
Die bange Zukunft der Massai
Reportage aus Tansania
Im Ngorongoro-Gebiet in Tansania soll es bald keine Massai mehr geben. Die Regierung drängt die Menschen aus ihrem angestammten Land – offiziell im Namen des Naturschutzes, tatsächlich wohl um Platz für mehr Tourismus zu schaffen. Fernab der politischen Auseinandersetzung steht die Kirche den Massai zur Seite: Ordensleute unterhalten Schulen und Gesundheitsstationen und bilden Katechisten aus. Ein Weg zu Bildung, der sie stärken soll, ohne zu entwurzeln.

Fotos: Jörg Böthling


ALS LOMAYANY Simango Letonde im Alter von acht Jahren bei einem Schulfreund in einem „richtigen“ Haus eingeladen ist, weiß er: In so etwas will ich auch einmal wohnen. Lomayany lebt damals mit seiner Großfamilie unweit des Ngorongoro-Kraters am Magadi-See in einer Boma, einem für die Volksgruppe der Massai typischen Gehöft mit Rundhütten und einem kreisförmigen Viehgehege als Nachtlager für Rinder und Ziegen. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. Sobald das umliegende Land nach ein paar Jahren von den Herden abgegrast ist, zieht die Familie weiter, um neues Weideland zu erschließen. Eine neue Boma wird gebaut.
In der Schule habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Kinder außerhalb der Massai-Gemeinschaft getroffen
, sagt Lomayany. Der 37-Jährige ist heute Mathelehrer an einer weiterführenden Schule und lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen in Arusha, einer Stadt im Norden Tansanias, die Touristen als Ausgangspunkt für Safaris in die Serengeti und zum Ngorongoro-Krater bekannt ist. Und ja, ich wohne jetzt in einem echten Haus aus Stein, wie ich es mir damals erträumt habe
, sagt er und stößt mit seinem Ellenbogen dem neben ihm stehenden Ordensmann Albano Mwombeki lächelnd in die Seite. Der Lehrer und der Priester treffen sich alle paar Monate hier in der Missionszentrale der Ordensgemeinschaft der Spiritaner am Stadtrand von Arusha – so auch an diesem Sommernachmittag.
Studium statt Viehzucht


Dass mein Vater mir nach dem Schulabschluss noch erlaubt hat zu studieren, habe ich alles Euch Spiritanern zu verdanken
, sagt Lomayany und nickt Father Albano zu. Ihr habt meinen Vater erst auf die Idee gebracht, mich auf die Schule und dann auf die Uni gehen zu lassen.
Neben seinem Mathematikstudium hat Lomayany eine Ausbildung zum Katechisten absolviert. In dieser Funktion unterstützt er als ehrenamtlicher Mitarbeiter Father Albano und seine Priesterkollegen bei der Gemeindearbeit, gestaltet Gottesdienste mit und vermittelt christliche Werte. Seine Eltern und die sieben Geschwister leben noch immer das traditionelle Leben der Massai: Die Brüder hüten die Rinder- und Ziegenherden, die Schwestern kümmern sich mit der Mutter um den Haushalt, sammeln Feuerholz und schleppen Trinkwasser. Früher wäre ein Leben, wie es Lomayany jetzt führt, für einen Massai-Jungen undenkbar gewesen
, sagt Father Albano.
Am nächsten Vormittag ist er bereits wieder auf der Rückfahrt von Arusha in die Pfarrei Endulen mitten im Ngorongoro-Naturschutzgebiet, in dem er als Gemeindepriester arbeitet. Vier Stunden dauert die beschwerliche Autofahrt über unbefestigte Straßen und Sandpisten. Der 49-Jährige ist auch für die Betreuung der Katechisten in der Nachbargemeinde Loliondo mit zuständig. Dort gibt es eine große Schule, in der junge Massai wie Lomayany die Grundlagen für die Arbeit in den kleinen Gemeinden und für den Religionsunterricht erlernen. Inzwischen gibt es auch immer mehr junge Frauen, die diesen Weg einschlagen.


Gegen Benachteiligung und Bevormundung
Ohne Katechistinnen und Katechisten wäre die Gemeindearbeit in den weitläufigen Pfarreien nicht zu stemmen
, sagt Albano Mwombeki. Der Werdegang von Lomayany und auch die Tatsache, dass Väter und Dorfälteste inzwischen auch Mädchen erlauben, die Schule und das Katechistenzentrum zu besuchen, bestärken den Spiritanerpriester jeden Tag darin, dass die enge Zusammenarbeit der katholischen Kirche mit den Massai der richtige Weg ist.
Wir setzen darauf, dass sich die Massai aus sich selbst heraus weiterentwickeln und überholte Traditionen verändern. Wir wollen, dass sie nicht benachteiligt und bevormundet werden
, erklärt Father Albano. Unsere Katechisten kennen die Kultur, die Sprache, den Alltag genau. Sie sind Teil der Gemeinschaft, können die Menschen so erreichen und nötige Veränderungen herbeiführen.
Pater Albano spielt darauf an, dass in vielen Massai-Familien das grausame Ritual der weiblichen Genitalverstümmelung, Teenager-Ehen und Polygamie noch immer weit verbreitet sind.
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Furcht vor Vertreibung


Ob genug Zeit bleibt für eine eigenständige Entwicklung der Massai ist allerdings alles andere als gewiss. Ein Landkonflikt zwischen der indigenen Bevölkerung und der tansanischen Regierung spitzt sich in der Gegend mehr und mehr zu. Auf der langen Autofahrt von Arusha nach Endulen führt die Straße vorbei an mehreren Metallschildern mit der Aufschrift „Safariland“. Daneben prangt die überlebensgroße Silhouette eines Massai-Kriegers mit Speer und Shuka, dem traditionell getragenen Tuch. Es ist ein Kontrast, der sofort ins Auge fällt: Mit dem Bild der Massai wird groß geworben, während sie gleichzeitig aus genau diesem Gebiet verdrängt werden sollen. Seit Jahren forciert die Regierung die Umsiedlung der indigenen Bevölkerung aus dem Ngorongoro-Naturschutzgebiet.
Menschenrechtsexperten unter anderem von Amnesty International und der Gesellschaft für bedrohte Völker teilen diese Einschätzung: Sie bezeichnen die geplanten Umsiedlungen als erzwungene Vertreibung und werfen der Regierung vor, kommerzielle Interessen über die Rechte der Massai zu stellen. Bewohnern und Aktivisten vor Ort zufolge werden Schulen und Gesundheitsstationen in der Region die staatlichen Zuschüsse gestrichen. Der Zugang zu Wasser und Weideland werde den Volksgruppen – neben den Massai leben hier auch Datoga und Hadzabe – zunehmend erschwert. Viele vermuten dahinter Kalkül: Man spekuliere darauf, dass sich die Menschen irgendwann nicht mehr zuhause fühlen und von allein gehen. Ohne die störenden Massai mit ihren großen Viehherden könnten dann exklusiver Safaritourismus und lukrative Trophäenjagd ungehindert ausgebaut werden.


Wirtschaftliche Interessen und Schikanen
Nach seiner Ankunft im Pfarrhaus einen jungen Familienvater aus seiner Gemeinde, der die Auseinandersetzung mit der Regierung am eigenen Leib erfahren hat. Seinen Namen will der Mann nicht öffentlich nennen, zu groß ist die Angst vor Konsequenzen. Er hatte im August 2024 an einer Protestaktion teilgenommen, bei der Massai die Hauptstraße zwischen dem Ngorongoro-Naturschutzgebiet und der Serengeti für mehrere Tage blockierten. Sie forderten den Stopp ihrer drohenden Vertreibung und die Anerkennung ihrer indigenen Landrechte. Die Regierung lenkte damals vermeintlich ein und versprach sogar, die gekappte Grundversorgung in Schulen und Krankenstationen wieder aufzunehmen. Stattdessen aber ließ Präsidentin Samia Suluhu Hassan umstrittene Kommissionen tagen, deren unkonkrete Ergebnisse die Massai bis heute als reine Hinhaltetaktik empfinden. Die Regierung hat nur wirtschaftliche Interessen
, sagt der Aktivist. Sie will mehr Lodges, mehr Camps, mehr Löwen und Elefanten für die Touristen – sonst nichts.
Noch drastischer war die Lage bereits im März 2022 in der Nähe von Loliondo eskaliert, als die Regierung ein bestehendes Großwildjagd-Gebiet – seit 1992 exklusiv für zahlungskräftige Gäste aus den Golfstaaten reserviert – massiv erweitern wollte. Es kam zu tagelangen Zusammenstößen zwischen bewaffneter Polizei und mit Speeren ausgerüsteten Massai. Ein Polizist starb, mehrere Dörfer wurden zerstört. Am Ende bekam die Regierung, was sie wollte
, erzählt der junge Mann. Das alles zeigt, dass Tier- und Umweltschutz nur ein Vorwand sind.
Er erinnert daran, dass seine Volksgruppe schon in den 1950er Jahren von der damaligen britischen Kolonialregierung aus dem Gebiet des heutigen Serengeti-Nationalparks vertrieben und in den Ngorongoro-Distrikt umgesiedelt wurde. Noch einmal werden wir das nicht mit uns machen lassen
, erklärt er eindringlich. Wir sind jetzt gebildeter und besser organisiert als früher. Wir wohnen zwar noch in unseren Bomas, haben aber Handys und kommunizieren untereinander.


Die Spiritaner selbst halten sich aus der politischen Auseinandersetzung heraus – zu groß ist die Sorge, dass offene Worte ihre Projektarbeit gefährden könnten. Die katholische Kirche in Tansania hat sich dafür entschieden, vor Ort zu bleiben und weiterhin Gottesdienste für die Massai anzubieten, obwohl die Arbeitsbedingungen nicht gerade förderlich sind
, sagt Father Albano. Er hört seinen Gemeindemitgliedern zu, begleitet sie seelsorgerisch – doch die politische Bewertung überlässt er bewusst anderen.
Natürlich leidet auch Lomayany Simango Letonde, der Mathelehrer und Katechist aus Arusha, mit seinen Leuten mit. Regelmäßig besucht er während seiner Katechisten-Einsätze und in den Ferien die Boma seiner Eltern in der Pfarrei von Father Albano. Lomayany hofft, dass sein Weg bald auch der seiner Neffen und Nichten sein kann: nicht das abrupte Ende eines Lebensstils, wie es die Regierung mit ihren Umsiedlungsplänen erzwingen will – sondern ein langsamer, selbstbestimmter Wandel.
Solidarität mit dem "Rand der Ränder"
HINTERGRUND: DIE MASSAI UND DAS NGORONGORO-GEBIET

Im Ngorongoro-Naturschutzgebiet im Norden Tansanias leben schätzungsweise 90 000 bis 100 000 Massai. Das Gebiet gehörte ursprünglich zum 1951 von der damaligen britischen Kolonialregierung neu geschaffenen Serengeti Nationalpark und wurde 1959 zur „Conservation Area“ erklärt. Hintergrund war die Abgrenzung von der Serengeti. Weil Nationalparks nach kolonialem Verständnis reine Wildnisgebiete ohne menschliche Besiedlung sein mussten, wurden die dort lebenden Massai in das neu geschaffene Naturschutzgebiet umgesiedelt. Jetzt droht den indigenen Gruppen erneut die Vertreibung.
Seit ihrer Wiederwahl 2021 verfolgt die tansanische Präsidentin Samia Suluhu Hassan das Ziel, große Teile der ansässigen Bevölkerung in die rund 600 Kilometer entfernte Region Tanga umzusiedeln – mit der Begründung, das Gebiet sei durch Bevölkerungswachstum ökologisch überlastet. Massai-Vertreter und Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung dagegen vor, wirtschaftliche Interessen des Tourismus- und Jagdgeschäfts hinter dem Naturschutzargument zu verbergen. Der katholische Orden der Spiritaner – ist seit 1920 in der Region aktiv und unterhält in der Erzdiözese Arusha mehrere Pfarreien, davon drei im Ngorongoro-Naturschutzgebiet. Die Gemeinden verteilen sich über ein riesiges Territorium von mehr als 65 000 Quadratkilometern – einer Fläche eineinhalb Mal so groß wie die Schweiz.
Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Die Lehre vom Wasser

Ein Blick, ein Klick

Interview mit Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ

