MICHAEL NJERI stattet das Gewächshaus mit der neuen Anbautechnik aus und freut sich über die ersten Erträge.DIE GRÜNE REVOLUTION beginnt mit etwas bröckeligem Vulkangestein. Ja genau
, sagt Michael Njeri, nachdem er eines der neuen Gewächshäuser betreten hat. Wir nehmen Kiesel aus vulkanischen Steinen
, sagt der Mann von der Firma „Green Ponics.“ Er fügt hinzu: Dann mischen wir das einfach mit Kokosfasern. Und danach kann man die Pflanzen einsetzen.
Die Anbaumethode nennt sich „Hydroponik“ – es gibt sie auch hierzulande in Gärtnereien und Gartencentern. Aber auf der Musterfarm in Limuru, Kenia, hat die Caritas Nairobi mit ihrem „Hydroponik“-Programm eine neue Runde im Kampf gegen die Armut eröffnet. Schon lange versucht die katholische Kirche hier, den Menschen mit gezielten Maßnahmen zu mehr Einkommen zu verhelfen. Nebenan etwa ist eine Molkerei in Betrieb, die den Kleinbauern Milch abkauft und einen eigenen Joghurt auf den Markt bringt.
Und mit dem „Hydroponik“-Anbau sind nun weitere große Hoffnungen verbunden. Pflanzen sollen schneller wachsen, sie brauchen weniger Wasser und kaum Düngemittel. Ihre Wurzeln müssen nicht in der Erde nach Nährstoffen suchen, sondern sie werden direkt mit einer entsprechenden Nährstofflösung versorgt. Man spart sich großflächige Beete, denn die Technik kann man anlegen, wie man möchte. Michael Njeri zeigt das gerade in den Gewächshäusern. Man kann die Pflanzen in einer langen Reihe anordnen, aber man kann sie auch nach oben wachsen lassen, und vieles mehr.
Wer will schon hungern?
CATHERINE NJAMBI: Wir bauen Mais und Sukuma an. Das Feld bewirtschafte ich mit meinen Eltern.
Im nahen Gemeindezentrum der Pfarrgemeinde trifft sich ein Kurs, um von der neuen Technik zu hören. Wer will schon mit ansehen, wie seine Familie Hunger leidet? Niemand! Und deshalb machen wir hier mit.
Mit diesen wenigen Worten bringt eine junge Teilnehmerin zum Ausdruck, was sie sich von dem Programm erwartet. Vor allem Frauen und Männer aus der jüngeren Generation sind es, die sich für die neue Methodik interessieren. Das harte Leben als Bauer wird auch in Kenia immer weniger zum Berufsziel junger Menschen – viel lieber würden sie in Städte wie Nairobi gehen, um dort Anschluss zu finden an die aufstrebende Mittelschicht. Aber davon wird man erst einmal nicht satt.
So sind viele Familien weiterhin darauf angewiesen, dass sie sich selber versorgen mit dem, was ihre Felder und ihre Gärten im Heimatdorf hergeben. Catherine Njambi lebt im kleinen Ort Karanjee nahe der Stadt Limuru. Es ist das Gebiet der großen Teefelder, meistens Plantagen, die von den Briten angelegt wurden. Nur wenige Kilometer von hier befindet sich die Benediktinerabtei Tigoni. Dort liegt der bayerische Missionar Pater Florian von Bayern begraben, der als Prinz aus dem Hause Wittelsbach geboren wurde und 2022 in Kenia verstarb.
Catherine ist auf dem Weg nach Hause. Sie öffnet ein Tor, das den Blick auf ein kleines grünes Feld freigibt: Wir bauen vor allem Mais und Sukuma an.
Sukuma ist eine lokale Kohlsorte, als „Sukuma wiki“ ist der Blattkohl eine wichtige Beilage zum kenianischen Nationalgericht Ugali, dem beliebten Maisbrei. Wer also selber Mais und Sukuma anbauen kann, ist schon einmal gut versorgt. Catherines Mutter sagt, es sei wichtig, dass die jungen Menschen eine Beschäftigung haben. Sie brauchen eine Aufgabe im Leben.
Schritt für Schritt wächst neues Leben
Von der Jugend lernen: Caroline Hinga (2. v. r.) berichtet ihrem Vater (l.) von dem Projekt.Catherine wird heute begleitet von der Projektleiterin Maryann Sambigi von der Caritas Nairobi. Diese sagt zu ihr: Unser Ziel ist es, dass du Schritt für Schritt vorwärtskommst. Wenn die erste Ernte erfolgreich ist, kannst du vielleicht etwas Geld auf die Seite legen und anfangen, es zu sparen.
Und vielleicht kann sie nochmal zurück in die Schule gehen und ihren Abschluss nachholen.
Maryann Sambigi verabschiedet sich und geht ein paar Häuser weiter, zur Familie von Caroline Hinga. Sie ist 21 und lebt bei ihren Eltern. Ihr Vater hat Arbeit als Schweißer, die Mutter kümmert sich ums Haus und die vier Kinder. Caroline hat schon als Teepflückerin gearbeitet. Aber zur Zeit gibt es keine Jobs dort für uns.
Damit sie überleben können, sind sie auf die Ernte ihrer kleinen Felder angewiesen. Die Felder der Kleinbauern aber sind sehr klein, das liegt an der hügeligen Landschaft, aber auch an der wachsenden Zersiedelung. Auch die weitläufige Hauptstadt Nairobi breitet sich immer weiter aus. Vor kurzem hörten sie von dem Hydroponik-Projekt der Caritas. Caroline berichtete ihrem Vater davon. Die neue Technik ist einfacher, sie spart uns Zeit und bringt uns mehr Ernte.
Der war zunächst einmal sehr skeptisch, wie er sich erinnert. Ich dachte mir: Pflanzen ohne Erde – wie soll das denn gehen?
Aber er ließ sich darauf ein: Ich bin gespannt und will mir das mal ansehen.
Schließlich hatte er ja selbst genug Erfahrung damit gemacht, wie mühsam die Arbeit bisher war – und wie wenig Ertrag sie oft brachte. In seinem Garten versucht er, mit Regentonnen das kostbare Wasser aufzufangen – doch der Regen kommt unzuverlässig, eine maschinelle Bewässerung fehlt. Und bisher reichten weder Platz noch Geld für ein eigenes Gewächshaus. Wenn wir bei dem neuen Projekt eine Parzelle in dem gemeinsamen Gewächshaus bekommen könnten, wäre das eine große Verbesserung
, sagt Francis Hinga. Neben seinem Haus zeigt er seine kleine Werkstatt. Er schweißt Metallzäune und Eisentüren zusammen, das bringt etwas Geld neben der Landwirtschaft.
Seine Tochter will das Anbauprojekt weiterverfolgen. Sie hat sich überlegt: Wir wollen Kartoffeln, Spinat, Gurken, Kohl und Zucchini anbauen.
So kann die junge Generation mit modernen, klimafreundlichen und ressourcenschonenden Methoden auch den Eltern helfen – und ein erfahrener Bauer wie Francis Hinga ist offen für Neues, wenn es ihm und seiner Familie ein besseres Leben bringt.
Auf der anderen Seite der Mauer
Dicht gedrängt leben die Menschen in der Stadt. Es ist nur wenig Platz, um etwas anzubauen.Ein besseres Leben – das ist der Wunsch, den viele Menschen in Kenia mit sich tragen, wenn sie vom Land in die Hauptstadt Nairobi kommen. Doch dort leben nach wie vor viele tausend Menschen in großer Armut und unter katastrophalen Bedingungen, wie im Viertel Mukuru. Große Fabriken haben hier ihre Produktion – eine Papierfabrik ist nicht weit, ein Hersteller von Mehl ebenfalls, dazu mehrere Stahlwerke. Und rundherum haben sich Menschen angesiedelt. Ihr Alltag ist schwierig, der Müll stapelt sich, die Abwasserkanäle sind verstopft, die Stromversorgung ist unzuverlässig. Alle paar Jahre lässt die Stadt die Siedlung zwangsweise räumen, um Platz zu machen für Bauprojekte, oder vielleicht ganz einfach, um die Armen für eine Weile los zu werden.
Ihren Lebensmut beeinträchtigt das nicht, im Gegenteil. Wir wollten uns nützlich machen
, sagt Mike Munameza. Er leitet eine Gruppe von engagierten jungen Menschen von 18 bis Ende 20. Sie nennen sich die „Sinai Ghetto Shinners“, ihr Wahlspruch lautet: Clean and Green is our Dreams! Sie wollen ihr Heimatviertel zum Glänzen (englisch „shine“) bringen. Das war hier früher einmal ein Müllplatz
, erklärt Mike Munameza, und zeigt auf eine kleine Fläche von nicht viel mehr als einem Meter Breite und einige Metern Länge. Ein Streifen, der sich ganz schmal zwischen einer Steinmauer und der Rückseite von selbstgebauten Unterkünften und Verschlägen erstreckt.
Auf der anderen Seite der Mauer liegt ein Industriegebiet. Früher war hier alles voller Müll
, sagt Mike Munameza. Nachdem sie ihr kleines Grundstück von Dreck und Abfall befreit hatten (dafür fragten sie sogar die lokalen Behörden um Erlaubnis), haben sie dort neue Beete angelegt. Kleine Wassertanks aus Kunststoff kamen dazu, sowie mehrstöckige Rohrsysteme, die sich geschickt an die Mauer anlehnen – so können die Pflanzen nach oben wachsen, sie brauchen kaum Fläche in der Breite. Die Bewässerung erfolgt durch die Rohre, und die Nährstofflösung kommt ebenfalls dazu. Die ersten Tomatenblätter schauen schon heraus. Es sieht so aus, als könnte er wahr werden, der grüne Traum von Kenia.