen."

Reportage Claire Amitié KulturenDie jungen Frauen haben unterschiedliche ethnische HintergründeDie Ausbildungsgebühren sind niedrig. Für diejenigen, die aber selbst diese Beträge nicht aufbringen können, finden sich andere Wege. Ein missio-Stipendium ermöglicht etwa Marie-Thérèse die Ausbildung. Und nicht nur die Ausbildung: "Jede junge Frau wird in ihrer ganzen Persönlichkeit angenommen und gefördert", betont Louise.

In diesem besonderen Geist ist Louise Ndione auch selbst aufgewachsen. Als Achtjährige kam sie zu Claire Amitié, weil ihr Vater dort eine Anstellung als Wachmann hatte. Gemeinsam mit ihren Geschwistern wuchs sie im Haus auf und sah die jungen Frauen kommen und gehen. Die Betreuerinnen waren schon damals so genannte geweihte Laiinnen. Auch Louise Ndione hat sich für diesen Weg entschieden: "Ich habe die Frauen erlebt, die ihr Leben Gott geweiht hatten und hier für die Mädchen als Betreuerinnen da waren. Das wollte ich auch! Ich habe gespürt, dass die Mädchen glücklich waren, hierher zu kommen. Also habe ich mir gesagt: Warum stelle ich nicht auch mein Leben in ihren Dienst?", erinnert sie sich.

Kurse zur Existenzgründung

In ganz anderer Weise hat Germaine Faye ihre Ausbildung zu nutzen gewusst. In den Anfangsjahren des Ausbildungszentrums bot Claire Amitié einfachen Hausangestellten nachmittags Kurse zur Existenzgründung. Die heute 56-Jährige meldete sich an und ergriff, als sie den Abschluss in der Tasche hatte, ihre Chance: Eine italienische Organisation plante den Aufbau einer Plastik-Recycling-Firma und suchte eine durchsetzungsfähige Person. "Das war ich. Oder sagen wir einmal: Dazu bin ich geworden", sagt Germaine und lässt eine Handvoll Plastik-Granulat durch die Finger rieseln.

1997 gründete sie die Firma, die den achtlos weggeworfenen Plastikmüll sammeln, waschen und wiederverwerten ließ. Mittlerweile hat sie die Leitung des Unternehmens in andere Hände übergeben, arbeitet aber immer noch mit. "Wir stellen hier die Granulate her und liefern sie zur Weiterverarbeitung nach Dakar", erklärt die frühere Direktorin. Sie zeigt auf einen Plastikstuhl. "Der Stuhl besteht komplett aus dem Müll, der hier in Thiès gesammelt wurde."

Reportage Claire Amitié PlastikmüllDie Wiederverwertung von Plastikmüll schafft Arbeitsplätze

"Einfach waren die Anfänge für sie nicht. Allein die Tatsache, dass sie als Frau so eine Firma führte, hat manchen nicht gepasst. Aber sie hat sich durchgesetzt, sie ist eine Kämpferin", sagt Louise Ndione auf dem Rückweg. Noch ein kurzer Abstecher zu einer weiteren Absolventin: Marie Josephine Mbaye, ebenfalls frühere Haushaltshilfe, nun Leiterin eines Kindergartens in einem Vorort namens Fandène. Plüschtiere, Spiele, eine Gruppe erst schüchterner, dann umso lebhafterer Kinder: Marie-Josephine hat 1987 mit dem Claire-Amitié-Abschluss in der Tasche die Einrichtung aufgebaut. "Unser Kindergarten hat das Leben der Familien hier enorm verbessert", sagt sie stolz. "Ich bin ja schon einige Jahrzehnte im Einsatz. In meinem Kindergarten waren heutige Familienväter, Lehrer und Anwälte", betont sie.

Zurück im Claire-Amitié-Haus steht ein Mädchen mit buntem Kopftuch etwas abseits. Ndeye ist 19, vor zwei Monaten hat sie geheiratet. Ihr Mann ist Matrose und derzeit wieder auf See. Ihre Mutter musste sie weggeben, als sie drei Jahre alt war, weil sie das Kind nicht durchbringen konnte, nachdem der Vater des Kindes sie verlassen hatte. "Die Schwiegereltern? Oder meine Familie…? geben mir nicht genug zu essen", erzählt sie nach einer Weile. "Und gestern haben sie aus Wut über mich meine Schulhefte weggeworfen", sagt sie. Tränen rinnen ihr über das Gesicht. "Manchmal wird mir das fast zu viel", sagt Louise Ndione später. "All diese Geschichten, all diese Probleme. Aber dann sage ich mir: Schau dir jedes Mädchen einzeln an. Dann findet sich Schritt für Schritt eine Lösung."

Corona im Senegal

Eine Impfstoff-Offensive sei notwendig, um 30 Prozent der Menschen in Afrika bis zum Ende des Jahres zu impfen, betonte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller bei seinem Besuch in der senegalesischen Hauptstadt Dakar Mitte Juni. Dafür sei eine Verzehnfachung der Anstrengungen nötig, rechnete der Minister vor. Bislang hätten gerade einmal 35 Millionen Menschen auf dem afrikanischen Kontinent ein Vakzin erhalten. Eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung dieses Vorhabens soll das Institut Louis Pasteur spielen, eine Einrichtung in Dakar, die nun ein Konzept zum Aufbau einer eigenen afrikanischen Impfstoffproduktion vorgelegt hat. Als Anschubfinanzierung sagte Minister Müller den Menschen im Senegal 20 Millionen Euro seitens der Bundesregierung zu. Als eines der ersten Länder in Subsahara-Afrika hatte Senegal Anfang April 2021 mit den Corona-Impfungen begonnen. Verimpft wurden das chinesische Vakzin Sinopharm sowie das schwedisch-britische Präparat AstraZeneca. Nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung ist bisher vollständig gegen Corona geimpft. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind im Senegal 1158 der etwa 16 Millionen Einwohner im Zusammenhang mit dem Virus verstorben. Warum die Corona-Pandemie dort und in anderen westafrikanischen Ländern glimpflich verlaufen ist, darüber rätseln Experten nach wie vor. Einige führen das junge Durchschnittsalter der Bevölkerung ins Feld, die Witterung, die höhere Resistenz gegen Viren und Bakterien, andere die frühzeitigen, einschneidenden Lockdowns.

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