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Drei Madagassinnen stehen in einem ausgetrockneten See oder Meerarm, um den herum sich Salz abgelagert hat. Sie schützen sich mit Strohhüten vor der Sonne. Hinter ihnen Sand und teilweise vertrocknete Büsche. Der Himmel ist strahlend blau.

Am Rand der Ränder

Reportage aus Madagaskar

Im von heftigen Dürren geplagten Südwesten Madagaskars kämpfen die Menschen täglich ums Überleben. Die Kirche hält mit Projekten gegen den Hunger und die Folgen des Klimawandels dagegen – und muss doch immer häufiger Nothilfe leisten. Es mangelt an vielem, aber nicht an Solidarität.

Foto: Jörg Böthling
Eine Gruppe Madagassen steht um einen Brunnen.
Eine Gruppe Madagassen steht um einen Brunnen.
Der Grundwasserspiegel sinkt, Brunnen versalzen. Das verschärft die Dürre.

22 METER. Aber selbst das reicht nicht mehr aus. Einige Dorfbewohner haben sich mit Pfarrer Placide Lambert um den schlichten Brunnen versammelt, der einst mit Hilfe der Kirche in den harten Boden der kleinen Siedlung Behazomby getrieben wurde. Sie blicken ratlos in die Tiefe. Die einzige Wasserstelle im Umkreis versalzt zunehmend. Schuld ist der Grundwasserspiegel, den die Dürre täglich weiter sinken lässt. Dadurch entsteht ein Unterdruck, der das schwerere Meerwasser immer tiefer eindringen lässt. Gleichzeitig fällt kaum mehr Regen. Ein toxischer Kreislauf für Mensch und Natur.

Der Ort Behazomby liegt in Küstennähe, tief im trockenen Südwesten Madagaskars. Hier regnet es einmal im Jahr. Und immer häufiger auch keinmal. Und wenn es regnet, dann im Gepäck eines tropischen Wirbelsturms, der alles zerstört. Wie 2023, als Zyklon Freddy tagelang wütete und ganze Dörfer dem Erdboden gleichmachte. Bis heute ist in Behazomby noch nicht alles wieder so, wie es früher war. Vermutlich wird es das auch nicht mehr werden, denn die Bewohner dieser Region trifft der Klimawandel mit voller Härte.

Angespannte Lage

Ein Mann arbeitet auf einem verdorrten Acker.
Ein Handy, gehalten von einer Hand zeigt im Querformat die Vorschau eines Videos vom 25. September 2025. ZU sehen ist eine Straßenszene mit Feuerschale auf einer Kreuzung. Der normale Verkehr geht während der Proteste weiter.
Immer öfter fallen Ernten aus.

Darüber wollen sie heute sprechen. Auf dem weiten sandigen Platz zwischen den Hütten haben Hunderte Platz genommen. Nur noch wenige alte Bäume spenden Schatten bei knapp 40 Grad Celsius. Selbst Bewohner entfernter Nachbargemeinden haben sich auf den Weg durch die sengende Sonne gemacht, um dabei zu sein. Viele der Familien stammen aus Regionen, die noch weiter im Süden liegen. Sie sind Klimageflüchtete, haben ihre Häuser und Felder verlassen, um zu überleben. Doch selbst hier in den Dörfern der Gemeinde Efoetse ist die Lage inzwischen angespannt.

Das Wasser aus dem Brunnen macht uns krank, klagt Herr Fahandraza, der als einer der Älteren in der Gemeinschaft das Wort ergreift. Aber wer hilft uns, wenn wir krank sind?

Kinder strömen aus einer kirchlichen Schule, vor der die Flagge von Madagaskar weht.
Kinder strömen aus einer kirchlichen Schule, vor der die Flagge von Madagaskar weht.
Die einzige Schule der Kirche in der Region. Manche Kinder müssen in der Hitze lange Wege zurücklegen.

Pfarrer Placide senkt den Blick. Er kennt die Sorgen der Menschen hier gut. Es sind seine eigenen. Sicher, manche der Pfarreien hier draußen können sich etwas Strom über Solarpanele sichern. Aber einen Wasseranschluss hat hier niemand. Gutes Trinkwasser muss gekauft werden, 20 Liter für umgerechnet 10 Cent. Mangobäume, Papayastauden, alles ist inzwischen eingegangen. Zwar gibt es im 60 Kilometer entfernten Dorf Anakao eine kleine Privatklinik – aber die können sich nur die Touristen der Resorts entlang der Küste leisten. Geld ist hier immer knapp. Ebenso Bildungsmöglichkeiten.

Die Schule St. Thérèse de l'Enfant de Jesus in Efoetse ist die einzige, die die Kirche anbieten kann. Knapp 150 Kinder erreicht sie. Es gibt Unterricht, für ein Schulessen fehlt das Geld. Die Kirche im Schulhof ist ein Provisorium, seit der letzte Zyklon das Dach abgedeckt und Wände aus der Verankerung gerissen hat. Ein Leben am Limit. Vor einigen Jahren, erinnert sich Père Placide, sei es so schlimm gewesen, dass die Bewohner der Region nicht einmal mehr die Früchte der roten Kakteen aßen – die Notnahrung in Zeiten heftiger Dürren – sondern die stacheligen Teile der Pflanze über dem Feuer auskochten. Es war furchtbar.

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Das Los der Klimaflüchtlinge

Raedson Fiarena, seine Frau und zwei Kinder oder Enkel sitzen auf dem Boden ihrer Hütte.
Raedson Fiarena, seine Frau und zwei Kinder oder Enkel sitzen auf dem Boden ihrer Hütte.
Raedson Fiarena: Eines Tages sind wir einfach losgelaufen.

Nach der Versammlung lädt Raedson Fiarena Pfarrer Placide und seine Begleiter in seine Hütte ein. Hier lebt der 45-Jährige mit seiner Frau, einige der fünf Kinder und inzwischen sechs Enkelkinder finden hier auch immer wieder einen Platz. Vor wenigen Jahren kam die Familie aus Ampul, 140 Kilometer weiter im Süden. Eines Tages sind wir einfach losgelaufen, erzählt Fiarena. Es gab nichts mehr zu essen.

In Behazomby wurde die Familie gut aufgenommen. Platz gibt es genügend, und die geteilte und tief empfundene madagassische Identität hilft den verschiedenen Ethnien, miteinander klarzukommen. Aber das Auskommen sorgt den Familienvater nun wieder. Fischer wollte er sein, nachdem es als Bauer nicht mehr funktionierte. Doch der letzte Zyklon zerstörte das mühsam angeschaffte Boot. Fiarena fährt nun jeden Morgen mit einer geliehenen Piroge aus und muss die Hälfte vom Fang abgeben.

Drei Fischer neben ihren Booten am Strand. Einer kocht etwas auf einer Feuerstelle.
Drei Fischer neben ihren Booten am Strand. Einer kocht etwas auf einer Feuerstelle.
Es gibt zu wenig Fische für alle.

Wenn überhaupt etwas im Netz ist, denn das Fischen in der einst so artenreichen Straße von Mosambik wird schwieriger, berichtet Des Affaires Boto. Und Boto muss es wissen, fischt er doch seit seiner Kindheit und steht heute dem vor nicht allzulanger Zeit gegründeten Verband der Fischer in Anakao vor. Täglich muss er seine Familie mit acht Kindern ernähren. Wir müssen uns organisieren, sagt Boto. Der Verband hat es geschafft, eine der größten Naturschutzorganisationen weltweit auf die Küste aufmerksam zu machen. Gemeinsam arbeitet man nun an Schutzzonen und Schonzeiten für die Fische.

Madagaskars Buchten sind nicht unbekannt, gerade bei Tauchtouristen. Doch die großen Fischfabrik-Trawler aus China oder von den Philippinen kümmern die Bemühungen wenig. Wir sehen, wie nachts die Lichter näherkommen, erzählt Boto. Sie fischen alles ab. Und dann noch die Neuankömmlinge aus dem Süden des Landes. Es gibt zu wenig Fische für uns alle, sagt Boto.

Kinder und Frauen sind die Verlierer Nr. 1

Eine junge Mutter mit ihren beiden Babys rechts und links auf dem Arm.
Eine junge Mutter mit ihren beiden Babys rechts und links auf dem Arm.
Letzte Hoffnung Ernährungszentrum: Viele der Mütter sind sehr jung. Sie können sich kaum um sich selbst kümmern.

Zu wenig ist es auch in der Hauptstadt des Südwestens, in Toliara. Mit derzeit 170 000 Einwohnern eine der größeren Städte der Insel. Und sie wächst weiter durch den Zuzug der Menschen aus dem Süden. Hier hat Erzbischof Gustavo Bombin Espino seinen Sitz. Seit 40 Jahren leistet der Spanier als Trinitarier-Missionar seinen Dienst in Madagaskar und kennt die Herausforderungen. Doch der weitläufige „Grand Sud“ ist für ihn wie ein Brennglas. Ein Jahr braucht er, um mindestens einmal in jeder Gemeinde nach dem Rechten zu sehen – per Sammeltaxi durch den Busch, per Allrad über Sandpisten oder mit dem Boot. Mehr als 40 000 km² umfasst das Gebiet seiner Erzdiözese, das alle Nöte des Landes versammelt. Wir sind am Rand der Ränder. Es ist hart, wenn man draußen unterwegs ist. Die Lebensbedingungen entbehren oft jeder Würde, sagt Bombin.

Die Kirche hält mit Projekten dagegen. Bombin hat ein Team für Entwicklung aufgestellt. Doch immer häufiger brauchen die Menschen hier die schnelle Hilfe der Kirche.

Zum Beispiel im Zentrum für unterernährte Kinder mit ihren Müttern am Stadtrand. Dort gibt es nicht viele Plätze, aber die wenigen sind meistens voll. Die Frauen kommen über das Netzwerk der Kirche, oft aus den umliegenden Dörfern, wie die Leiterin und Ordensschwester Marie Noëline Ravaonirina erzählt.

So wie Mandignisoa mit ihrem einjährigen Sohn Andrien. Mandignisoa ist 20 Jahre alt und schon mehrfache Mutter. Vor knapp vier Wochen stand sie mit ihrem Jüngsten vor der Tür. Der Kleine hatte über lange Zeit an Durchfall und Fieber gelitten. Er war kurz davor, zu sterben. Im Zimmer nebenan ist Mutter Anita mit Martino (zehn Monate) untergebracht. Martino wiegt sechs Kilogramm. Normal wären neun. Ihre anderen Kinder hat sie mitgebracht. Sie haben Hunger. Andere im Zentrum kämpfen zusätzlich gegen Malaria.

Eine Frau sitzt lächelnd auf einem Bett. Auf dem Schoß hält sie ihr Kleinkind. Es hat dünne Arme und einen im Vergleich zum Körper sehr großen Kopf. Neben ihr sitzt eine Ordensschwester, die sich dem kleinen Jungen zuwendet.
Eine Frau sitzt lächelnd auf einem Bett. Auf dem Schoß hält sie ihr Kleinkind. Es hat dünne Arme und einen im Vergleich zum Körper sehr großen Kopf. Neben ihr sitzt eine Ordensschwester, die sich dem kleinen Jungen zuwendet.
Schwester Noeline Ravaonirina: "Kinder und Frauen sind die Verlierer."

Die meisten der betroffenen Mütter sind kaum in der Lage, sich um sich selbst zu kümmern. Sie sind sehr jung, haben bereits mehrere Kinder und kein Auskommen. Viele sind ohne Mann und damit auf sich gestellt. Kinder und Frauen sind die Verlierer, wenn Dürre und Armut herrschen, sagt Schwester Noëline. Im Ernährungszentrum der Kirche können sie bleiben, bis die Kinder ihr Normalgewicht erreicht haben. Viele der Mütter schlafen hier zum ersten Mal in einem Bett mit Moskitonetz und haben Zugang zu sauberem Wasser. Die Schwestern lehren die Frauen, Mahlzeiten so zuzubereiten, dass die Kinder stabil bleiben. Alle wissen: Es gibt nicht viel. Aber Salz und etwas Öl an den Reis zu geben, kann helfen.

Ein paar Löffel Reis hat Andrien heute tatsächlich zum ersten Mal wieder zu sich genommen. Laufen kann er immer noch nicht. Er hat es nie gelernt. Noch ist er zu schwach und dämmert den Tag über vor sich hin. Aber es geht langsam bergauf. Die Schwestern wissen, dass zu Hause die Rückschritte lauern. Darum sollen die Mütter in der Anfangszeit noch einmal pro Monat vorstellig werden.

Die Kirche steht an der Seite der Menschen

Erzbischof Bombin füllt einer Frau etwas Reis in eine schwarze Plastiktüte.
Erzbischof Bombin füllt einer Frau etwas Reis in eine schwarze Plastiktüte.
Die Nahrungsmittelverteilung hilft Alten, Kranken und alleinerziehenden Müttern.

Als Kirche hier im Süden haben wir nicht viel mehr als Hoffnung zu bieten, sagt Gustavo Bombin. Doch das stimmt nicht ganz. Der Erzbischof von Toliara ist heute unterwegs in die Pfarrei St. Fil. Im Gepäck hat er Reis, für die schwächsten Glieder der Gesellschaft: alleinstehende Mütter, Alte und Kranke. Den wird er verteilen – wie das die Caritas jeden Samstag tut, an unterschiedlichen Orten in der Gegend. Mal gibt es Reis, ein andermal Bohnen oder Öl. Am Monatsanfang wird sogar ein geringer Betrag an Geld ausgezahlt. Wer nicht zur Verteilung kommen kann, bekommt den Reis über andere nach Hause gebracht.

Wir haben keinen Zauberstab, um es regnen zu lassen oder die vielen hungrigen Kinder satt zu machen, sagt Bombin. Aber wir gehen mit den Menschen diesen Weg und ermutigen sie durch unsere Solidarität.

Solidarität mit dem "Rand der Ränder"

ARM TROTZ REICHTUM

Zwei Personen, ein Mann und eine Frau. Sie wäscht oder siebt etwas. Die Luft ist staubig. Hinter den beiden: graue Hügel, auf denen weiße Plastiksäcke stehen.

Madagaskar ist reich an Rohstoffen und seltenen Erden. Im Osten der Insel wird in einem der größten Bergbauprojekte weltweit Nickel und Kobalt gefördert, zum Beispiel für die Herstellung von E-Auto-Batterien oder für Akkus in Smartphones. Im Süden befinden sich viele Minen, in denen Titanerze und Graphit für die globale Industrie gewonnen werden. Auch Mica (im Deutschen als Glimmer bekannt) wird dort abgebaut. Es findet sich in Autos, Kosmetik, Farben und Lacken oder Haushaltsgeräten. Gemeinsam mit Indien gehört Madagaskar zu den größten Exporteuren von Mica. Besonders viele Familien im Süden schürfen unter lebensgefährlichen Bedingungen und für umgerechnet wenige Cent am Tag in Minen, darunter zehntausende Kinder. Eine Wertschöpfung im Land findet nicht statt.

MADAGASKAR IM FOKUS

Zum Monat der Weltmission nimmt missio in diesem Jahr Madagaskar in den Blick. Partnerinnen und Partner aus dem Inselstaat werden im Oktober 2026 hier zu Gast sein und von ihrer Arbeit berichten. Treffen Sie unter anderem Erzbischof Gustavo Bombin!

Weitere Infos unter www.weltmissionsmonat.de!

Porträt von Erzbischof Bombin, der gerade mit einer alten Dose Reis aus einem großen, gelben Sack geholt hat.

Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Zwei Gefangene aus Madagaskar blicken aus einem kleinen vergitterten Fenster nach draußen.
Reportage aus Madagaskar
In einem der größten Gefängnisse Madagaskars ist das Leid groß und die Armut nicht fair. Die Kirche steht den Menschen zur Seite.
Porträt von Kardinal Désiré Tsarahazana
Nachgefragt
Madagaskar ist im Umbruch. Die Herausforderungen sind enorm. Welche Rolle spielt die Kirche? Ein Gespräch mit Kardinal Désiré Tsarahazana.
Im Vordergrund ein Springbrunnen, hinter der Fontäne ist ein vielbefahrener Platz zu erkennen. In der MItte eine Statue, rechts und links eine lange Reihe Palmen und dazwischen Fahnenmasten mit der madagasischen Flagge.
Blickwechsel
In Madagaskar gibt es kaum Jobs. Deutschschulen und Agenturen werben um die junge Bevölkerung. Berichte von Träumen und von der Realität.
Drei Madagassinnen stehen in einem ausgetrockneten See oder Meerarm, um den herum sich Salz abgelagert hat. Sie schützen sich mit Strohhüten vor der Sonne. Hinter ihnen Sand und teilweise vertrocknete Büsche. Der Himmel ist strahlend blau.
Reportage aus Madagaskar
Im von Dürren geplagten Südwesten Madagaskars kämpfen die Menschen täglich ums Überleben. Es mangelt an vielem, aber nicht an Solidarität.