
Mehr Licht
Reportage aus Madagaskar


* Die Namen sind zum Schutz der betroffenen Personen geändert. Die echten Namen sind der Redaktion bekannt.
"MÖRDER". So steht es in Gabriels* Akte. Damit zählt er zu den schweren Jungs in der "Boy City", wie der Jugendtrakt des staatlichen Gefängnisses Ambalatavoahangy in Toamasina unter den jüngeren Häftlingen genannt wird. Für Marc Louis, Priester und Gefängnisseelsorger, ist Gabriel ein Kind. Und ein Opfer unermesslicher Armut. Gabriel ist 14 Jahre alt. In einem kargen Raum erzählt er seine Geschichte. Seit er denken kann, musste er arbeiten. Um die Mutter zu unterstützen, um die Geschwister durchzubringen, für den Teller Reis am Abend. Schule kennt er nicht. Was Gabriel kennt, ist der tägliche Kampf um ein wenig Geld für Essen. Nie habe es gereicht, sagt er leise.


Seinen letzten Job fand Gabriel bei einem Mann, der Schnaps brannte. Er half ihm beim Destillieren. Morgen
, sagte der Mann immer. Morgen bekommst du dein Geld.
Eines Tages erschlug Gabriel ihn mit einem Stein.
Ich habe jemanden getötet
, sagt er, beinahe verwundert.
Seit dreieinhalb Monaten sitzt der 14-Jährige nun schon in Toamasina ein, immerhin getrennt von den männlichen Erwachsenen. Außer Père Marc, wie der Priester von allen genannt wird, hat bislang niemand mit ihm gesprochen. Niemand hat ihn jemals gefragt, wie es ihm geht oder ihm gesagt, wie die Sache für ihn weitergehen wird. Weder ist er angeklagt, noch ist ein Verfahren angesetzt.


Unmenschliche Zustände
Wie Gabriel ergeht es fast allen Häftlingen hier. Das Staatsgefängnis, mitten im Zentrum der wichtigsten Hafenstadt Madagaskars, gehört zu den größten Vollzugsanstalten des Landes. Einst für 350 Häftlinge gebaut, drängen sich inzwischen bis zu 1300 Menschen auf engstem Raum. Darunter straffällig gewordene Kinder, Mütter mit ihren Babys oder Waisen. Der Staat ist Träger des Komplexes aus maroden Baracken.
Was sich jedoch drinnen, hinter den Mauern mit Stacheldraht, abspielt, darüber entscheidet nur das nötige Kleingeld und der Einfluss. Wer Besuch bekommt, hat zumindest die Chance auf ausreichend Essen oder auf eine Matratze auf der Holzpritsche. Toiletten und die Brunnen im Hof sind verschmutzt. Regelmäßig grassieren Krankheiten wie Tuberkulose oder zuletzt das Mpox-Virus, besonders im Trakt für Männer, wo Hunderte zusammengepfercht abwarten. Es gibt keinen Schutz vor Gewalt und Missbrauch. Viele Insassen sind wegen Bagatell- Delikten hier. Nicht selten bleiben sie jahrelang in Haft.
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Die Hölle auf Erden
– so nennt Thomas Joseph diesen Ort. Der indische Ordensmann lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Madagaskar. Er hat schon viel Leid gesehen. Das Gefängnis in Toamasina gehört für ihn zu den schlimmsten Orten
, wie er sagt. Und genau darum legt er als Projektchef der Erzdiözese einen besonderen Fokus auf die Arbeit des Gefängnis-Teams um Priester Marc Louis und die Ordensfrau Rosette Morando. Beide sind keine Neulinge auf dem Gebiet.
Louis steht seit zehn Jahren Inhaftierten zur Seite. Neu ist jedoch die ganzheitliche Agenda der Kirche – und die wiederum ist Teil des recht neuen diözesanen Entwicklungszentrums, das auf großen Wunsch von Kardinal Désiré Tsarahazana die Menschen in der Region stützen soll.


Dazu gehört auch, das Recht eines jeden Menschen auf ein Leben in Würde zu schützen – gerade hinter Gittern. Aus zunächst vorsichtigen Schritten der Kirche sind im Lauf der Zeit immer festere geworden, denn offensichtlich ist der eigentlich verantwortliche Staat abwesend. So nutzt die Kirche schlau – aber mit der gebotenen Sensibilität – das Vakuum zum Wohl der Menschen. Selbst die Anstaltsleitung und das Wachpersonal sind froh über die dauerhafte und gut organisierte Anwesenheit der Kirche im Gefängnis. Sie wirkt auf alle ausgleichend.
Und so fällt inzwischen täglich mehr Licht in die Hölle auf Erden
. Die Kirche hat durchgesetzt, dass Lehrer Zutritt bekommen. Frauen und Männer, die nie eine Schule besuchen durften, lernen Lesen und Schreiben. Ein Bücherschrank, der sich stetig weiter füllt, ist zur Gefängnisbibliothek geworden. Es gibt Ausbildungslehrgänge in der Metall- oder Holzbearbeitung und in Elektrotechnik. Die Angebote strukturieren den Alltag der Häftlinge und ebnen gleichzeitig den Weg, um sich eines Tages wieder in die Gesellschaft einfügen zu können. Père Marc ist stolz auf den bescheidenen Verkaufsraum, der gegenüber der Gefängnispforte geöffnet hat. Die Möbel, die in der Holzwerkstatt gefertigt werden, haben einen sehr guten Ruf
, erzählt er.
Und seit noch nicht allzu langer Zeit darf nun auch die mobile Klinik der Franziskanerinnen für Sprechstunden aufs Gelände. Das hilft Frauen wie Claire*. Die 28-Jährige ist seit fünf Monaten in Ambalatavoahangy. Erst in der Haft bemerkte sie, dass sie ein Kind erwartet.


Ich wollte nur etwas Geld und ein besseres Leben.
Gegen Mittag wartet Claire am Boden vor dem abgeriegelten Frauentrakt, wo derzeit etwa 100 weibliche Häftlinge einsitzen. Die Frauen sitzen in Gruppen zusammen und flechten sich gegenseitig die Haare. Auf einem Feldbett lässt sich eine der Wachen in Militär-Uniform gerade das Essen reichen. Ihre Kollegin hat die Stiefel ausgezogen und schläft im Schatten. Kinder einer Angestellten spielen.
Hühner jagen über den Hof. Die Frauen dürfen sie halten. So kommt ab und zu Fleisch in die Schüsseln. Das Gefängnis-Team hat Obstbäume auf dem Gelände gepflanzt. Wo Geld knapp ist, ist Selbstversorgung umso wichtiger.
Claire hilft heute beim Kochen. So kann sie vielleicht ein wenig mehr abbekommen, für sich und für ihr Ungeborenes. Sie ist aus dem Süden geflohen. Wollte weg von der ewigen Dürre, dem andauernden Hunger. Die Zukunft, so schien es ihr, könnte in einer großen Stadt liegen. Ein neuer Bekannter bat sie bald, für ihn DVDs auf dem Markt zu verkaufen. Es lohne sich, er beteilige sie an den Einnahmen. Was Claire da verkaufte, erfuhr sie erst später beim Verhör: Es waren kinderpornografische Videos. Ich wollte das doch gar nicht
, sagt sie müde im Gespräch mit Schwester Rosette. Ich wollte nur etwas Geld und ein besseres Leben.


Claire wird bald entbinden. Allerdings nicht hier in der Schlafbaracke vor allen anderen. Aber ihr Kind wird fürs erste im Gefängnis in sein Leben starten. Also Hoffnung und sogar Neuanfang in der Hölle auf Erden
? Unbedingt
, meint Projektchef Thomas Joseph. Das Ausrufezeichen dahinter hat die Kirche erst kürzlich mit Hilfe von missio gesetzt und eine langgehegte Idee realisiert: eine Gefängniskapelle mitten auf dem Gelände. Wäre nicht etwas anderes dringlicher gewesen? Ein neuer Brunnen oder neue Toiletten?
Père Thomas schüttelt den Kopf: Gerade dort, wo das Leid am Schlimmsten ist und der Ort der Furchtbarste, setzen wir bewusst etwas Schönes dagegen
. Die Kapelle sei ein Sinnbild für die Würde eines jeden Menschen. Die Häftlinge hier sind nicht einfach irgendwelche Verbrecher. Es sind trotz allem unsere Brüder und Schwestern.
Jeden Sonntag hält Père Marc nun dort die Messe. Ab und zu singt der Chor der Gefangenen. Ein Ort der Ruhe, des Trosts und der Hoffnung.


Vom Gefängnis hat man einen Blick auf die alte Kathedrale.
Die Kirche steht an der Seite der Menschen
Die Kirche kann niemanden aus Ambalatavoahangy herausholen. Aber sie ist nah, auch bildlich. Richten Claire, Gabriel und all die anderen ihren Blick vom großen Freiganghof aus in Richtung Osten, sehen sie, wie die alte Kathedrale Notre-Dame de Lourdes, vor 100 Jahren von französischen Missionaren erbaut, über alles wacht. Sie sehen, wie ihr Turm die mit Graffitis übervolle Gefängnismauer und sogar den Wachturm überragt. Gabriel lernt jetzt lesen und schreiben. Und seine Mutter kommt ab und zu, um ihren Sohn zu besuchen. Zum ersten Mal haben sie Zeit, zu sprechen.

Menschenwürde im Vollzug
Weltweit befinden sich laut UN geschätzt 12 Millionen Menschen in Haft – davon sind gut 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche, zählt man kriegs- und fluchtbedingte Internierungen sowie geschlossene Heime dazu. Die härtesten Bedingungen in Haft in Armutsregionen schreiben Nicht-Regierungsorganisationen Ruanda, Haiti und Madagaskar zu. In Krisengebieten, wie im Jemen oder Südsudan, werden Kinder oft willkürlich wegen angeblicher Verbindungen zu Milizen inhaftiert. In der Haft stellt die größte Gefahr die fehlende Trennung zu Erwachsenen dar. Kinder werden erpresst oder missbraucht. Die UN hat erstmals 1955 verbindliche Richtlinien für einen menschenwürdigen Vollzug aufgestellt. Folter sollte untersagt, der Anspruch von Gefangenen auf Trinkwasser oder medizinische Versorgung festgeschrieben werden. Benannt wurden diese Richtlinien später nach dem südafrikanischen Freiheitskämpfer Nelson Mandela, der selbst 27 Jahre in Haft verbrachte. Die Richtlinien sind rechtlich nicht bindend.
Quelle: UN/World Prison Brief/Amnesty International
Madagaskar im Fokus
Zum Monat der Weltmission nimmt missio in diesem Jahr Madagaskar in den Blick. Partnerinnen und Partner aus dem Inselstaat werden im Oktober hier zu Gast sein und von ihrer Arbeit berichten.
Treffen Sie unter anderen Père Thomas Joseph! Alle Infos hier auf unserer Homepage unter www.weltmissionsmonat.de.

Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Interview mit Kardinal Désiré Tsarahazana

Interview mit Atsu André Agbogan vom JRS

Ausgegrenzt und unsichtbar


