
Fihavanana muss leben!
Reportage aus Madagaskar
Es fehlt nicht nur an Trinkwasser und Strom in Madagaskar, es fehlt an Zukunftsperspektiven – besonders für die unter 30-Jährigen, die immerhin die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Diese junge Generation (GenZ) kämpft für den politischen Wandel. Mit Hilfe ihrer Smartphones hat sie den Präsidenten gestürzt. Doch was ist Monate nach den Protesten von der Hoffnung auf einen Neuanfang geblieben?


Madagaskars Jugend hat genug davon
Herbst 2025. Manchmal braucht es nur noch einen Tropfen. Oder wie in diesem Fall keinen einzigen. Alan hatte endgültig genug davon. Nicht zum ersten Mal in jener Woche hatte er am frühen Morgen vergeblich am Wasserhahn gedreht. Es kam nicht einmal mehr ein Rinnsal, das zum Zähneputzen gereicht hätte. Also ging Alan* ungewaschen zur Uni, wieder einmal. In Discord, einem besonders bei der Gaming-Community beliebten Messenger, liefen die Diskussionen zu diesem Zeitpunkt bereits heiß. Bilder wurden geteilt: Schaut her, so geht Lernen im Dunkeln! Oder: Mal wieder kein Trinkwasser heute!
Was zwei Tage später, am 25. September 2025, auf den Straßen von Antananarivo passierte, ist heute schon Geschichte: 10.000 Menschen kamen zusammen (manche Quellen sagen, es waren bis zu 15.000), um gegen die Missstände im Land zu protestieren. Mit dabei: Alan und seine Freunde Tsiresy und Maël. Alle 20 und 21 Jahre alt.


Es waren hauptsächlich junge Frauen und Männer der GenZ, geboren zwischen ungefähr 1995 und 2012, die die Demonstrationen anführten. Manche von ihnen protestierten über Wochen, auch in anderen Städten des Landes – gegen die ewigen Stromausfälle zum Beispiel. Oder gegen den Fakt, dass rund 90 Prozent der Madagassen von weniger als zwei Dollar pro Tag leben müssen, während gleichzeitig korrupte Eliten seit Jahren Rohstofflizenzen an ausländische Firmen verscherbeln. Und sie wollten Andry Rajoelina loswerden. Spross einer einflussreichen Familie, die ihren Reichtum unter anderem durch Geschäfte mit der einstigen Kolonialmacht Frankreich erworben hatte, und ein Präsident, der längst die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte und sich am liebsten in Dubai aufhielt.
Am Ende dieser unruhigen Wochen sollte Rajoelina nach Frankreich fliehen. Die mächtige Gendarmerie Nationale hatte auf die Proteste mit Tränengas, Gummigeschossen, aber auch mit scharfer Munition geantwortet. Die Militär-Elite-Einheit Capsat hatte sich auf die Seite der GenZ geschlagen – und schließlich die Macht übernommen. 22 Menschen waren getötet worden.


Die GenZ in Madagaskar ist gespalten
Frühjahr 2026. Alan und seine Freunde sitzen an der katholischen Universität von Antananarivo zusammen. Alan, der mitten im ersten Master-Jahr zum Verwaltungsmanager steckt, ist genervt: In meinem Viertel gibt es gerade wieder kein Wasser. Angeblich ist irgendwo eine Leitung geplatzt. Aber das geht schon seit Tagen so.
Die Freunde wirken ratlos, nicht wegen des Wassers. Madagaskars GenZ ist wenige Monate nach den Protesten tief gespalten. Viele von ihnen fühlen sich als Steigbügelhalter eines Militärputsches missbraucht.
Gerade wurden Aktivisten wegen angeblicher Anschlagspläne gegen Militär-Oberst und Übergangspräsident Michael Randrianirina verhaftet. Auch darum wollen die Freunde ihre Nachnamen in diesem Text nicht genannt wissen. Die Preise für Grundnahrungsmittel und Diesel bleiben hoch, während die Bauern jetzt weniger für ihren Reis bekommen. In den Chats ist es seltsam ruhig geworden, erzählen sie. Es soll Neuwahlen geben. Aber wann? War alles umsonst?


Bewundernd blickt man von Madagaskar nach Bangladesch, wo die GenZ 2024 den Anfang gemacht, die langjährige Autokratie ausgehebelt sowie einen Friedensnobelpreisträger als Interims-Präsidenten erzwungen hatte. In der Hauptstadt Dhaka sitzen inzwischen Studierende mit einer neu gegründeten Partei im demokratisch gewählten Parlament.
Man reibt sich die Augen und blickt nach Nepal, wo die GenZ nach einer Revolte im Herbst per „digitalem Parlament“ via Discord über die Zukunft der Regierung abstimmte und schließlich der Reformpartei des ehemaligen Rappers und Bürgermeisters von Kathmandu Rückenwind für eine absolute Mehrheit bei den Neuwahlen verpasste.
Nepals GenZ hatte Madagaskars Jugend inspiriert. Der Leitsatz „Wake up GenZs“ („Wacht auf!“) wurde zu einem Slogan mit madagassischem Inhalt weiterentwickelt: „Wir wollen leben – nicht nur überleben!“ Für die Flagge lieh man sich das internationale Symbol „One Piece“ – und ein einheimischer Influencer setzte dem Jolly Roger-Totenkopf schließlich den traditionellen madagassischen Strohhut auf.


Unsere Forderungen werden nicht umgesetzt.
„Probleme gab es schon immer in Madagaskar“, sagt Alan. Wie auch nicht in einem Land, das auf dem UN-Entwicklungsindex unter den letzten Plätzen zu finden ist. Die meisten Madagassen leben von der Hand in den Mund. Die Folgen des Klimawandels – ständige Dürren und Zyklone – und der Rohstoffhunger der Welt belasten die Insel zusätzlich. Der Staat kümmert sich weder um Bildung noch um medizinische Versorgung. Die meisten Straßen sind unbefestigte Pisten, mögen noch so viele Touristen kommen.
Wir fühlen uns manchmal wie in der Steinzeit
, sagt Alan. Immer wieder ist die Stromversorgung gekappt, das Internet unzuverlässig. Wir lernen am Abend im Kerzenschein, um Handyakku zu sparen. Und das in der Hauptstadt!
Dennoch wissen alle an diesem Morgen im Hof der Uni: Sie sind diejenigen, die es weit gebracht haben. Sie haben Lesen und Schreiben gelernt, sie studieren. Damit gehören sie zur Minderheit in einem Land, in dem Millionen Kindern und Jugendlichen das Lernen verwehrt bleibt und sie früh zur Arbeit gezwungen sind. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Das macht Madagaskar zu einem Land mit einer der jüngsten Bevölkerungen weltweit.
Die Zukunftsaussichten für junge Leute sind düster. Selbst für Studierende. Maël sagt: Wenn du hier studierst, gehst du am Ende vielleicht trotzdem nach Europa und wirst Friseur.
Volampanasina sagt: Wir wissen genau, wo die Probleme liegen. Darum war auch die Uni eine der Keimzellen.


Wir waren Kanonenfutter.
Die GenZ protestierte, das Militär stieg mit ein
25. September 2025. Volampanasina blieb zu Hause. Sie unterstützte das Orgateam aus der Ferne. Zuvor war es zu Auseinandersetzungen mit den Eltern gekommen, das erzählen alle. Obwohl einige der Mütter und Väter als junge Erwachsene selbst auf die Straße gegangen waren. Sie ahnten, dass es ernst werden würde.
Auch Tsiresys Vater ahnte es. Als Gendarm hat er einen der wenigen gut bezahlten Jobs im Land angenommen. Zum Preis, ausführender Arm des Präsidenten zu sein. Schon Tage vorher hatte er den Sohn zur Verwandtschaft nach Antsirabe geschickt, mit dem Buschtaxi ungefähr acht Stunden in Richtung Süden. Er solle doch mal wieder die Familie besuchen. Doch Tsiresy fuhr unter einem Vorwand und ohne das Wissen des Vaters direkt wieder zurück in die Hauptstadt. Er zog eine Maske über und ein fremdes T-Shirt. Neben mir blutete jemand. Ich dachte die ganze Zeit: Was ist, wenn wir uns gegenüberstehen, mein Vater und ich?
Die Gendarmerie blockierte den Tunnel zum Platz der Demokratie. Ein symbolischer Ort und ein Ziel der GenZ. Das hielt uns nicht auf
, erzählt Maël. Wir kletterten über die alten steilen Stiegen hinunter in die Stadt.
Im Windschatten der Proteste kam es zu Brandstiftung und Plünderungen. Die GenZ sagt: Das waren bezahlte Milizen.
Erschöpft und voller Adrenalin fiel den Demonstranten nicht auf, dass immer wieder Wasser und Snacks an die jungen Frauen und Männer verteilt wurde. Auch Waffen. Heute sagen die Freunde: Wir waren Werkzeuge des Militärs an diesem Tag. Wie Kanonenfutter. Wir aßen und wurden nicht müde.


Irgendwo zwischen Gendarmerie, Militär und GenZ kämpfte sich an diesem Tag auch iAko Randrianarivelo durch die Menge, mit Schutzhelm, Presse-Weste und seiner Kamera. Seit Jahren teilt der Fotograf Momente aus Madagaskar mit internationalen Bildagenturen und in den sozialen Medien. Die Seele der Madagassen dokumentieren, wie er es nennt. iAko war in diesen Wochen Tag und Nacht vor Ort. Außer am 2. Oktober, als sein Sohn geboren wurde.
iAko sagt heute: Die jungen Leute wollen nicht nur einen Systemwechsel, sie wollen Dialog. Aber wenn wir wirklich etwas ändern wollen, dann müssen wir uns erst einmal darüber im Klaren sein, wer wir sind und wo wir hinmöchten.
Vielleicht auch deshalb heißt iAkos neues Fotoprojekt „Rà malagasy“. "Ra" bedeutet Blut. Es geht um die Suche nach Identität.


Kein Neuanfang mit Präsident Randrianirina
Mai 2026. Es dauert, bis es Tsiresys WhatsApp-Audio nach Deutschland geschafft hat. Es gab Probleme mit dem Internet, wie er sagt. Und sonst? Es tut weh
, gesteht er. Maël wird deutlicher: Das ist kein Neuanfang. Von diesen Leuten werden unsere Forderungen nicht umgesetzt.
Wird die Jugend nochmal auf die Straße gehen müssen? Bislang warte man ab, sagen die Freunde. Alan kommt mit Neuigkeiten: Übergangspräsident Randrianirina hat soeben seinen Militärstatus aufgegeben, um bei den Wahlen zu kandidieren. Das Ergebnis stehe doch jetzt schon fest. Das madagassische Fihavanana ist tot!
, sagt Alan.
"Fihavanana“ – das uralte madagassische Sozialkonzept, seit Jahrhunderten weitergegeben. Es betont das Band zwischen allen Madagassen, setzt auf solidarisches Handeln und Wohlwollen, über Generationen hinweg. Manche Madagassen behaupten, Fihavanana habe die Korruption erst legitimiert.
Packt nun ausgerechnet die moderne GenZ das Land an seinen uralten Wurzeln? Ny Fihavanana no taloha ny vola
lautet ein madagassischer Satz. Beziehung ist wichtiger als Geld. Bis heute haben Tsiresy und sein Vater kein einziges Mal über den Tag auf dem Platz der Demokratie gesprochen.

Bleiben oder gehen?
Die Schule zu Ende zu bringen und einen Abschluss in der Tasche zu haben, das bleibt für die meisten Mädchen und Jungen in Madagaskar ein Traum. Allein 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche im Inselstaat besuchen laut UN gar keine Schule. Nur gut die Hälfte aller Grundschüler schließt diese überhaupt ab. Gleichzeitig zählt die Geburtenrate mit im Durchschnitt bis zu vier Kindern pro Frau zu den höchsten weltweit – in einem Land, in dem drei von vier Familien unterhalb der Armutsgrenze leben und sich der Staat nicht um Bildung kümmert.
Wer es sich irgendwie leisten und möglich machen kann, verlässt das Land, um von dort aus die Familie in der Heimat finanziell zu unterstützen. Inzwischen bereiten Angebote in Madagaskars Hauptstadt diesen Weg. Eine der ersten Einrichtungen war die Sprachschule und Vermittlungsagentur der Deutschen Angelique Steffeck, AST. Junge Madagassen werden dort auf Sprachniveau gebracht und anschließend als dringend benötigte Fachkräfte (Pflege, Gastronomie und Handwerk) nach Deutschland vermittelt. Neben dem Spracherwerb kümmert sich die Agentur um Vorstellungsgespräche, Ausbildungsverträge und Visa.
Noch sind die Madagassen in der Diaspora eine überschaubare Gemeinschaft. Rund 80 Prozent der Auswanderer haben Frankreich als Ziel. Aber die Community in Deutschland wächst stetig an. Bei AST in Antananarivo lernen gerade 900 Schüler in drei Jahrgängen.
GenZ – digital vernetzt, analog gehetzt
Was im Februar 2025 mit Demonstrationen in Indonesien losging (hier richtete sich der Zorn der GenZ gegen Luxus-Privilegien für Abgeordnete) – sollte in den darauffolgenden Monaten rund um den Globus junge Menschen auf der Straße vereinen. Schon früher war es zu Protesten gekommen, beispielsweise 2024 in Kenia. Regierungen wurden gestürzt, politische Systeme auf Reformkurs gebracht. Zu den erfolgreichsten Beispielen gehört Nepal. Hier gelang es der GenZ im Herbst 2025, nicht nur die Staatsführung zu stürzen, sondern eine Demokratie auf den Weg zu bringen. In Marokko hingegen wurden die Proteste zur selben Zeit mit brutaler Polizeigewalt niedergeschlagen und Jugendliche inhaftiert. Sie hatten zum Beispiel den Bau teurer WM-Stadien kritisiert während gleichzeitig Schulen und Krankenhäuser verkommen. Was alle GenZ-Bewegungen eint, ist die Wut auf korrupte Eliten – und der Wunsch nach Gerechtigkeit und Zukunftschancen. Um sich zu organisieren, nutzt die GenZ Gaming-Plattformen wie Discord, da sie weniger von staatlicher Zensur betroffen sind als beispielsweise Facebook.

Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Fihavanana muss leben!

Stimmen des Sudan

Interview mit Atsu André Agbogan vom JRS


