
Am Rand der Ränder
Reportage aus Madagaskar
Im von heftigen Dürren geplagten Südwesten Madagaskars kämpfen die Menschen täglich ums Überleben. Die Kirche hält mit Projekten gegen den Hunger und die Folgen des Klimawandels dagegen – und muss doch immer häufiger Nothilfe leisten. Es mangelt an vielem, aber nicht an Solidarität.


22 METER. Aber selbst das reicht nicht mehr aus. Einige Dorfbewohner haben sich mit Pfarrer Placide Lambert um den schlichten Brunnen versammelt, der einst mit Hilfe der Kirche in den harten Boden der kleinen Siedlung Behazomby getrieben wurde. Sie blicken ratlos in die Tiefe. Die einzige Wasserstelle im Umkreis versalzt zunehmend. Schuld ist der Grundwasserspiegel, den die Dürre täglich weiter sinken lässt. Dadurch entsteht ein Unterdruck, der das schwerere Meerwasser immer tiefer eindringen lässt. Gleichzeitig fällt kaum mehr Regen. Ein toxischer Kreislauf für Mensch und Natur.
Der Ort Behazomby liegt in Küstennähe, tief im trockenen Südwesten Madagaskars. Hier regnet es einmal im Jahr. Und immer häufiger auch keinmal. Und wenn es regnet, dann im Gepäck eines tropischen Wirbelsturms, der alles zerstört. Wie 2023, als Zyklon Freddy tagelang wütete und ganze Dörfer dem Erdboden gleichmachte. Bis heute ist in Behazomby noch nicht alles wieder so, wie es früher war. Vermutlich wird es das auch nicht mehr werden, denn die Bewohner dieser Region trifft der Klimawandel mit voller Härte.
Angespannte Lage


Darüber wollen sie heute sprechen. Auf dem weiten sandigen Platz zwischen den Hütten haben Hunderte Platz genommen. Nur noch wenige alte Bäume spenden Schatten bei knapp 40 Grad Celsius. Selbst Bewohner entfernter Nachbargemeinden haben sich auf den Weg durch die sengende Sonne gemacht, um dabei zu sein. Viele der Familien stammen aus Regionen, die noch weiter im Süden liegen. Sie sind Klimageflüchtete, haben ihre Häuser und Felder verlassen, um zu überleben. Doch selbst hier in den Dörfern der Gemeinde Efoetse ist die Lage inzwischen angespannt.
Das Wasser aus dem Brunnen macht
uns krank
, klagt Herr Fahandraza, der
als einer der Älteren in der Gemeinschaft
das Wort ergreift. Aber wer hilft uns,
wenn wir krank sind?


Pfarrer Placide senkt den Blick. Er kennt die Sorgen der Menschen hier gut. Es sind seine eigenen. Sicher, manche der Pfarreien hier draußen können sich etwas Strom über Solarpanele sichern. Aber einen Wasseranschluss hat hier niemand. Gutes Trinkwasser muss gekauft werden, 20 Liter für umgerechnet 10 Cent. Mangobäume, Papayastauden, alles ist inzwischen eingegangen. Zwar gibt es im 60 Kilometer entfernten Dorf Anakao eine kleine Privatklinik – aber die können sich nur die Touristen der Resorts entlang der Küste leisten. Geld ist hier immer knapp. Ebenso Bildungsmöglichkeiten.
Die Schule St. Thérèse de l'Enfant de Jesus in Efoetse ist die einzige, die die
Kirche anbieten kann. Knapp 150 Kinder
erreicht sie. Es gibt Unterricht, für ein
Schulessen fehlt das Geld. Die Kirche im
Schulhof ist ein Provisorium, seit der
letzte Zyklon das Dach abgedeckt und
Wände aus der Verankerung gerissen hat.
Ein Leben am Limit. Vor einigen Jahren,
erinnert sich Père Placide, sei es so schlimm gewesen, dass die Bewohner der
Region nicht einmal mehr die Früchte der
roten Kakteen aßen – die Notnahrung in
Zeiten heftiger Dürren – sondern die stacheligen
Teile der Pflanze über dem Feuer
auskochten. Es war furchtbar.
Lust auf Print?
In unserem missio magazin erfahren Sie Aktuelles sowie Hintergrundwissen aus unseren missio-Projektländern. Für nur 10 Euro kommt das Magazin 5x im Jahr zu Ihnen nach Hause.

Das Los der Klimaflüchtlinge


Eines Tages sind wir einfach losgelaufen.
Nach der Versammlung lädt Raedson Fiarena Pfarrer Placide und seine Begleiter in seine Hütte ein. Hier lebt der 45-Jährige mit seiner Frau, einige der fünf Kinder und inzwischen sechs Enkelkinder finden hier auch immer wieder einen Platz. Vor wenigen Jahren kam die Familie aus Ampul, 140 Kilometer weiter im Süden. Eines Tages sind wir einfach losgelaufen
, erzählt Fiarena. Es gab nichts mehr zu essen.
In Behazomby wurde die Familie gut aufgenommen. Platz gibt es genügend, und die geteilte und tief empfundene madagassische Identität hilft den verschiedenen Ethnien, miteinander klarzukommen. Aber das Auskommen sorgt den Familienvater nun wieder. Fischer wollte er sein, nachdem es als Bauer nicht mehr funktionierte. Doch der letzte Zyklon zerstörte das mühsam angeschaffte Boot. Fiarena fährt nun jeden Morgen mit einer geliehenen Piroge aus und muss die Hälfte vom Fang abgeben.


Wenn überhaupt etwas im Netz ist, denn das Fischen in der einst so artenreichen Straße von Mosambik wird schwieriger, berichtet Des Affaires Boto. Und Boto muss es wissen, fischt er doch seit seiner Kindheit und steht heute dem vor nicht allzulanger Zeit gegründeten Verband der Fischer in Anakao vor. Täglich muss er seine Familie mit acht Kindern ernähren. Wir müssen uns organisieren
, sagt Boto. Der Verband hat es geschafft, eine der größten Naturschutzorganisationen weltweit auf die Küste aufmerksam zu machen. Gemeinsam arbeitet man nun an Schutzzonen und Schonzeiten für die Fische.
Madagaskars Buchten sind nicht unbekannt, gerade bei Tauchtouristen. Doch die großen Fischfabrik-Trawler aus China oder von den Philippinen kümmern die Bemühungen wenig. Wir sehen, wie nachts die Lichter näherkommen
, erzählt Boto. Sie fischen alles ab.
Und dann noch die Neuankömmlinge aus dem Süden des Landes. Es gibt zu wenig Fische für uns alle
, sagt Boto.
Kinder und Frauen sind die Verlierer Nr. 1


Zu wenig ist es auch in der Hauptstadt
des Südwestens, in Toliara. Mit derzeit
170 000 Einwohnern eine der größeren
Städte der Insel. Und sie wächst weiter
durch den Zuzug der Menschen aus dem
Süden. Hier hat Erzbischof Gustavo
Bombin Espino seinen Sitz. Seit 40 Jahren
leistet der Spanier als Trinitarier-Missionar
seinen Dienst in Madagaskar und
kennt die Herausforderungen. Doch der
weitläufige „Grand Sud“ ist für ihn wie ein Brennglas. Ein Jahr braucht er, um
mindestens einmal in jeder Gemeinde
nach dem Rechten zu sehen – per Sammeltaxi
durch den Busch, per Allrad über
Sandpisten oder mit dem Boot. Mehr als
40 000 km² umfasst das Gebiet seiner
Erzdiözese, das alle Nöte des Landes versammelt.
Wir sind am Rand der Ränder.
Es ist hart, wenn man draußen unterwegs
ist. Die Lebensbedingungen entbehren
oft jeder Würde
, sagt Bombin.
Die Kirche hält mit Projekten dagegen. Bombin hat ein Team für Entwicklung aufgestellt. Doch immer häufiger brauchen die Menschen hier die schnelle Hilfe der Kirche.
Zum Beispiel im Zentrum für unterernährte Kinder mit ihren Müttern am Stadtrand. Dort gibt es nicht viele Plätze, aber die wenigen sind meistens voll. Die Frauen kommen über das Netzwerk der Kirche, oft aus den umliegenden Dörfern, wie die Leiterin und Ordensschwester Marie Noëline Ravaonirina erzählt.
So wie Mandignisoa mit ihrem einjährigen Sohn Andrien. Mandignisoa ist 20 Jahre alt und schon mehrfache Mutter. Vor knapp vier Wochen stand sie mit ihrem Jüngsten vor der Tür. Der Kleine hatte über lange Zeit an Durchfall und Fieber gelitten. Er war kurz davor, zu sterben. Im Zimmer nebenan ist Mutter Anita mit Martino (zehn Monate) untergebracht. Martino wiegt sechs Kilogramm. Normal wären neun. Ihre anderen Kinder hat sie mitgebracht. Sie haben Hunger. Andere im Zentrum kämpfen zusätzlich gegen Malaria.


Die meisten der betroffenen Mütter
sind kaum in der Lage, sich um sich
selbst zu kümmern. Sie sind sehr jung,
haben bereits mehrere Kinder und kein
Auskommen. Viele sind ohne Mann und
damit auf sich gestellt. Kinder und
Frauen sind die Verlierer, wenn Dürre
und Armut herrschen
, sagt Schwester
Noëline. Im Ernährungszentrum der Kirche können sie bleiben, bis die Kinder
ihr Normalgewicht erreicht haben.
Viele der Mütter schlafen hier zum ersten
Mal in einem Bett mit Moskitonetz
und haben Zugang zu sauberem Wasser.
Die Schwestern lehren die Frauen, Mahlzeiten
so zuzubereiten, dass die Kinder
stabil bleiben. Alle wissen: Es gibt nicht
viel. Aber Salz und etwas Öl an den Reis
zu geben, kann helfen.
Ein paar Löffel Reis hat Andrien heute tatsächlich zum ersten Mal wieder zu sich genommen. Laufen kann er immer noch nicht. Er hat es nie gelernt. Noch ist er zu schwach und dämmert den Tag über vor sich hin. Aber es geht langsam bergauf. Die Schwestern wissen, dass zu Hause die Rückschritte lauern. Darum sollen die Mütter in der Anfangszeit noch einmal pro Monat vorstellig werden.
Die Kirche steht an der Seite der Menschen


Als Kirche hier im Süden haben wir nicht viel mehr als Hoffnung zu bieten
,
sagt Gustavo Bombin. Doch das stimmt
nicht ganz. Der Erzbischof von Toliara
ist heute unterwegs in die Pfarrei St. Fil.
Im Gepäck hat er Reis, für die schwächsten
Glieder der Gesellschaft: alleinstehende
Mütter, Alte und Kranke. Den wird er verteilen – wie das die Caritas jeden Samstag tut, an unterschiedlichen
Orten in der Gegend. Mal gibt es Reis, ein
andermal Bohnen oder Öl. Am Monatsanfang
wird sogar ein geringer Betrag an
Geld ausgezahlt. Wer nicht zur Verteilung
kommen kann, bekommt den Reis über
andere nach Hause gebracht.
Wir haben keinen Zauberstab, um es
regnen zu lassen oder die vielen hungrigen
Kinder satt zu machen
, sagt Bombin.
Aber wir gehen mit den Menschen diesen
Weg und ermutigen sie durch unsere
Solidarität.
Solidarität mit dem "Rand der Ränder"
ARM TROTZ REICHTUM

Madagaskar ist reich an Rohstoffen und seltenen Erden. Im Osten der Insel wird in einem der größten Bergbauprojekte weltweit Nickel und Kobalt gefördert, zum Beispiel für die Herstellung von E-Auto-Batterien oder für Akkus in Smartphones. Im Süden befinden sich viele Minen, in denen Titanerze und Graphit für die globale Industrie gewonnen werden. Auch Mica (im Deutschen als Glimmer bekannt) wird dort abgebaut. Es findet sich in Autos, Kosmetik, Farben und Lacken oder Haushaltsgeräten. Gemeinsam mit Indien gehört Madagaskar zu den größten Exporteuren von Mica. Besonders viele Familien im Süden schürfen unter lebensgefährlichen Bedingungen und für umgerechnet wenige Cent am Tag in Minen, darunter zehntausende Kinder. Eine Wertschöpfung im Land findet nicht statt.
MADAGASKAR IM FOKUS
Zum Monat der Weltmission nimmt missio in diesem Jahr Madagaskar in den Blick. Partnerinnen und Partner aus dem Inselstaat werden im Oktober 2026 hier zu Gast sein und von ihrer Arbeit berichten. Treffen Sie unter anderem Erzbischof Gustavo Bombin!
Weitere Infos unter www.weltmissionsmonat.de!

Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Mehr Licht

Interview mit Kardinal Tsarahazana

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit


