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Gruppenporträt von drei Mädchen und einem Jungen aus Madagaskar mit hellblauer Schulkleidung. Die beiden Jugendlichen in der Mitte tragen einen Strohhut.

Foto: Jörg Böthling

Blickwechsel:

EIN BLICK, EIN KLICK

In Äthiopien herrscht Flaute bei den Touristen-Schnappschüssen, in Madagaskar macht das Smartphone die Hochzeitsporträts – überall auf der Welt ist der Beruf des Fotografen im Wandel. Immer jedoch bedeutet der Job mit der Kamera eine Chance auf ein Auskommen und ein Stück Unabhängigkeit.

„MEIN BÜRO HABE ICH IMMER DABEI.“
Adana Fanti fotografiert in Addis Abeba/Äthiopien

Porträt von Adana Fanti mit seiner Kamera, im Hintergrund eine vielbefahrene Kreuzung und ein Platz mit Brunnen in Addis Abeba/Äthiopien.
Foto: Jörg Böthling/missio München

TOURISTEN aus Äthiopien lieben den modernen Platz rund um das „Adwa Victory Memorial“ im Zentrum ihrer Hauptstadt Addis Abeba. Mit dem im Jahr 2024 eröffneten Museumskomplex und einem wuchtigen Monument aus weinrotem Stein erinnert das Land hier an den Sieg über die italienischen Invasionstruppen in der Schlacht von Adwa im Jahr 1896. Der perfekte Ort für ein Erinnerungsfoto, weiß der Fotograf Adana Fanti.

Schon seit dem frühen Vormittag hat der 32-Jährige auf dem historischen Platz mit seiner Kamera Stellung bezogen und wartet auf Kundschaft. Er trägt eine blaue Weste mit einem selbstentworfenen Fotografen-Logo vorne über der linken Brust. In seinem Rucksack hat er einen mobilen Drucker verstaut, den er per Kabel oder Bluetooth jederzeit mit seiner Kamera verbinden kann. Mein Büro habe ich immer dabei, sagt Fanti.

Neuanfang wegen steigender Mieten

Gemeinsam mit drei Freunden hat er kurz nach der Einweihung des Memorials ein kleines Unternehmen gegründet: die vier arbeiten als Freelancer und nennen sich Adwa Photographer – genau wie die Touristen sind sie stolz auf den Sieg von Adwa und darauf, dass ihre Heimat als einziges Land in Afrika nie dauerhaft kolonisiert wurde.

Früher betrieb Adana Fanti ein Schreibwarengeschäft unweit des Stadtzentrums. Doch wegen steigender Mieten konnte er sich den kleinen Laden nicht mehr leisten. Also wagte er mit seinen Freunden den Neuanfang: Unsere Landsleute lieben es einfach, sich von professionellen Fotografen fotografieren zu lassen. Am beliebtesten sind Gruppenbilder mit der ganzen Familie oder Einzelporträts für die Mutter, den Partner oder für sich selbst, sagt er.

Profi-Fotos für Social Media

Nach der Fotosession halten die Kunden innerhalb weniger Minuten das Foto in den Händen. Ein Ausdruck kostet 100 bis 200 Birr, umgerechnet 50 Cent bis einen Euro. Die digitale Version, die per WhatsApp oder Telegram verschickt wird, gibt es schon für 30 Birr. Viele möchten das Foto sofort in den sozialen Medien posten.

Über mangelnde Kundschaft wollen sich Fanti und seine Kollegen nicht beklagen. Wenn sie Glück haben, werden sie vom Platz weg auch für Hochzeiten, Schulabschlüsse, Geburtstage oder Jubiläen extra gebucht. Und an besonders guten Tagen mache jeder von ihnen bis zu 100 Bilder allein auf dem Platz vor dem Memorial, berichten sie. Aber dafür muss wirklich viel los sein. Leider gebe es immer auch tagelange Flauten. Seit dem Krieg in Tigray und den anhaltenden Unruhen im Norden des Landes kommen nur wenige Touristen aus Europa, den USA oder den Emiraten nach Addis Abeba. Die Adwa Photographer hoffen, dass sich die Situation bald bessert und ihr Geschäft dann richtig boomt.

„ICH HATTE EWIG AUF DIESE KAMERA GESPART.“
Jean de Dieu Zafimaharo fotografiert in Toliara/Madagaskar

Jean de Dieu Zafimaharo in seinem Studio in Toliara/Madagaskar.
Foto: Jörg Böthling/missio München

DAS HOTEL Amazone in Toliara hat schon bessere Zeiten erlebt. Und mit ihm Jean de Dieu Zafimaharo. Der 48-Jährige erinnert sich, als er regelmäßig als Hochzeitsfotograf in das schicke Haus am lebhaften Boulevard Lyautey geladen war. Das erste Hotel am Platze in der größten Stadt im Süden – eben nicht aus der französischen Kolonialzeit, sondern viel später und auffällig in Form eines Schiffs gebaut, stand es lange Zeit für den Aufbruch eines unabhängigen Staats in die Moderne.

Heute fotografieren die Hochzeitsgäste selbst mit ihren Smartphones. Die Moderne von damals ist längst schon wieder überholt. Ebenso wie die Kamera, mit der Zafimaharo täglich auf den Straßen von Toliara arbeitet.

Der rote Vorhang für's gewisse Etwas

Eine Canon EOS 500D, eine digitale Spiegelreflex-Kamera, Baujahr 2009. Es war die erste, mit der damals auch Videoaufnahmen möglich waren. Eine Sensation! Ich hatte ewig auf diese Kamera gespart, erinnert sich Zafimaharo. Natürlich auf ein gebrauchtes Exemplar.

An eine neue Kamera war für den Fotografen nie zu denken gewesen. 800 000 Ariary bezahlte er dafür, das sind umgerechnet ungefähr 160 Euro. Das Modell wird längst nicht mehr produziert. Sie ist alt, bestätigt Zafimaharo. Ich bin nicht mehr glücklich mit ihr. Aber für eine neue fehlt das Geld. Das spart Zafimaharo lieber für seinen Laden. Wenige Meter vom Hotel Amazone entfernt hat er eine Bretterbude angemietet.

Sein Studio. „Manasa sary“ prangt es an der Wand – Fotos entwickeln und downloaden möglich. Jean de Dieu ist analog und digital unterwegs. Für wenige Cent bekommt man Fotokopien. Über allem wachen Jesus und die Mutter Gottes als Neon-Druck. Dann Auftritt einer Dame durch die Seitentür. Rotes Kleid, Schmuck und Hut. Edmondine, stellt sie sich vor.

Eine besonders schöne Aufnahme soll es werden, als Geschenk für die Eltern. Jean de Dieu Zafimaharo holt das Stück roten Samtvorhang für den Hintergrund hervor.

Später dreht der Fotograf seine Runden über den Markt von Toliara. Momentan sein bestes Geschäft: Passbilder und Porträts für Dokumente, das läuft gut, erzählt er. Madagaskar verwalte sich eben gerne. Allein die vielen Rikscha-Fahrer in der Stadt müssten sich alle registrieren. Es läuft sogar so gut, dass er sich inzwischen zwei Jugendliche leisten kann, die Kunden für ihn akquirieren. Und einen Assistenten, für den roten Vorhang. Ich habe mir einen Namen gemacht, sagt Zafimaharo zufrieden.

1997 hätte er das für absurd gehalten. Er erinnert sich noch genau an das Jahr, in dem alles anfing. Damals verdiente er sein Geld als Erntehelfer auf den Maisfeldern vor der Stadt. Auf dem Markt bot jemand eine alte Kodak zum Verkauf an. Sie war kaputt, aber man konnte durch den Sucher blicken. Ab da wollte ich nur noch fotografieren, sagt er.

Foto: Jörg Böthling

Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Drei Madagassinnen stehen in einem ausgetrockneten See oder Meerarm, um den herum sich Salz abgelagert hat. Sie schützen sich mit Strohhüten vor der Sonne. Hinter ihnen Sand und teilweise vertrocknete Büsche. Der Himmel ist strahlend blau.
Reportage aus Madagaskar
Im von Dürren geplagten Südwesten Madagaskars kämpfen die Menschen täglich ums Überleben. Es mangelt an vielem, aber nicht an Solidarität.
Porträt von Kardinal Désiré Tsarahazana
Nachgefragt
Madagaskar ist im Umbruch. Die Herausforderungen sind enorm. Welche Rolle spielt die Kirche? Ein Gespräch mit Kardinal Désiré Tsarahazana.
Im Vordergrund ein Springbrunnen, hinter der Fontäne ist ein vielbefahrener Platz zu erkennen. In der MItte eine Statue, rechts und links eine lange Reihe Palmen und dazwischen Fahnenmasten mit der madagasischen Flagge.
Blickwechsel
In Madagaskar gibt es kaum Jobs. Deutschschulen und Agenturen werben um die junge Bevölkerung. Berichte von Träumen und von der Realität.
Zwei Gefangene aus Madagaskar blicken aus einem kleinen vergitterten Fenster nach draußen.
Reportage aus Madagaskar
In einem der größten Gefängnisse Madagaskars ist das Leid groß und die Armut nicht fair. Die Kirche steht den Menschen zur Seite.