
„EGOISMUS MACHT UNS ARM"
Kirche in Madagaskar ist politisch. Muss es sein. Denn die Herausforderungen für die Bewohner des zweitgrößten Inselstaats der Welt sind enorm. Ausverkauf, Klimawandel und korrupte Eliten machen ein reiches Land zu einem der ärmsten der Welt. Der Staat ist im Umbruch. Welche Rolle spielt die Kirche? Ein Gespräch mit dem höchsten Vertreter der katholischen Kirche in Madagaskar.
Eminenz, für das Interview heute tragen Sie Ihre rote Soutane. Im Alltag sieht man Sie gerne in FlipFlops und mit Basttasche. Welche Rolle ist wichtiger – die des Kardinals oder die des Madagassen?
Kardinal Désiré Tsarahazana: Ich trenne das nicht. Der heilige Franz von
Sales sagte: „Lasst uns sein, was wir sind,
und lasst uns das Gute tun“. Das lebe ich.
Was ich jedoch immer bin, ist Christ. Und
da wird es interessant, denn die christlichen
Werte treffen unter Umständen auf kulturelle
Zwänge. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In
einer Gegend im Südosten von Madagaskar
ist es beispielsweise ein Tabu, Zwillinge zu
bekommen. Eigentlich sollten sie gar nicht
geboren werden, und wenn sie es werden,
sind sie schlimmsten Diskriminierungen
ausgesetzt. Als Christ bin ich verpflichtet,
die Betroffenen zu schützen und ein Umdenken
voranzubringen.
Gemeinsam haben wir gestern eine mobile Klinik der Kirche in entlegene Dörfer begleitet. Sie verlassen gerne den Schreibtisch, um bei den Menschen zu sein, oder?
Tsarahazana: Es macht mir große Freude! Jesus durchstreifte
auch die Berge und Dörfer, um bei
den Menschen zu sein. Als ich noch jünger
war, bin ich manchmal drei Tage lang zu
Fuß gegangen, um die entlegensten Winkel
zu erreichen. Die Menschen freuen sich,
mit ihrem Kardinal oder Bischof zusammenzutreffen.
Allerdings erlaubt es mir
meine Zeit nicht immer.
missio fördert Projekte in Madagaskar, auch in Ihrer Erzdiözese. Wie wichtig ist diese Solidargemeinschaft dieser Tage?
Tsarahazana: Sie ist immer wichtig. Ohne den Beitrag der
Christen aus anderen Ländern würden wir
in großen Schwierigkeiten stecken. Andersherum
sehen Sie, dass Ihre Arbeit wiederum
von uns mitgetragen wird.
Mit Schwierigkeiten meinen Sie wohl auch die Folgen durch den Tropensturm Gezani, der im Februar weite Teile der Insel verwüstet hat. missio unterstützte mit Nothilfe. Wie geht es den Betroffenen?
Tsarahazana: Diese Katastrophe hat die Madagassen noch
weiter in die Armut getrieben. Viele Familien
haben fast alles verloren. Es geht auch
Monate später noch darum, alle mit Lebensmitteln zu versorgen und Häuser wieder
instand zu setzen. Dafür fahren Teams
unseres Entwicklungszentrums in die
Dörfer. Wir verteilen gerade auch Blechplatten
für die Dächer. Ich fahre heute
selbst raus.
Auch die Infrastruktur der Kirche war in weiten Teilen zerstört.
Tsarahazana: Allein Hunderte kleiner Kirchen draußen
im Busch wurden weggerissen. Wir sind
immer noch dabei, alles zu reparieren. Die
schnelle Hilfe von missio war sehr wichtig.
Sie hilft bis heute. Dafür möchte ich
nochmals ausdrücklich Danke sagen.
In Zeiten des Klimawandels kommt der nächste Zyklon sicher. Auch die anhaltende Dürre im Süden bereitet Sorgen. Wie rüstet sich das Land, und was kann die Kirche dazu leisten?
Tsarahazana: Wir müssen zum Beispiel endlich den Regenwald
schützen. Die Menschen roden
Bäume, um Flächen für den Reisanbau zu
schaffen. Die Kirche versucht, die Menschen
zu sensibilisieren und unterstützt
bei der Aufforstung. Außerdem haben wir
ein Projekt, das neue Anbaumethoden für
Reis in die Praxis bringt. Wir tun, was
möglich ist – aber wir können nicht alle
Probleme lösen. Ich würde mir wünschen,
dass sich auch der Staat einbringt. Es ist
seine Aufgabe. Die Menschen müssen motiviert
werden, ihr Land zu bewahren. Ich
habe allerdings das Gefühl, dass sich der
Staat nicht sonderlich dafür interessiert.
Dabei ist Madagaskar bekannt für seine Schönheit. Es gibt paradiesische Strände, in den Wäldern eine einzigartige Tierund Pflanzenwelt und Rohstoffe.
Tsarahazana: Das Potenzial ist enorm. Nur leider verfällt
das Land zusehends. Es ist wie bei einem
Korb, gefüllt mit Holzkohle, der auf
dem Markt angeboten wird. Unten ist er
jedoch mit Papier ausgestopft, so dass die
Ware nach mehr aussieht. Madagaskar gehört
jetzt schon zu den ärmsten Ländern
der Welt. Die große Frage ist also: Warum
sind wir arm, obwohl wir förmlich im
Reichtum schwimmen?
Haben Sie die Antwort?
Tsarahazana: Zum großen Teil ist es Egoismus, der uns
arm macht. Natürlich tragen auch globale
Faktoren und die Weltwirtschaft zu diesem
Zustand bei. Es findet keine Wertschöpfung im Land statt. Die Stromversorgung
ist schwierig, die Infrastruktur
schlecht.

Im September ist die junge Generation aufgrund dieser Missstände auf die Straße gegangen.
Tsarahazana: Ungefähr alle zehn Jahre lehnt sich das
madagassische Volk auf und stürzt seinen
Präsidenten. Aber die, die nachfolgen,
wiederholen die Fehler – oder machen es
gar noch schlimmer.
Warum lässt sich dieser Kreislauf nicht durchbrechen?
Tsarahazana: Die, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen,
sind nicht gut. Und die, die gut
sind, sind (noch) nicht bereit. Ich stelle ein
großes Machtstreben fest. Aber die, die sich
wirklich engagieren wollen, werden schnell
sabotiert. Präsident zu sein, wird leider oft
als Möglichkeit gesehen, Geschäfte zu machen
und reich zu werden. Das ist die eine
Seite. Und die andere Seite geht die Madagassen
selbst an. Sie träumen vom Wandel.
Aber sie müssen verstehen, dass auch sie ihren
Teil dazu beitragen müssen.
Inwiefern?
Tsarahazana: Korruption betrifft hier jeden, von der untersten
bis zur obersten Ebene. Wollen wir
einen echten Wandel, müssen wir unsere
Mentalität ändern. Wir müssen uns unserem
Land verpflichtet fühlen. Ich gebe Ihnen
ein Beispiel. Jeder Madagasse sagt:
„Ich liebe mein Land“. Aber sobald man in
höhere Kreise kommt, wird plötzlich kein
Malagasy mehr gesprochen, sondern nur
Französisch. Es fehlt an Identität.
Was braucht das Land außerdem?
Tsarahazana: Gute Bildung. Nur so kann bürgerliches
Engagement entstehen. Und wir brauchen
dezentrale Strukturen und Gewaltenteilung.
Gesetze müssen endlich die Realität
vor Ort berücksichtigen und nicht nur aus
Büros heraus erlassen werden. Ein Beispiel:
Sehen Sie die Kokospalmen dort draußen
vor meinem Fenster, direkt an der Küste?
Sie wurden vor 50 Jahren von Christen
gepflanzt. Wir nutzen dieses Grundstück
für Feste. Übers Jahr hält die Kirche es
instand. Jetzt hat sich der Staat das Grundstück
offiziell einverleibt. Mit dem Ergebnis,
dass es verkommt.
Scheint nicht allzu gut zu sein, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat.
Tsarahazana: Die christlichen Kirchen spielen eine Rolle
und werden als glaubwürdig wahrgenommen,
von Gesellschaft und Staat. Mich
nennen die Gläubigen zum Beispiel „Raimandreny“,
was bedeutet, dass ich wie ein
Vater und eine Mutter gleichzeitig bin.
Aber auch wir Kirchenvertreter müssen leben,
was wir predigen, und gute Vorbilder
sein. Ein jeder von uns. Immerhin sind
knapp die Hälfte der Madagassen Christen.
Auch die Mehrheit derjenigen, die in
diesem Land die Entscheidungen treffen.
Daher tragen wir Verantwortung.
Wie unterstützt die Kirche den Wunsch der GenZ nach Wandel konkret?
Tsarahazana: Diese jungen Menschen riskieren ihr Leben,
um etwas zum Guten zu verändern.
Das unterstützen wir. Die Regierenden hören,
was wir sagen. Aber ich weiß nicht, ob
sie darauf hören.
Hatten Sie nochmal Kontakt zum Übergangspräsidenten Michael Randrianirina?
Tsarahazana: Wir haben uns vor ungefähr vier Wochen getroffen. Es ging unter anderem um Zölle
auf Baumaterial, das wir dringend für den
Wiederaufbau in den Dörfern benötigen.
Auf welcher Seite er wirklich steht, wissen
wir noch nicht. Manchmal haben wir
Zweifel, dann wieder Hoffnung.

Zur Person
Kardinal Désiré Tsarahazana (70) stammt aus dem Norden von Madagaskar. Mehrere Jahre stand er der Bischofskonferenz von Madagaskar vor. In Toamasina, der zweitgrößten Stadt und wichtigsten Hafenstadt des Landes, lebt und arbeitet der Erzbischof seit 2009. Kardinal ist er seit 2018.
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Interview mit Kardinal Désiré Tsarahazana

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