
Foto: Jörg Böthling
ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT
Deutschland sucht händeringend Fachkräfte – für die Pflege, die Gastronomie oder das Handwerk. In Madagaskar ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung jünger als 30 Jahre. Jobs gibt es dort kaum. Deutschschulen und Agenturen in Antananarivo machen junge Madagassen fit für eine neue Zukunft. Berichte von Träumen und von der Realität.
„ZIEH ES DURCH!“
Fenitriniaina R. will in Deutschland arbeiten

ALS DIE Generation Z im Herbst 2025 auf den Straßen von Madagaskars Hauptstadt für mehr Perspektiven demonstriert, steht Fenitriniainas Entschluss längst fest: Sie wird ihrer Heimat den Rücken kehren und nach Deutschland gehen. Daran ändern auch die Proteste nichts, an denen die 26-Jährige ohnehin nicht teilnimmt.
Wenige Monate nach den Unruhen sitzt sie in einer Deutschschule in einem der besseren Viertel Antananarivos und fühlt sich bestätigt: Unsere Gesellschaft hier ändert sich sowieso nicht! Nee, ich möchte auf keinen Fall hierbleiben
, sagt sie auf Deutsch. Sie stockt, sucht immer wieder nach den richtigen Worten. Das mit der Sprache ist gar nicht so einfach. Vor zwei Jahren, bald nach ihrem Abitur, hat Fenitriniaina damit begonnen, Deutsch zu lernen. Von Null an. Tatsächlich bieten manche weiterführenden Schulen in Madagaskar inzwischen Deutsch als Fach an.
Sechs Stunden pro Woche besucht sie seitdem Kurse an einer privaten Deutschschule. Dafür zahlt sie 250 000 Ariary im Monat, das sind gut 50 Euro. Mehr Stunden kann sie sich nicht leisten, wie sie sagt. Eine Lern-App auf dem Handy soll die Lücken ausgleichen. Und dann schaue ich mir deutsche TikTok-Videos an, das hilft auch.
Immerhin: Fenitriniaina hat schon B2-Niveau geschafft. B2 ist in Deutschland die Voraussetzung für einen qualifizierten Beruf, wie zum Beispiel in der Pflege oder im Handwerk. Jetzt fehlt nur noch ein Vorstellungsgespräch per Video, ein Ausbildungsvertrag und das Visum. Bei allem wird die Schule, die gleichzeitig als Vermittlungsagentur auftritt, unterstützen.
Gute Kontakte zur Deutschen Botschaft bestehen. Noch in diesem Jahr soll die Reise losgehen. Restaurantfachkraft ist Fenitriniainas Traumberuf. Und sie weiß, dass die in Deutschland gesucht sind. Ich kann gut mit Leuten reden und sie beraten
, erklärt sie. Täglich steht sie im Verkaufsstand ihrer Eltern an einer der großen Straßen in Antananarivo und hilft mit. Als Kleinstunternehmer gehört Familie Rahantanirina schon zur unteren Mittelschicht. Darum war es auch immer möglich, Schulgebühren zu zahlen und damit einen Weg zu ebnen.
Dass dieser Weg nun ins Ausland führt, macht die Eltern traurig, gibt Fenitriniaina zu. Schließlich ist sie schon die zweite Tochter, die geht. Gut möglich, dass die anderen Geschwister nachfolgen. Aber wir wissen alle, es ist besser für unsere Familie
, sagt Fenitriniaina. Ich werde eine gute Arbeit haben. In Deutschland gibt es einfach mehr Möglichkeiten.
Dass es vor Ort dann doch nicht ganz so einfach werden könnte, weiß Fenitriniaina natürlich. Schließlich telefoniert sie täglich mit ihrer älteren Schwester, die in Bingen am Rhein als Pflegekraft arbeitet.
300 junge Frauen und Männer pro Jahrgang verlassen die Schule in Antananarivo jedes Jahr in Richtung Deutschland. 2024 war auch Fenitriniainas Schwester dabei. Anfangs habe sie sich sehr alleine gefühlt. Eines Tages hat sie sogar gesagt, dass sie abbricht. Da hab’ ich ihr gesagt: Du hast so viel investiert. Zieh’ es durch!
Inzwischen wohnt die Schwester in einem Wohnheim mit anderen Pflegekräften. Fenitriniaina fände es toll, dort auch unterzukommen. Ich habe ihr gesagt, dass sie doch mal ein bisschen reisen soll. Nach Frankreich, da kennt sie ja die Sprache. Aber sie will nicht. Sie spart alles. Sie verdient 1300 Euro im Monat. Das ist sehr viel Geld für uns!
Fenitriniaina aber will auf jeden Fall Europa sehen. Zumindest Berlin. Und einen echten Winter erleben. Und sie will, dass ihre Eltern stolz auf sie sind.
„DER ANFANG WAR SEHR SCHWER“
Jenisca H. arbeitet in Deutschland

ALS DIE deutsche Regierung im Sommer 2024 über Renten- und Pflegereformen streitet, steht am Flughafen von Antananarivo ein knapp 18-jähriges Mädchen und umarmt ihren Vater das letzte Mal für sehr lange Zeit. Sie steigt allein in das Flugzeug, das sie in ihre neue Zukunft bringen wird. Etwa 20 Stunden später landet Jenisca Heree in München.
Was sie bis dahin über Deutschland weiß? Vor allem Gutes. Das Land, so hat sie gehört, sei modern. Die Menschen seien pünktlich, die öffentlichen Verkehrsmittel seien gut und wer arbeiten wolle, finde Möglichkeiten. Das ist auch ihr Ziel.
Schon Wochen bevor ihr Flugzeug abhebt, hat sie die Zusage für einen Ausbildungsplatz in Deutschland erhalten. Vermittelt von einer deutschen Schule in Antananarivo, auf der sie nach ihrem Abitur zwei Jahre lang deutsch lernte. Eine Freundin hatte ihr von der Schule erzählt, die junge Menschen nicht nur unterstützt, die Sprache zu lernen, sondern auch dabei, einen Job in diesem weit entfernten Land zu finden. Sie dachte: Warum nicht?
Die Aussicht auf ein besseres Leben gibt ihr Mut. Denn sie weiß, selbst mit Abitur wird sie in ihrer Heimat nur schwer eine gute Arbeit finden.
In Deutschland gibt es indes ein ganz anderes Problem. Mehr als ein Drittel der Ausbildungsplätze unbesetzt
, titelt die Wochenzeitung Die Zeit in jenem Sommer. Viele Betriebe finden nicht mehr genügend Bewerberinnen und Bewerber. Immer mehr setzen deshalb auf junge Menschen aus dem Ausland. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammern stammt inzwischen etwa jeder sechste Auszubildende aus einem außereuropäischen Staat. Ohne diese jungen Menschen könnten viele Betriebe ihre Ausbildungsplätze nicht mehr vollständig besetzen. Zu ihnen gehört nun auch Jenisca Heree.
In einem kleinen Ort nahe Passau beginnt sie bald ihr drittes Ausbildungsjahr zur Einzelhandelsfachverkäuferin. In dem Shop eines Western-Erlebnisparks verkauft sie Lederjacken, Country-Kleider und Cowboyhüte. Besucher tauchen dort in die Welt des Wilden Westens ein, besuchen Karl-May-Aufführungen mit Winnetou und Old Shatterhand, schießen mit Pfeil und Bogen und übernachten in Tipis. Anfangs dachte Jenisca Heree oft: Was mache ich hier bloß?
.
Zudem klang das Deutsch, das sie zuvor mühsam gelernt hatte, im niederbayerischen Alltag plötzlich wie eine andere Sprache. Nach ihrem ersten bayerischen Essen – Ente mit Blaukraut und Knödel – bekommt sie heftige Bauchschmerzen. Ihre Eltern erreicht sie nur sporadisch. Im Dorf meiner Eltern ist das Netz nicht so gut
, sagt sie. Wenn sie telefonieren, bricht das Gespräch immer wieder ab.
Der Anfang war sehr schwer
, sagt Jenisca Heree. Doch nach und nach wird es leichter. Eine Kollegin wurde zur Freundin, half ihr bei allem und sagte: Du schaffst das.
Heute ist Jenisca Heree 20 Jahre alt. Ja, ich fühle ich mich gut integriert
, sagt sie. Über Whatsapp begrüßt sie einen mit Hallöchen
. Wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, sagt sie: Ich war ein richtiger Bazi.
Niederbayern ist für sie ein Stück Heimat geworden. Wegziehen möchte sie nicht mehr. Ihr nächstes Ziel: Die Abschlussprüfung im nächsten Jahr erfolgreich bestehen und einen sicheren Job haben. Und dann gibt es da noch einen anderen Wunsch: ihre Eltern und Schwestern wiederzusehen. Aber das Flugticket ist sehr teuer
, sagt sie. Irgendwann vielleicht
.
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