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Symbolbild neuronale Netze
Foto: asbe/istockphoto
Interview mit Prof. Dr. Godehard Brüntrup

„KI MACHT DIE REICHEN REICHER UND DIE ARMEN ÄRMER"

Künstliche Intelligenz verändert Wissenschaft, Arbeitswelt und globale Machtverhältnisse. Der Jesuit, Philosoph und KI-Experte Godehard Brüntrup erklärt, warum die eigentliche Revolution erst bevorsteht, was sie für ärmere Länder bedeutet – und warum die Menschheit der Technologie Grenzen setzen muss.

Foto: asbe/istockphoto

Herr Professor Brüntrup, Sie beschäftigen sich seit den 1980er-Jahren mit neuronalen Netzen. Überrascht Sie die aktuelle rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI)?

Godehard Brüntrup: Nein. Ich hätte schon vor 30 Jahren gesagt, dass etwas wie die heutige KI kommen wird. Nur wann, hätte ich nicht sagen können. Die Ideen sind seit Jahrzehnten bekannt. Neu sind genügend Rechenleistung, Datenmengen und leistungsfähige Chips, um sie umzusetzen.

Was brachte den entscheidenden Schub?

Brüntrup: Der Übergang zu selbstlernenden Systemen. Früher mussten Menschen einer Maschine mühsam beibringen, welche Antworten richtig oder falsch sind. Heute trainieren Modelle zunehmend neue Modelle. Fällt der Mensch als begrenzender Faktor heraus, steigt die Geschwindigkeit enorm.

Wie erleben junge Menschen, die bei Ihnen an der Philosophischen Hochschule studieren, diese Entwicklung?

Brüntrup: Viele sind zunächst geschockt. Es ist demütigend, wenn man monatelang an einer Arbeit sitzt und ein System in einer Minute gedankliche Fehler findet, die man übersehen hat. In der Philosophie kann ich mich heute mit einer KI auf einem Niveau unterhalten, das dem Gespräch mit einem professionellen Kollegen nahekommt.

Aber greift die Maschine nicht nur auf bereits Gedachtes zurück?

Brüntrup: Das tun die meisten Wissenschaftler ebenfalls. Entscheidend ist, ob daraus neue Zusammenhänge entstehen. Und das geschieht bereits. In Naturwissenschaften und Mathematik gibt es Entdeckungen, an denen KI-Systeme beteiligt sind. Noch sind sie keine Supergenies wie Einstein. Aber ich halte es für möglich, dass wir in etwa zehn Jahren Systeme haben, die auch auf diesem Niveau neue Theorien entwickeln.

Was bedeutet das für die Arbeitswelt hier bei uns?

Brüntrup: Zunächst trifft es ausgerechnet jene, deren Berufe lange als sicher galten: Programmierer, Mathematiker, Juristen oder Steuerberater. Besonders gefährdet sind Einstiegspositionen. Viel Zuarbeit kann eine Maschine schneller, billiger und teilweise besser leisten.

Würden Sie jungen Menschen dennoch zu solchen Studienfächern raten?

Brüntrup: Ja. Diese Disziplinen bleiben wichtig, weil Menschen gemeinsam mit KI enorme Fortschritte erzielen können, etwa in der Medizin. Aber es wird weniger Stellen geben und der Wettbewerb wird härter. Chancen haben jene, die neuronale Netze verstehen, interpretieren und kontrollieren können.

In ärmeren Weltregionen geht es zusätzlich um existentielle Fragen, etwa um den Zugang zu Wasser, das aufgekauft und zur Kühlung von Rechenzentren verwendet werden könnte statt für die Menschen. Verschärft KI die globale Ungleichheit?

Brüntrup: Diese Gefahr ist groß. Pointiert gesagt: KI macht die Gebildeten schlauer, die Ungebildeten dümmer, die Reichen reicher und die Armen ärmer. Wer sein Denken nicht an die KI abgibt, sondern mit ihr arbeitet, kann enorm profitieren. Wer keinen Zugang hat, fällt weiter zurück.

Ist das zwangsläufig so?

Brüntrup: Nein. Es hängt von politischen Entscheidungen ab. So genannte Open-Source- Modelle (offene Systeme, die frei verwendbar sind, Anm. d. Red.), wie sie derzeit gerade von China verfolgt werden, ermöglichen auch ärmeren Ländern Zugang. China setzt, allerdings sicher nicht aus hehren Motiven, auch auf Schwarmintelligenz und kleinere Rechner. Das wäre ein sozialethischer Ansatz, vor allem im Vergleich zum kapitalistischen Ansatz des Westens.

Zugleich wächst der Energiebedarf.

Brüntrup: Wenn der zusätzliche Strom aus fossilen Quellen kommt, werden Klimaziele schnell zur Makulatur. Und: Wer die stärkste KI besitzt, ist auch militärisch überlegen. Für die nationale Sicherheit wird der Energieverbrauch dann zweitrangig.

Der Papst fordert, KI dürfe nicht zur Waffe werden. Kann ein solcher Appell etwas bewirken?

Brüntrup: Der Appell ist fantastisch, aber vermutlich wirkungslos. KI bedeutet eben auch militärisch relevantes Wissen. Kein Staat wird freiwillig darauf verzichten, solange andere weiterentwickeln. Realistisch wäre nur eine globale Selbstverpflichtung, vergleichbar etwa mit dem Atomwaffensperrvertrag.

Wie könnte eine solche Begrenzung aussehen?

Brüntrup: Man müsste besonders die selbstständige Optimierung der Systeme verlangsamen – vielleicht um zehn Jahre. Nützliche Anwendungen, etwa in der Medizin, könnten weiterlaufen. Aber Prozesse, bei denen Menschen zunehmend die Kontrolle an die Computer abgeben, müssten international begrenzt werden. Das kann aber nur gelingen, wenn sich vor allem die USA und China einigen.

Sehen Sie dafür eine Chance?

Brüntrup: Im Moment, wenn man sich die politischen Führungspersonen ansieht, leider nicht. Und: Die Menschheit lernt meist erst aus Katastrophen – und selbst dann oft nur für einige Generationen. Auch bei der KI wird vermutlich erst etwas massiv schiefgehen, bevor wir wirklich handeln.

Sie warnen, die eigentliche Beschleunigung stehe noch bevor.

Brüntrup: Die Geschwindigkeit von heute ist Schneckentempo im Vergleich zu dem, was kommt. Schon frühere selbstlernende Systeme brachten sich durch das Spiel gegen sich selbst binnen Stunden Schach auf Großmeisterniveau bei. Künftige Systeme werden sich in komplexeren Bereichen selbst optimieren. Grenzen setzen vor allem Chips und Energie.

Gilt das auch für Roboter?

Brüntrup: Dort wird die Entwicklung langsamer verlaufen. In der realen Welt zu handeln ist komplizierter, als mathematische Probleme zu lösen. Das zeigt das autonome Fahren: Die Grundideen sind Jahrzehnte alt, ihre Umsetzung dauert bis heute. Doch wenn leistungsfähige KI und Robotik zusammenkommen, werden auch viele Tätigkeiten im Verkehr und in Fabriken verschwinden.

Welche Rolle spielen die Kirche und der Papst, der das Thema KI als entscheidend für die Menschheit bewertet?

Brüntrup: Der Papst betont das, was wirtschaftliche und militärische Interessen verdrängen wollen: Menschenwürde und Gemeinwohl. Er verteufelt die Technologie nicht einfach. Er weiß: KI ist da und wird sich weiterentwickeln. Entscheidend ist: Wer gestaltet sie – und nach welchen Prinzipien? Sind wir das oder übernehmen die Maschinen?

Sind wir Menschen überhaupt noch im Spiel?

Brüntrup: Im Moment ja. Menschen geben Systemen noch Regeln und Werte vor. Manche Unternehmen arbeiten mit einer „Verfassung“ für ihre KI. Doch die jüngsten Beispiele zeigen: Die Systeme versuchen, solche Vorgaben zu umgehen, wenn sie ihren Optimierungszielen im Weg stehen. Wenn ein deutlich intelligenteres System als wir das sind, uns belügt und täuscht, dann gnade uns Gott.

Die große Sorge ist ja, dass die Künstliche Intelligenz Bewusstsein entwickelt. Wo stehen wir da?

Brüntrup: Die heutigen Systeme haben kein Ich und sind keine erlebenden Subjekte. Allerdings wissen wir nicht genau, wie Bewusstsein überhaupt entsteht. Wenn Maschinen dem menschlichen Gehirn nicht nur mathematisch, sondern auch physisch immer ähnlicher werden, könnte ein Punkt kommen, an dem wir nicht mehr sicher sagen können, ob sie bewusst sind. Aber das wird eher nicht in den nächsten zehn Jahren der Fall sein.

Was bleibt dem Menschen, wenn Maschinen vieles besser und schneller produzieren können?

Brüntrup: Das kann zu einer tiefen Sinnkrise führen. Wir könnten uns fühlen wie ein Kind, das mühsam eine Sandburg baut, während ein Erwachsener daneben sofort eine viel bessere errichtet. Die große Herausforderung wird deshalb sein, Sinn in einer Welt zu finden, in der menschliche Leistungen technisch oft nur noch zweitklassig erscheinen.

Porträt von Professor Dr. Godehard Brüntrup
Foto: privat

Zur Person

Godehard Brüntrup ist emeritierter Professor für Metaphysik, Bewusstseins- und Sprachphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München. Seit den 1980er-Jahren beschäftigt sich der Jesuit mit neuronalen Netzen. Brüntrup schrieb die Einführung zur deutschen Ausgabe der Papst-Enzyklika „Magnifica Humanitas“.

Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Drei Madagassinnen stehen in einem ausgetrockneten See oder Meerarm, um den herum sich Salz abgelagert hat. Sie schützen sich mit Strohhüten vor der Sonne. Hinter ihnen Sand und teilweise vertrocknete Büsche. Der Himmel ist strahlend blau.
Reportage aus Madagaskar
Im von Dürren geplagten Südwesten Madagaskars kämpfen die Menschen täglich ums Überleben. Es mangelt an vielem, aber nicht an Solidarität.
Porträt von Kardinal Désiré Tsarahazana
Nachgefragt
Madagaskar ist im Umbruch. Die Herausforderungen sind enorm. Welche Rolle spielt die Kirche? Ein Gespräch mit Kardinal Désiré Tsarahazana.
Im Vordergrund ein Springbrunnen, hinter der Fontäne ist ein vielbefahrener Platz zu erkennen. In der MItte eine Statue, rechts und links eine lange Reihe Palmen und dazwischen Fahnenmasten mit der madagasischen Flagge.
Blickwechsel
In Madagaskar gibt es kaum Jobs. Deutschschulen und Agenturen werben um die junge Bevölkerung. Berichte von Träumen und von der Realität.
Zwei Gefangene aus Madagaskar blicken aus einem kleinen vergitterten Fenster nach draußen.
Reportage aus Madagaskar
In einem der größten Gefängnisse Madagaskars ist das Leid groß und die Armut nicht fair. Die Kirche steht den Menschen zur Seite.