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Im Vordergrund ein Springbrunnen, hinter der Fontäne ist ein vielbefahrener Platz zu erkennen. In der MItte eine Statue, rechts und links eine lange Reihe Palmen und dazwischen Fahnenmasten mit der madagasischen Flagge.
Blickwechsel:

ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT

Deutschland sucht händeringend Fachkräfte – für die Pflege, die Gastronomie oder das Handwerk. In Madagaskar ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung jünger als 30 Jahre. Jobs gibt es dort kaum. Deutschschulen und Agenturen in Antananarivo machen junge Madagassen fit für eine neue Zukunft. Berichte von Träumen und von der Realität.

„ZIEH ES DURCH!“
Fenitriniaina Rahantanirina will in Deutschland arbeiten

Porträt von Fenitriniaina Rahantanirina
Foto: imago/Alexander Gonschior

Mit ihrem Spielfilmdebüt Cotton Queen ist Suzannah Mirghani über Nacht zur ersten Sudanesin geworden, deren Langfilm es auf die internationalen Leinwände geschafft hat. Mirghani gehört zu einer Generation sudanesischer Künstlerinnen, deren Arbeit eng mit den politischen Erschütterungen ihres Landes verwoben ist.

Mirghani verbrachte den Großteil ihrer Kindheit und Jugend im Sudan, bevor sie mit 16 Jahren gemeinsam mit ihren Eltern ins Exil nach Katar ging. Damals stand der Sudan unter der Militärherrschaft von Omar al-Bashir, der 1989 durch einen Putsch an die Macht gekommen war. Repressionen, Überwachung und eine staatlich forcierte Islamisierung prägten den Alltag. Gleichzeitig tobte ein Bürgerkrieg zwischen der Regierung in Khartum und der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee im Süden. Die 1990er-Jahre waren geprägt von Gewalt, Vertreibungen und Hungersnöten. Viele Intellektuelle, Künstler und Oppositionelle verließen das Land.

Krieg und Flucht haben den Sudan und seine Menschen auseinandergerissen. Dennoch lebt diese prägende Zeit in Mirghanis Filmen weiter: in Landschaften, Stoffen, Stimmen und Erzählungen, die Realität und Sehnsucht miteinander verweben.

Schon ihr preisgekrönter Kurzfilm Al-Sit (2020) erzählte von einem Mädchen in einem sudanesischen Baumwolldorf, dessen Leben von Traditionen und patriarchalen Erwartungen bestimmt wird. Cotton Queen knüpft daran an: Im Mittelpunkt steht die junge Nafisa, die in den Baumwollfeldern des Sudan lebt und zwischen Selbstbestimmung, kolonialer Geschichte und den Anforderungen der Gegenwart ihren eigenen Weg sucht.

Dass Mirghani zugleich Wissenschaftlerin ist und an einem Forschungszentrum der Georgetown University in Katar arbeitet, merkt man ihrer Arbeit an. Sie recherchiert akribisch, gräbt sich in historische Fußnoten ein. Die Idee zum Film entstand aus einer beiläufigen Bemerkung über einen realen Schönheitswettbewerb für Baumwollarbeiterinnen im kolonial geprägten Sudan. Je mehr sie darüber las, desto klarer wurde ihr: In dieser Geschichte bündeln sich Fragen von Macht, Kapitalismus, Schönheit und Kontrolle über weibliche Körper.

Doch noch bevor die Geschichte erzählt werden konnte, wurde die Produktion von Cotton Queen massiv durch die Gegenwart eingeholt: Mit dem erneuten Ausbruch des Bürgerkriegs im Frühjahr 2023 konnten die Dreharbeiten nicht wie geplant im Sudan stattfinden. Viele Schauspieler flohen nach Ägypten, Drehorte wurden unerreichbar, das Land selbst zerfiel vor den Augen derjenigen, die davon erzählen wollten. Es war ziemlich entmutigend, den Spielfilm unter diesen Umständen zu drehen, es war ein Kampf, sagt Mirghani rückblickend.

Die Crew baute schließlich in Ägypten ein sudanesisches Dorf nach. Baumwollfelder, traditionelle Dammur-Stoffe und der Nil wurden für die Regisseurin zu wichtigen Bezugspunkten, um die verlorene Heimat filmisch festzuhalten. Trotz allem wirkt der Film nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen. Das liegt auch an der Freiheit, die Mirghani der Hauptdarstellerin Mihad Murtada gab: Ich sagte: Hör zu, wenn das nicht die Art ist, wie du es sagen willst – wie würdest du es dann sagen? Ich bin die Autorin, aber du verkörperst diese Figur.

Mirghani beschreibt die Dreharbeiten als eine Art gemeinsamen Erinnerungsraum. Für einige Stunden am Tag sei Kairo vergessen gewesen. Die geflüchteten Schauspieler hätten am Set gemeinsam „ihren Sudan“ geschaffen, erzählt sie.

Dabei interessierte Mirghani nicht das Sudan-Bild westlicher Nachrichten. Sie arbeitet mit eigenen Erinnerungen, Geschichten und Bildern. Ihr Sudan ist weiblich, poetisch, widersprüchlich.

Mirghani zeigt den Sudan nicht als Katastrophenort, sondern als kulturellen und emotionalen Raum voller Schönheit und Widersprüche. In einer Zeit, in der allein der Krieg die internationale Berichterstattung über das Land bestimmt, wird Cotton Queen auch zu einem Akt des Widerstands. Oder, wie Mirghani selbst sagt: Den Sudan auf diese Weise am Leben zu halten, ist alles, was ich tun kann.

„DER ANFANG WAR SEHR SCHWER“
Jenisca Heree arbeitet in Deutschland

Porträt von Janisca Heere
Foto: privat

ALS DIE deutsche Regierung im Sommer 2024 über Renten- und Pflegereformen streitet, steht am Flughafen von Antananarivo ein knapp 18-jähriges Mädchen und umarmt ihren Vater das letzte Mal für sehr lange Zeit. Sie steigt allein in das Flugzeug, das sie in ihre neue Zukunft bringen wird. Etwa 20 Stunden später landet Jenisca Heree in München.

Was sie bis dahin über Deutschland weiß? Vor allem Gutes. Das Land, so hat sie gehört, sei modern. Die Menschen seien pünktlich, die öffentlichen Verkehrsmittel seien gut und wer arbeiten wolle, finde Möglichkeiten. Das ist auch ihr Ziel.

Schon Wochen bevor ihr Flugzeug abhebt, hat sie die Zusage für einen Ausbildungsplatz in Deutschland erhalten. Vermittelt von einer deutschen Schule in Antananarivo, auf der sie nach ihrem Abitur zwei Jahre lang deutsch lernte. Eine Freundin hatte ihr von der Schule erzählt, die junge Menschen nicht nur unterstützt, die Sprache zu lernen, sondern auch dabei, einen Job in diesem weit entfernten Land zu finden. Sie dachte: Warum nicht?

Die Aussicht auf ein besseres Leben gibt ihr Mut. Denn sie weiß, selbst mit Abitur wird sie in ihrer Heimat nur schwer eine gute Arbeit finden.

In Deutschland gibt es indes ein ganz anderes Problem. Mehr als ein Drittel der Ausbildungsplätze unbesetzt, titelt die Wochenzeitung Die Zeit in jenem Sommer. Viele Betriebe finden nicht mehr genügend Bewerberinnen und Bewerber. Immer mehr setzen deshalb auf junge Menschen aus dem Ausland. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammern stammt inzwischen etwa jeder sechste Auszubildende aus einem außereuropäischen Staat. Ohne diese jungen Menschen könnten viele Betriebe ihre Ausbildungsplätze nicht mehr vollständig besetzen. Zu ihnen gehört nun auch Jenisca Heree.

In einem kleinen Ort nahe Passau beginnt sie bald ihr drittes Ausbildungsjahr zur Einzelhandelsfachverkäuferin. In dem Shop eines Western-Erlebnisparks verkauft sie Lederjacken, Country-Kleider und Cowboyhüte. Besucher tauchen dort in die Welt des Wilden Westens ein, besuchen Karl-May-Aufführungen mit Winnetou und Old Shatterhand, schießen mit Pfeil und Bogen und übernachten in Tipis. Anfangs dachte Jenisca Heree oft: Was mache ich hier bloß?.

Zudem klang das Deutsch, das sie zuvor mühsam gelernt hatte, im niederbayerischen Alltag plötzlich wie eine andere Sprache. Nach ihrem ersten bayerischen Essen – Ente mit Blaukraut und Knödel – bekommt sie heftige Bauchschmerzen. Ihre Eltern erreicht sie nur sporadisch. Im Dorf meiner Eltern ist das Netz nicht so gut, sagt sie. Wenn sie telefonieren, bricht das Gespräch immer wieder ab.

Der Anfang war sehr schwer, sagt Jenisca Heree. Doch nach und nach wird es leichter. Eine Kollegin wurde zur Freundin, half ihr bei allem und sagte: Du schaffst das.

Heute ist Jenisca Heree 20 Jahre alt. Ja, ich fühle ich mich gut integriert, sagt sie. Über Whatsapp begrüßt sie einen mit Hallöchen. Wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, sagt sie: Ich war ein richtiger Bazi.

Niederbayern ist für sie ein Stück Heimat geworden. Wegziehen möchte sie nicht mehr. Ihr nächstes Ziel: Die Abschlussprüfung im nächsten Jahr erfolgreich bestehen und einen sicheren Job haben. Und dann gibt es da noch einen anderen Wunsch: ihre Eltern und Schwestern wiederzusehen. Aber das Flugticket ist sehr teuer, sagt sie. Irgendwann vielleicht.

Foto: Jörg Böthling

Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Protestierende junge Madagassen.
Reportage aus Madagaskar
Es fehlt nicht nur an Trinkwasser und Strom in Madagaskar, es fehlt an Zukunftsperspektiven – besonders für die unter 30-Jährigen, die GenZ.
Cover des Cover des Bildbands "Madagascar. Impressionen."
Lösen Sie online unser Kreuzworträtsel, schicken Sie uns die Antwort und gewinnen Sie Peter Voss' Bildband "Madagascar. Impressionen".
Im Vordergrund ein Springbrunnen, hinter der Fontäne ist ein vielbefahrener Platz zu erkennen. In der MItte eine Statue, rechts und links eine lange Reihe Palmen und dazwischen Fahnenmasten mit der madagasischen Flagge.
Blickwechsel
In Madagaskar gibt es kaum Jobs. Deutschschulen und Agenturen werben um die junge Bevölkerung. Berichte von Träumen und von der Realität.
Eine Frau sitzt mit ausgestreckten Beinem und dem Rücken an der Wand auf dem Boden vor einem Gebäude. Ihr Gesicht ist auf dem Foto nicht zu sehen, weil der Bildauschnitt so gewählt ist, dass es von einem Stoff, der draußen aufgehängt ist, verdeckt wird. Um sie herum stehen verschiedene Utensilien.
Reportage aus Burkina Faso
In Afrika gibt die Großfamilie Halt. Doch in manchen Regionen werden ältere Frauen ausgegrenzt und bedroht. Bis hin zum Vorwurf der Hexerei.