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Eine Frau sitzt mit ausgestreckten Beinem und dem Rücken an der Wand auf dem Boden vor einem Gebäude. Ihr Gesicht ist auf dem Foto nicht zu sehen, weil der Bildauschnitt so gewählt ist, dass es von einem Stoff, der draußen aufgehängt ist, verdeckt wird. Um sie herum stehen verschiedene Utensilien. Foto: Adrien Bitibaly

Ausgegrenzt und unsichtbar

Reportage aus Burkina Faso

In Afrika kümmert sich die Großfamilie um die Menschen und auch im Alter bleibt niemand alleine. So lautet eine gängige Vorstellung. Doch in manchen Regionen droht gerade Frauen große Gefahr, wenn sie älter werden und wenn es in der Familie zu Krankheit oder Tod kommt. Bis hin zum Vorwurf: Du bist eine Hexe! Mit dramatischen Folgen.

Foto: Adrien Bitibaly
Eine Frau in grünem Kleid und schwarzer Brille steht draußen vor einem Gebäude und blickt in Richtung einer älteren Frau mit Kopftuch. die mit dem Rücken zur Kamera sitzt.
Eine Frau in grünem Kleid und schwarzer Brille steht draußen vor einem Gebäude und blickt in Richtung einer älteren Frau mit Kopftuch. die mit dem Rücken zur Kamera sitzt.
Schwester Vickness mit einer Bewohnerin von „Delwende“.

Das Gespräch läuft in die falsche Richtung.

Vickness Muleya hört noch eine Weile ruhig zu, doch dann unterbricht sie. Sie ist nämlich nicht einverstanden mit dem, was ihre beiden Gegenüber sagen.

Vickness Muleya ist katholische Ordensschwester und sie gehört zum Team, welches das Zentrum „Delwende“ leitet, nahe Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso in Westafrika. „Delwende“ ist ein Ort, an dem Frauen Schutz finden, die sonst keinen Platz haben, an dem sie sicher leben können. Weil man sie aus ihrem Haus, aus ihrem Dorf vertrieben hat. Verjagt, beschimpft, mit Dreck beworfen. Man hat sie geschlagen und manchmal sogar noch Schlimmeres mit ihnen gemacht. Die eigene Familie wirft ihnen vor: Du bist eine Hexe!

Zwei Frauen sitzen auf dem Boden vor einem Gebäude. Im Vordergrund sind Zweige und ein Zaun, die die beiden vor Blicken schützen.
Zwei Frauen sitzen auf dem Boden vor einem Gebäude. Im Vordergrund sind Zweige und ein Zaun, die die beiden vor Blicken schützen.
Niemand soll wissen, wo die Frauen leben.

Von Hexerei hat jeder schon gehört

Schwester Vickness hat heute Besucher aus Ouagadougou zu Gast, die sich über ihre Arbeit informieren möchten. Als sie den Männern alles erklärt und auf das Thema „Hexerei“ zu sprechen kommt, bestätigen die beiden Gäste sofort: Ja, genau, es gebe übernatürliche Phänomene in ihrem Land. Unglück, Krankheiten, Tod, für die niemand eine Erklärung geben kann. Das habe jeder schon einmal miterlebt. Und sie fangen an, schaurige Beispiele aufzuzählen.

Hier schreitet die Gastgeberin ein. Sanft und höflich, aber doch bestimmt. Darum gehe es nicht. Es sei egal, ob es den Hexenzauber wirklich gibt oder nicht, sagt sie. Es geht darum, dass wir unsere Frauen hier schützen müssen. Fast 200 Frauen leben in ihrem Zentrum „Delwende“, die man der Hexerei bezichtigt hat. Aber das sind alles nur Anklagen, so die Schwester. Kein einziges Mal ist irgendetwas bewiesen worden.

Für sie ist klar: Dass man Frauen verstößt und verjagt, hat nicht so viel mit Aberglauben zu tun. Sondern mit ganz anderen Dingen, die viel handfester sind – weil es um Macht geht, um Ausgrenzung und um Diskriminierung.

Ein weiß gebatiktes Motiv auf schwarzem Grund, das sich zweimal wiederholt. Es zeigt eine Frau, die ein Gefäß auf dem Kopf trägt, daneben zwei Hütten und eine Palme.
Ein weiß gebatiktes Motiv auf schwarzem Grund, das sich zweimal wiederholt. Es zeigt eine Frau, die ein Gefäß auf dem Kopf trägt, daneben zwei Hütten und eine Palme.

Frauen als angebliche Seelenfresserinnen

Woher kommt das Phänomen, dass Frauen in manchen Regionen von Westafrika als „Sweya“ (Plural „Sweba“) bezeichnet werden – also als eine Person, die Unheil über eine Familie bringen kann? Auch der Begriff der „mangeuse d’ames“ ist verbreitet, übersetzt: Frauen als Seelenfresserinnen.

Lydia Burnautzki von der Universität Wien hat dazu vor Ort in Burkina Faso geforscht und ihre Forschungsergebnisse im Open Gender Journal veröffentlicht: Gewalt, Gender und Armut im Kontext von Sweba-Anschuldigungen. Sie hat sich die Lebensläufe der Frauen angeschaut, die zwischen 1965 und 2009 ins Zentrum „Delwende“ kamen und dort Schutz suchten. Auch für sie steht fest: Der Vorwurf der „Hexerei“ ist nur ein vordergründiger Anlass. Dahinter liegt etwas anderes. Ganz zentral ist: Es geht um Gewalt an Frauen, sagt Lydia Burnautzki. Tradition sei dabei nur ein Vorwand, um die Benachteiligung von Frauen zu rechtfertigen und die Macht in den Händen weniger Männer zu belassen. Lapidar gesagt: Weil es immer schon so war, soll es auch so bleiben. Das gelte besonders für viele Traditionen im Volk der Mossi, das immerhin die größte und einflussreichste Volksgruppe in Burkina Faso darstellt.

Die Forscherin sagt: Innerhalb dieser sich als traditionell verstehenden Mossi-Gesellschaften in Burkina Faso gibt es eine Vielzahl von Gewaltpraktiken an Frauen, die gesellschaftlich legitimiert sind. Und das ist eine davon. Neben den Hexerei-Anklagen sind bei den Mossi traditionell weibliche Genitalverstümmelung verbreitet, ebenso der Brauch der arrangierten Ehen, oft schon in ganz jungem Alter.

Selbstverständlich soll an dieser Stelle gesagt sein, dass längst nicht alle Menschen in Burkina Faso Hexenverfolgung, Frauenbeschneidung und Zwangsverheiratungen gutheißen. Doch wenn man sich an Orten wie dem Zentrum „Delwende“ umhört, findet man eben leider genügend Beispiele dafür, dass gewisse Praktiken fortbestehen.

Eine Frau sitzt auf einem Plastikstuhl und hält die Hände ineinander verschränkt vor dem Bauch. Sie trägt ein weißes Kleid mit Lochmuster, ein schwarzes Kopftuch und goldene Ohrringe.
Eine Frau sitzt auf einem Plastikstuhl und hält die Hände ineinander verschränkt vor dem Bauch. Sie trägt ein weißes Kleid mit Lochmuster, ein schwarzes Kopftuch und goldene Ohrringe.
Überlebende: Eine Frau aus Nouna, die zur Witwe wurde.

Frauen werden in der Familie „vererbt“

Oft fangen die Probleme an, wenn der Mann in der Familie unerwartet krank wird oder sogar stirbt. Dann bleibt seine Frau als Witwe zurück. In manchen Familien und Regionen gilt dann die Tradition, dass die überlebende Frau quasi an einen Bruder des Mannes weiter „vererbt“ wird, als ob sie ein Besitzstand wäre.

Und für den Tod des Mannes wird jemand gesucht, der daran schuld sein muss, erklärt Schwester Vickness Muleya. In den Dörfern werden Rituale praktiziert, um einen Beweis für das angebliche Hexentum zu erlangen. Eine Frau muss eine bestimmte Flüssigkeit trinken und je nach Reaktion darauf lautet das Urteil: Ist sie eine Hexe oder ist sie es nicht? Das genügt, um eine Frau aus dem Dorf zu verstoßen und ihr sämtlichen Besitz wegzunehmen. Es kann zum Beispiel um wertvolle Grundstücke gehen, die ein anderer haben möchte, sagt die Schwester. Um Felder mit ertragreichem Boden, den der Verstorbene beackert hatte und den nun seine Frau geerbt hätte.

Mit solchen Geschichten kommen die Frauen dann ins Zentrum „Delwende“, wenn sie es denn bis dorthin schaffen. Viele andere landen auf der Straße, leben obdachlos, in großer Not. Von Verwandten werden sie abgewiesen, denn zu groß ist die Furcht vor dem Zorn der Familie und zu weit reicht der Arm der Ältesten im Dorf. Im Schutzhaus müssen sie sich verstecken und möglichst anonym bleiben. Deshalb sollen in diesem Text auch keine Schicksale einzelner Frauen erscheinen. Aber man muss nicht weit suchen, um diese anderswo im Land zu finden.

Frauen in bunten Kleidern sitzen in einem Halbkreis zusammen in einem Hof.
Frauen in bunten Kleidern sitzen in einem Halbkreis zusammen in einem Hof.
Die Frauen versuchen, sich gegenseitig zu stärken.

Viele Männer sind zu allem fähig

Ja, so ist es leider, sagt Lucie T. Unsere Brüder und unsere Söhne sind zu allem fähig. Lucie T. ist es ähnlich ergangen wie den Frauen von „Delwende“. Nur lebt sie in Nouna, einer Stadt nahe der Grenze zu Mali. 2004 starb ihr Mann, Lucie T. war plötzlich Witwe. Sie war auf sich allein gestellt mit den kleinen Kindern. Sie bat bei der Kirche um Hilfe.

Heute leitet Lucie T. eine Selbsthilfegruppe von Frauen. Wir versuchen, dass wir uns gemeinsam stärken, sagt sie. In einer ehemaligen Bäckerei, die lange leer stand, treffen sie sich. Sie produzieren Stoffe und Kleider für den Markt, um ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Allen Widrigkeiten zum Trotz.

Nicht nur in Städten wie Nouna oder der Hauptstadt Ouagadougou finden verstoßene Frauen Schutz. Auch in der kleinen Stadt Tema-Bokin, etwa zwei Stunden nördlich von Ouagadougou. Zwar ist es bei den „Schwestern von der Unbefleckten Empfängnis“ nur eine vergleichsweise kleine Gruppe, aber dennoch: Auch hier gibt es dasselbe Phänomen. Frauen, die ein gewisses Alter erreicht haben, keine Kinder mehr bekommen können, sind in der Dorfgemeinschaft oft nicht mehr erwünscht. Es genügt ein Vorwand – ein Todesfall, eine böse Krankheit, ein anderes Unglück. Dann werden sie vertrieben.

Das Zentrum in Tema-Bokin wird von der katholischen Kirche betrieben. Mit Hilfe von Spenden ist es möglich, den Frauen Schutz zu geben: mehr zum aktuellen missio magazin-Spendenprojekt.

Früher wurden sie mit Steinen beworfen

Die Dinge verbessern sich – langsam vielleicht, aber immerhin. Lydia Burnautzki war dort: Eine Schwester hat mir damals gesagt: Wir haben hier Erfolge vorzuweisen. Am Anfang, als wir diese Frauen aufgenommen haben, sind sie von den Dorfangehörigen noch mit Steinen beworfen worden. Heute nicht mehr. Und das ist ein Fortschritt. In einem ganz kleinen Rahmen, aber es ist einer.

Auch Schwester Vickness Muelya im Zentrum „Delwende“ betont, dass es Fortschritte gibt. Die Zahl der Neuankömmlinge werde weniger. Für sie ein Zeichen dafür, dass manche angebliche Tradition, die am Ende doch nur ein Mittel zur Unterdrückung ist, auch verändert werden kann. Es ist nicht einfach nur die Kultur und muss für immer so bleiben. Längst hat der Staat Gesetze erlassen, die derartige Praktiken unter Strafe stellen. Die Menschen haben mehr Wissen, sie kennen ihre Rechte besser als früher. Die Ordensschwester sagt: Früher hieß es: Der Dorfchef hat gesprochen, also machen alle, was er sagt. Heute glauben die Jüngeren nicht mehr automatisch alles, nur weil die Alten es so gesagt haben.

Eine Frau sitzt im überdachten Bereich eines Gebäudes und blickt vor sich auf die Arbeit, die sie gerade mit Hilfe von einem Metallwerkzeug verrichtet.
Eine Frau sitzt im überdachten Bereich eines Gebäudes und blickt vor sich auf die Arbeit, die sie gerade mit Hilfe von einem Metallwerkzeug verrichtet.
Viele Frauen plagen Zweifel: Was geschieht, wenn sie mich von Neuem anklagen?

Manche leben seit Jahrzehnten hier

Wenn sie durch die Gebäude geht und mit „ihren“ Frauen spricht, dann spürt man dennoch eine gewisse Traurigkeit, eine eigenartige Stille. Viele Frauen leben 10, 20 oder gar 30 Jahre hier. Jahre und Jahrzehnte, ohne je eine Aussicht auf Rückkehr gehabt zu haben. Wir müssen sehr viel palliative Betreuung anbieten, sagt die Schwester. Sie kennt Frauen, die große Schmerzen haben, die nicht mehr gut gehen können, die ihr Augenlicht verloren haben. Etwas jüngere Bewohnerinnen leben mit Älteren zusammen – so wollen sie die Betreuung auf mehrere Kräfte verteilen.

Oberstes Ziel bleibt die Versöhnung. Der Weg zurück nach Hause, in die frühere Familie. Doch das braucht oft sehr viel Zeit und langwierige Verhandlungen. Auch Geldsummen fließen. Die Schwestern versuchen zu vermitteln. Grundsätzlich sind die Frauen immer bereit nach Hause zu gehen. Was sie zurückhält ist die Angst: Was geschieht mit mir, wenn sie mich von neuem anklagen?

Zwei Männer sitzen jeder auf einem Stuhl vor einem Jeep und einem PKW. Zwischen ihnen steht eine Frau mit grünem Kleid und schwarzer Brille.
Zwei Männer sitzen jeder auf einem Stuhl vor einem Jeep und einem PKW. Zwischen ihnen steht eine Frau mit grünem Kleid und schwarzer Brille.
Rund 200 Frauen leben hier – und wenige Männer.

Versöhnung braucht sehr viel Zeit

Öfter kommt zurzeit ein junger Mann vorbei, kaum 20 Jahre alt. Er besucht seine Mutter. Es ist ihr erster Sohn. Gibt es eine Chance, die Mutter heimzuholen? Man merkt, wie diese ganze Last auf seinen Schultern liegt, hat die Schwester beobachtet. Seine Verwandten – besonders ein Onkel – waren es, die die Mutter verstießen. Wie kann er die Versöhnung anstoßen, ohne dabei selbst den Zorn der Verwandtschaft auf sich zu ziehen? Er ist noch nicht weit genug, sagt die Schwester. Erst muss er selbst auf eigenen Füßen stehen. Dann könne er die Vermittlerrolle einnehmen.

Und so verstreichen eben die Jahre. Vor kurzem starb im „Delwende“ eine Frau, die unglaubliche 50 Jahre dort gelebt hatte – ein halbes Jahrhundert ausgegrenzt und verstoßen, wegen einer angeblichen „Hexerei“.

Eine verlassene Straße aus rotem Lehmboden kontrastiert mit dem strahlendblauen Himmel. Am Straßenrand stehen Gebäude und vereinzelt Bäume.
Eine verlassene Straße aus rotem Lehmboden kontrastiert mit dem strahlendblauen Himmel. Am Straßenrand stehen Gebäude und vereinzelt Bäume.
Verlassen: Dörfer und Städte wurden vom Terror heimgesucht.

Terroristen treiben Frauen in die Flucht

Ganz unverhofft können auch völlig neue Herausforderungen auftauchen. So ging es Lucie T. und ihren Gefährtinnen in Nouna. Als sich vor einigen Jahren der Terrorismus im Land ausbreitete und vor allem islamistische Gruppen ganze Dörfer und Landstriche überfielen, mussten die Menschen zu Tausenden fliehen. Bis heute sind viele Regionen verwaist und die Häuser stehen leer.

Und wiederum waren es vor allem Frauen, die besonders in Gefahr gerieten. Es ist eine Krise, wie wir sie nie zuvor erlebt haben, beschreibt es Lucie T. Aber was blieb ihnen übrig, als denen zu helfen, die nun bei ihnen anklopften und um Hilfe fragten? Wir haben für sie Essen gekocht, und wir haben sie bei uns einquartiert, sagt Lucie T.

Zwei Frauen knien auf dem Boden und gestalten gemeinsam eine Batik-Arbeit in schwarz-weiß.
Zwei Frauen knien auf dem Boden und gestalten gemeinsam eine Batik-Arbeit in schwarz-weiß.

Man muss etwas tun

Sie wendet sich der Gruppe zu, die gerade ein Paket mit frisch gewebten und gefärbten Stoffen fertigmacht, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Aus den bedrängten Witwen sind Geschäftsfrauen geworden. Naja, sagt Lucie T. mit einem kleinen Lächeln im Gesicht. Man muss eben schauen, dass man etwas zu tun hat.

Dann denkt sie noch ein letztes Mal zurück an frühere Zeiten. Sie sei davongekommen, sagt sie. Ich habe mich retten können – und jetzt kann ich anderen helfen!

Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

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Lösen Sie online unser Kreuzworträtsel, schicken Sie uns die Antwort und gewinnen Sie ein Exemplar von "Himmel im Mund - klein und fein".
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Es fehlt nicht nur an Trinkwasser und Strom in Madagaskar, es fehlt an Zukunftsperspektiven – besonders für die unter 30-Jährigen, die GenZ.
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