
Die Lehre vom Wasser
Reportage aus Madagaskar
Schule ist Lernort. In einer Kleinstadt im Hochland von Madagaskar ist sie für Hunderte Mädchen und Jungen noch viel mehr als das, nämlich die einzige Gelegenheit, sorgenfrei Wasser zu trinken oder sich waschen zu können. Keine Nebensache, finden die Schwestern, die die Schule betreiben. Denn wer nicht gesund ist, der kann auch nicht lernen. Und es gibt schon die nächsten Ideen.


DER MONTAG BEGINNT mit einem Lob aus Lautsprechern. Die Schülerinnen und Schüler – immerhin gute 2000 – haben ihre wenigen Gruben-Latrinen auf dem Schulgelände in der vergangenen Woche sauber gehalten. Keine leichte Übung in düsteren Holzkabinen ohne Wasserspülung. Rolandine Razafiarisoa, das Mikrofon in der Hand, lässt ihren Blick zufrieden vom Balkon aus über die Reihen wandern. Applaus brandet auf im Schulhof, von jedem für jeden. Dann wird der „Nachrichtenblock“ verlesen. Wichtig, findet die Schulleitung. Denn nur wer Bescheid wisse, was sich in der Stadt, aber auch in Madagaskar und rund um die Welt tue, könne ein mündiger und aktiver Teil der Gesellschaft sein.
Zum Schluss klingt Musik aus den Lautsprecherboxen. Alle tanzen bevor es in die Klassenzimmer geht. Die Kindergartenkinder, die Abschlussklassen, die Lehrer. Dieser Montag an der Grund- und Weiterführenden Schule in Analavory ist alles andere als ein müder Wochenstart. Die Kinder und Jugendlichen sind froh, dass sie wieder hier sein können. Dass sie nicht arbeiten müssen, sondern etwas lernen dürfen. Dass sie trinken und sich waschen dürfen.
Schule macht den Unterschied


Wir lassen keinen zurück.
Auch Rolandine Razafiarisoa tanzt auf dem Balkon. Schule macht den Unterschied. Das weiß sie aus eigener Erfahrung. Die Ordensfrau und Lehrerin lebte heute vermutlich ein ganz anderes Leben, hätte ihr nicht einst eine besonders gute Schule den Weg gewiesen: das katholische „Lycée Mompera Michel Ranaivo“ in Analavory im Hochland Madagaskars. Die Schule, der sie heute mit vorsteht. Als eines von zehn Kindern einer Familie, die davon lebte, was der Acker hergab, bot die Zukunft damals nicht allzu viele Chancen. Und auch heute noch leben mehr als drei Viertel der Bewohner des Inselstaats unterhalb der Armutsgrenze. Den einzigen Unterschied macht die Bildung.
Schwester Rolandine lädt zum Gespräch, nicht in ihrem Büro. Einen solchen Raum hat sie nicht. Und viel Zeit ist eigentlich auch nicht, denn jeden Montagmorgen unterrichtet die 60-Jährige Religion in der 10. Stufe. Sie bittet in ein Klassenzimmer, das leer steht. Die Mädchen und Jungen haben gerade Sport. Hinter „Soeur Rolandine“, wie alle sie nennen, ist auf einem großen Plakat zu lesen: J'ai veillé sur eux et aucun d'eux ne s'est perdu
– Ich habe über sie gewacht, und keiner von ihnen ging verloren.
Ein Zitat aus dem Johannesevangelium. Das Motto dieses Schuljahres. Und die Jobbeschreibung von Schwester Rolandine.


4 Ordensfrauen sind sie in der Gemeinschaft der „Soeurs de Jeanne Delanoue“, die hier in Analavory, einer stetig wachsenden Hochland-Stadt mit bis zu 70 000 Einwohnern, eine ebenfalls wachsende Schule mit angeschlossenem Internat betreiben. Die Region, gute 100 Kilometer westlich der Hauptstadt Antananarivo, steht unter Druck. Immer mehr Familien verlassen den von extremen und andauernden Dürren heimgesuchten Süden Madagaskars und ziehen mit leeren Händen in Richtung Norden.
Aber auch hier im fruchtbaren Hochland ist Ackerland knapp und gute Perspektiven rar. Wer kann, verdingt sich als Tagelöhner. Die Armut ist groß. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche, die in Madagaskar gut die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Oft sind sie mit ihren Müttern auf sich gestellt, wenn die Väter weiterziehen auf der Suche nach einem Auskommen. Früh müssen sie sich Arbeit suchen statt zur Schule zu gehen. Trotz dieser Hürden gelingt dem „Lycée Mompera Michel Ranaivo“ etwas Besonderes: Die Schülerzahlen steigen – langsam aber stetig. Die Menschen vertrauen uns und schätzen, was wir hier tun
, erklärt Schwester Rolandine, die der Ordensgemeinschaft vorsteht. Um möglichst viele auf diesem Weg in eine bessere Zukunft mitzunehmen, wird das Schulgeld so gering wie möglich gehalten. 16 000 Ariary kostet zum Beispiel der Besuch der Grundschule je Monat, das sind etwas mehr als 3 Euro. Zur Einordnung: Dreiviertel der Madagassen leben laut Weltbank von weniger als umgerechnet zwei US-Dollar am Tag.
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Praktische Lösungen für den Alltag


Wir lassen keinen unserer Schüler zurück
, sagt Schwester Rolandine. Die, deren Familien der Schulbesuch wichtig ist, die finanziell aber kaum etwas beitragen können, trägt die Gemeinschaft solidarisch mit. Zur Not werden die Klassen mit bis zu 60 Schülern eben größer gemacht. Das ist nicht ideal, funktioniert aber dort, wo Schule auch den Kindern wichtig ist. Praktische Einheiten, zum Beispiel in Informatik, ergänzen inzwischen den Unterricht. Wir wollen, dass die Kinder und Jugendlichen bestmöglich für später aufgestellt sind. Dass sie eine gute Arbeit finden oder vielleicht sogar studieren können
, erklärt Schwester Rolandine.
Dazu berufen, an der Seite der Ärmsten zu stehen
, so lautet das Apostolat der Kongregation. Und diesen Auftrag nehmen die Schwestern auch über das Schulgelände hinaus ernst. Regelmäßig fahren sie raus in die Dörfer. Im Gepäck haben die Seelsorgerinnen immer wieder auch ganz praktische Lösungen für den Alltag. So geben sie inzwischen zum Beispiel Workshops zum Umgang mit Geld. Den Armen zu dienen, heißt eben auch, ihnen zu helfen, aus der Armut herauszukommen
, sagt Schwester Rolandine.


In Analavory und Umgebung kennt man die Ordensfrauen. Und die wiederum kennen fast alle Familien aus der Schulgemeinschaft – und damit auch deren Hintergrund und Probleme. Am Nachmittag winkt Schwester Rolandine vor dem Schultor ein Pousse-Pousse heran, eines der typischen bunten Fahrradtaxis. Sie will bei Familie Randriamiarison in einer der Hütten am Stadtrand vorbeischauen. Mutter Nadia hatte am Vormittag vor dem Haus der Schwestern gewartet und um Medikamente gebeten. Einer ihrer kleinen Töchter ging es in der Nacht nicht gut. Bauchschmerzen und Husten. Die einfachen Lebensumstände und schlechte Hygienestandards begünstigen Infekte.
Dass der Vater die Familie verlassen hat, macht es nicht leichter. Nadia und ihre Mutter kümmern sich alleine um die fünf Kinder. Sie verdient als Wäscherin etwas Geld am Fluss. Die Großmutter kauft B-Waren-Gemüse auf dem Markt, das sie trocknet und weiterverkauft. Die zwei schlichten Lehmhütten sind gemietet. Es gibt keinen Wasseranschluss und keinen Strom. Jeder Regen zieht Furchen aus Schlamm in die unbefestigten Wege. Die beiden Frauen bringen die Familie geradeso durch. Schwester Rolandine weiß: Für die Schulgebühr reicht es nicht immer, besonders nicht zwischen November und Februar, wenn jegliches Kleingeld für die Ansaat benötigt wird. Nadia ist froh um die Ordensfrauen und um deren Sorge. Wären sie nicht, würde niemand nach ihnen sehen.
Krank durch verschmutztes Flusswasser


Nadias jüngste Tochter Volatiana (5) besucht seit einem Jahr die Vorschule des Lycée und liebt den Unterricht. Hier lernt sie, Buchstaben zu schreiben. Hier lernt sie das Lesen. Und nebenbei ist die Schule für das Mädchen – wie auch für die meisten ihrer Schulkameraden – der einzige Ort, an dem sie sorgenfrei frisches Wasser trinken und sich waschen kann. Zuhause gibt es keinen Wasseranschluss und der nahegelegene Fluss ist verschmutzt. In vielen der unbefestigten Viertel der Stadt teilen sich ganze Straßen eine einfache Latrine. Obwohl es in Madagaskar ein staatliches Energie- und Wasserunternehmen gibt, fehlt es sogar in der Hauptstadt an Infrastruktur für Trink- und Abwasser. Wer es sich leisten kann, nutzt öffentliche Verteilstellen, sogenannte Wasserkioske. Lange Zeit gab es auch auf dem Schulgelände in Analavory kein Wasser. Aber die Kinder hatten Durst und erfrischten sich am Fluss. Immer wieder wurden viele sehr krank, bekamen Bauchschmerzen und Fieber, litten unter Kopfschmerzen. Bilharziose, eine durch Parasiten ausgelöste Krankheit, machte für Dutzende Kinder den Schulbesuch unmöglich.
Mit Hilfe von missio wurde nun vor wenigen Monaten auf dem Gelände ein Brunnen gebohrt. Eine solarbetriebene Pumpe verteilt frisches Wasser über neu gelegte Leitungen. Das hat alles verändert
, erzählt Schwester Rolandine. Wir haben viel weniger Ausfälle, und die Kinder genießen es so sehr!
Für die Ordensfrau ist Wasser keine Nebensache. Wenn Wasser krank macht, kann man nicht lernen.
Darum haben die Schwestern auch schon weitere Pläne, die sie bald umsetzen wollen: moderne und nach Geschlecht getrennte Toiletten mit Wasserspülung sollen kommen. Ebenso Handwaschbecken mit Seife für die Hygiene. Schwester Rolandine Razafiarisoa beginnt ihren Unterricht. Ein Mädchen holt erst einmal Wasser, um für die neue Stunde die Tafel sauber zu wischen. Auch das ist jetzt möglich.
Solidarität mit dem "Rand der Ränder"
GLEICHE WÜRDE, GLEICHE RECHTE

Nicht nur Bildung, auch sauberes Wasser ist ein Menschenrecht. Wie auch das Recht auf eine Toilette. Am 10. Dezember 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Grundlage ist die Übereinkunft, dass alle Menschen dieselbe Würde besitzen und daher die gleichen Rechte. Rechtlich verbindlich ist der Schutz der Menschenrechte jedoch nur für Staaten, die diese ratifiziert haben. Die UN beobachten und prüfen jedoch. Das Recht auf Wasser und Sanitärversorgung wurde 2010 als Menschenrecht anerkannt und ist eines der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN. Dennoch gibt es weltweit immer noch etwa 2,2 Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben (beinahe jeder vierte Mensch). Menschenrechte entwickeln sich weiter. 2022 wurde z.B. das Recht auf eine gesunde Umwelt anerkannt. Für die Zukunft kommen neue Themen auf, zum Beispiel durch den Einsatz künstlicher Intelligenz.
Quelle: Deutsches Institut für Menschenrechte/UN
MADAGASKAR IM FOKUS
Zum Monat der Weltmission nimmt missio in diesem Jahr Madagaskar in den Blick. Partnerinnen und Partner aus dem Inselstaat werden im Oktober 2026 hier zu Gast sein und von ihrer Arbeit berichten. Treffen Sie unter anderem Schwester Rolandine!
Weitere Infos unter www.weltmissionsmonat.de!

Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Die bange Zukunft der Massai

Ein Blick, ein Klick

Die Lehre vom Wasser


