606fff8ba5f64400dd610527a62491d8_w1170_h600_cp missio München - Reportage aus Uganda: Stimme des Friedens

24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche auf Sendung: Radio Pacis, der preisgekrönte Radiosender im Norden Ugandas, ist eine Stimme des Friedens. In einer Region, die schwer am Erbe des eigenen Bürgerkriegs trägt. Und die derzeit 900 000 Menschen aus dem Südsudan Zuflucht bietet

TEXT: BARBARA BRUSTLEIN / FOTOS: JÖRG BÖTHLING

Nur zögerlich erhebt sich die Frau. Sie nimmt das Mikrofon in die Hand. Einen Augenblick ist alles still. Dann beginnt sie mit ruhiger Stimme zu sprechen. Es stimmt, sagt sie, die Schule ist überfüllt und die Lehrmaterialien schlecht. Das entschuldige aber nicht, dass die Eltern sich überhaupt nicht mehr darum kümmerten, ob ihre Kinder noch zur Schule kämen. Und dass die Kinder stattdessen träge auf dem Dorfplatz säßen. Wo übrigens auch die Väter sitzen und trinken, fügt sie hinzu. Damit setzt sich die Mittdreißigerin wieder auf den weißen Plastikstuhl unter dem Schatten des ausladenden Baumes. Ein paar ältere Männer murren, ein paar Frauen blicken betreten zur Seite.

Was hier diskutiert wird, wird später im Radio zu hören sein. Und damit in die vielen Dörfer Ugandas gelangen, wo die Probleme ganz ähnlich sind: Alkoholsucht innerhalb der Dorfgemeinschaft ist eines der heiklen Themen, die heute offen angesprochen werden. Gleich danach muss sich ein Politiker, immerhin eine Lokalgröße, dafür rechtfertigen, dass dem Dorf vor der Regionalwahl eine bessere Straße versprochen wurde. Nun ist er gewählt worden, aber die Straße ist so löchrig wie eh und je.

Uganda Radio Pacis4Mary Olero hört zu Hause Radio Pacis. Jörg Böthling

"Community voices", also "Stimmen der Gemeinschaft" heißt das Programm, mit dem Radio Pacis in die Dörfer geht. Das Reporterteam des vielfach preisgekrönten und sogar von der britischen BBC als bester Radiosender Afrikas ausgezeichneten Radiosenders mit Hauptsitz in der nordugandischen Stadt Arua bringt damit Themen auf den Tisch, die den Leuten unter den Nägeln brennen. Und die Reporter bringen die Verantwortlichen gleich zusammen. "Dank Radio Pacis kommen unsere Politiker mit ihren leeren Versprechen schwerer davon", sagt Noel Ayikobuya, Programm-Manager von "Stimmen der Gemeinschaft". Noel hat vor drei Jahren das Auswahlverfahren von Radio Pacis bestanden, sein journalistisches Training bei dem katholischen Sender absolviert, war dort Musikredakteur und ist seit Anfang des Jahres in der neuen Position. "Die Themen hier sind berührend", sagt er, "und sie verändern die Gesellschaft".

IHRE HILFE IST GEFRAGT!
Wie wichtig der Sender "Radio Pacis" besonders in schweren Zeiten ist, zeigt sich für die Flüchtlinge einmal mehr in der Corona-Krise. Das Radio ist während der Pandemie eine wichtige Informationsquelle im Kampf gegen COVID-19. Es klärt über Hygieneregeln wie das richtige Händewaschen und das Abstandhalten auf. Zudem war der Sender die einzige spirituelle Stütze, als die Kirchen schließen mussten und die Menschen dringend seelsorgerische Betreuung brauchten. Hier geht's zur Online Spende>>

Das Radio berichtet über eine neue Manioksorte, die den Hunger abhält

Zum Beispiel "Nasseh 14". Mary Olero ist eine der Frauen, die auf die neue Manioksorte umgesattelt haben, weil sie auf Radio Pacis von deren Vorteilen gehört hatte. Maniok, oder Kassawa, wie die Leute die Nutzpflanze hier nennen, ist Grundnahrungsmittel. "Im Radio haben sie gesagt, dass man diese neue Sorte trocknet statt sie fermentieren zu lassen, wie wir das sonst machen", erklärt sie. "Das erhält die Nährwerte und dauert nicht mehr drei Tage wie früher, sondern nur einen." Die fünffache Mutter und sechsfache Großmutter lächelt zufrieden. "Wir haben hier gehungert. Jetzt essen die Kinder, bevor sie sich auf den Schulweg machen, und wenn sie heimkommen, gibt es wieder zu essen." Sich satt essen zu können oder nicht, ist eine tägliche Sorge. Nur wenige hier leben von mehr als einem Euro pro Tag. Die Menschen aber, die Tag für Tag zu Tausenden aus dem Südsudan nach Norduganda kommen, haben nicht einmal mehr das: Hunderttausende Südsudanesen haben in ihrer Heimat alles zurückgelassen und im Nachbarland Zuflucht gesucht.

Uganda Radio Pacis5Pater Pasolini: "Radio leistet einen großen Beitrag dazu, dass die Südsudanesen hier friedlich aufgenommen werden." Jörg Böthling"Radio Pacis leistet einen großen Beitrag dazu, dass die Südsudanesen hier friedlich aufgenommen werden", sagt Pater Tonino Pasolini. Der 83 Jahre alte Comboni-Missionar, dem man sein Alter kaum glauben möchte, hat den Sender gemeinsam mit der amerikanischen Laienmissionarin Sherry Meyer aufgebaut und mittlerweile auf eine Größe von rund 100 Mitarbeitern gebracht. Der Italiener hat 40 Jahre in Uganda zugebracht. Er spricht fließend Lögbara, die wichtigste der lokalen Sprachen in der Gegend. Uganda hat ihn adoptiert und er Uganda mit seiner qualvollen und blutigen Geschichte: dem Erbe des Diktators Idi Amin, dessen Gewaltherrschaft 400.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Und der Grausamkeit des in einem nordugandischen Dorf geborenen Joseph Kony, der Kinder zu Soldaten der "Lord´s Resistance Army" machte und zum Morden und Plündern verdammte. Uganda, ein Land, dessen Naturschönheit so überwältigend ist wie das Grauen, das die Menschen hier erlebt und einander angetan haben.

"Die Älteren hier erinnern sich noch, dass sie selbst in den Süden des Sudans und in den Kongo fliehen mussten. Das ist sicher ausschlaggebend dafür, dass die Ugander ihre Nachbarn großzügig willkommen heißen", sagt Pasolini. Uganda ist das drittgrößte Aufnahmeland Ostafrikas nach Kenia und Äthiopien. Aber während die beiden anderen Länder große Flüchtlingslager in abgelegenen Gebieten errichtet haben, keine Arbeitsgenehmigung erteilen und Flüchtlingen keine Möglichkeit bieten, legal Land zu erwerben, verfolgt Uganda die liberalste Flüchtlingspolitik. Das beginnt schon bei der Benennung: Uganda spricht von "settlements", also Siedlungen. Anderswo spricht man von Flüchtlingslagern.

"Nach drei Jahren halbieren wir die Essensrationen"

Eine dieser Siedlungen heißt Rhinocamp, weil sie nahe am Nationalpark liegt und die Nilpferde sich hier ausruhten. Rhinocamp beherbergt knapp 90.000 Menschen, ist in sechs Zonen und 33 Dörfer unterteilt. Nur fünf Prozent der Flüchtlinge hier stammen nicht aus dem Südsudan, sondern aus Ländern wie dem Kongo und Burundi. In Rhinocamp sei die Kapazitätsgrenze erreicht, sagt der stellvertretende Siedlungs-Kommandant. Etwas weiter weg werde eine neue Siedlung erbaut, die weiteren 125 000 Menschen Raum bieten soll. Und Land: "Wer hier ankommt, erhält 30 mal 30 Meter, um sich ein Haus zu bauen", erklärt der Armee-Mann. "Dazu kommen 50 mal 50 Meter, um Ackerbau zu betreiben." Bis etwas wächst, sind die Neuankömmlinge freilich abhängig von Hilfe von außen: den Essenslieferungen der Vereinten Nationen. "Nach drei Jahren halbieren wir die Rationen, nach fünf Jahren werden sie gestrichen", sagt der Vizekommandant. Wer dann nicht heimkehren kann, muss wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen.

Heimkehren. Nichts wünscht sich Rebecca Nyanci mehr als das. Aber an Rückkehr ist für die 40-Jährige, deren Beine zerschmettert sind und die auf Krücken angewiesen ist, nicht zu denken. Zu Hause im südsudanesischen Landesteil Jonglei ist niemand mehr. "Meinen Mann haben sie 2014 erschossen", sagt die Dinka-Frau. Sie ist dankbar, dass sie es mit ihren sechs Kindern überhaupt hierher geschafft hat. "Aber zurückgehen? Das werde ich nicht mehr erleben."

Peter Gatkuoth, 46 hat die Heimkehr einmal versucht, nämlich 2011, als der Südsudan unabhängig wurde und die Hoffnung auf Frieden endlich greifbar zu werden schien. Seine Frau Rebekka, 26, und die fünf Kinder, die seit 2006 im Rhinocamp lebten, ließ er hier, um zu sehen, ob das Leben in der alten Heimat möglich wäre. Aber er kam wieder, entmutigt. "Hier ist das Essen knapp, die Kleidung, selbst das Wasser. Aber zu-mindest ist kein Krieg", sagt er. Anders als andere Siedlungen hier im Norden Ugandas hat nicht erst die jüngste Krise im Südsudan das Rhinocamp aus dem Boden schießen lassen: Seit den 90er-Jahren leben hier Flüchtlinge – allerdings waren es noch nie so viele wie heute.

Radio Pacis ist auch hier in den Siedlungen auf Sendung. Eine Stunde, zweimal die Woche. Themen sind der Zugang zu Wasser, zu Gesundheitsvorsorge, aber auch Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung. "Wir sind ein Volk" heißt eine der Sendungen, die mit und für Flüchtlinge produziert wird. Wie bitter nötig das ist, haben Pater Pasolini und Sherry Meyer erst kürzlich erlebt. "In der Region der Madi gab es massive Konflikte, die kurz vor der Eskalation standen. Die örtlichen Chefs haben sich an uns gewandt, damit wir vermitteln", erzählt sie. Radio Pacis, die Stimme des Friedens – das hat sich herumgesprochen.

Uganda Radio Pacis2"On Air" - Radio Pacis in Uganda Jörg Böthling

"Was sich im Südsudan abspielt, ist unerträglich. Es ist ein politischer Machtkampf, der auf dem Rücken der einfachen Leute ausgetragen wird", sagt Pater Pasolini. Im Rhinocamp sind Dinka und Nuer nicht separiert. In ihrer Heimat bringen sie sich gegenseitig um, um den Chef der eigenen Volksgruppe an der Macht zu halten oder an diese zu bringen. Ethnische Konflikte feuern den tödlichen Krieg an. Dazu kommt der Kampf um den Zugang zum Öl. Die Ölvorkommen im Süden des Sudans gehören zu den größten Afrikas.

In den nordugandischen Siedlungen Rhinocamp, Adjumani und Bidi Bidi werden die Menschen nah beieinander untergebracht, die an einem Tag gemeinsam eintreffen. Egal, zu welcher Ethnie sie sich zählen. Eine Herausforderung. "Aber wohl die einzige Möglichkeit", sagt Sherry Meyer. Die Amerikanerin hat, wie Pater Pasolini auch, Jahrzehnte im Norden Ugandas zugebracht. Sie hat gemeinsam mit dem Comboni-Missionar eine ganze Generation von Reportern in Uganda ausgebildet. "Und das, obwohl wir das Handwerk selbst erst lernen mussten", sagt sie. Eine österreichische Journalistin hatte die beiden Missionare in ihren Anfängen begleitet. "Vor 15 Jahren hätten sich die Leute hier niemals getraut, Missstände anzusprechen. Schon gar nicht die Frauen“, sagt sie.

Heute abend hat Sherry Meyer gekocht: gefüllten Truthahn, selbstgemachtes Erdbeereis. Die Früchte hat Pater Pasolini gepflanzt, die Samen stammen aus Italien. Am Tisch sitzen die leitenden Reporter von Radio Pacis, junge Gesichter, voller Vorfreude auf das Essen. "Die Stimmen des Friedens – und der Zukunft", sagt Pater Pasolini.

Hinweis: Pater Tonino Pasolini ist seit vergangenem Jahr im Ruhestand. Sein Nachfolger als Leiter des katholischen Radiosenders "Radio Pacis" ist Pater Charles Idraku.

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