
„KI MACHT DIE REICHEN REICHER UND DIE ARMEN ÄRMER"
Künstliche Intelligenz verändert Wissenschaft, Arbeitswelt und globale Machtverhältnisse. Der Jesuit, Philosoph und KI-Experte Godehard Brüntrup erklärt, warum die eigentliche Revolution erst bevorsteht, was sie für ärmere Länder bedeutet – und warum die Menschheit der Technologie Grenzen setzen muss.
Herr Professor Brüntrup, Sie beschäftigen sich seit den 1980er-Jahren mit neuronalen Netzen. Überrascht Sie die aktuelle rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI)?
Godehard Brüntrup: Nein. Ich hätte schon vor 30 Jahren gesagt, dass etwas wie die heutige KI kommen wird. Nur wann, hätte ich nicht sagen können. Die
Ideen sind seit Jahrzehnten bekannt. Neu
sind genügend Rechenleistung, Datenmengen
und leistungsfähige Chips, um sie umzusetzen.
Was brachte den entscheidenden Schub?
Brüntrup: Der Übergang zu selbstlernenden Systemen. Früher mussten Menschen einer Maschine
mühsam beibringen, welche Antworten richtig
oder falsch sind. Heute trainieren Modelle
zunehmend neue Modelle. Fällt der
Mensch als begrenzender Faktor heraus,
steigt die Geschwindigkeit enorm.
Wie erleben junge Menschen, die bei Ihnen an der Philosophischen Hochschule studieren, diese Entwicklung?
Brüntrup: Viele sind zunächst geschockt. Es ist demütigend, wenn man monatelang an einer Arbeit
sitzt und ein System in einer Minute gedankliche
Fehler findet, die man übersehen
hat. In der Philosophie kann ich mich heute
mit einer KI auf einem Niveau unterhalten,
das dem Gespräch mit einem professionellen
Kollegen nahekommt.
Aber greift die Maschine nicht nur auf bereits Gedachtes zurück?
Brüntrup: Das tun die meisten Wissenschaftler ebenfalls. Entscheidend ist, ob daraus neue Zusammenhänge entstehen. Und das geschieht
bereits. In Naturwissenschaften und Mathematik
gibt es Entdeckungen, an denen KI-Systeme
beteiligt sind. Noch sind sie keine
Supergenies wie Einstein. Aber ich halte es
für möglich, dass wir in etwa zehn Jahren
Systeme haben, die auch auf diesem Niveau
neue Theorien entwickeln.
Was bedeutet das für die Arbeitswelt hier bei uns?
Brüntrup: Zunächst trifft es ausgerechnet jene, deren Berufe lange als sicher galten: Programmierer,
Mathematiker, Juristen oder Steuerberater. Besonders gefährdet sind Einstiegspositionen.
Viel Zuarbeit kann eine Maschine schneller, billiger und teilweise besser leisten.
Würden Sie jungen Menschen dennoch zu solchen Studienfächern raten?
Brüntrup: Ja. Diese Disziplinen bleiben wichtig, weil
Menschen gemeinsam mit KI enorme Fortschritte
erzielen können, etwa in der Medizin.
Aber es wird weniger Stellen geben
und der Wettbewerb wird härter. Chancen
haben jene, die neuronale Netze verstehen,
interpretieren und kontrollieren können.
In ärmeren Weltregionen geht es zusätzlich um existentielle Fragen, etwa um den Zugang zu Wasser, das aufgekauft und zur Kühlung von Rechenzentren verwendet werden könnte statt für die Menschen. Verschärft KI die globale Ungleichheit?
Brüntrup: Diese Gefahr ist groß. Pointiert gesagt: KI macht die Gebildeten schlauer, die Ungebildeten dümmer, die Reichen reicher und
die Armen ärmer. Wer sein Denken nicht
an die KI abgibt, sondern mit ihr arbeitet,
kann enorm profitieren. Wer keinen Zugang
hat, fällt weiter zurück.
Ist das zwangsläufig so?
Brüntrup: Nein. Es hängt von politischen Entscheidungen
ab. So genannte Open-Source-
Modelle (offene Systeme, die frei verwendbar
sind, Anm. d. Red.), wie sie derzeit gerade
von China verfolgt werden, ermöglichen
auch ärmeren Ländern Zugang. China setzt, allerdings sicher nicht aus hehren
Motiven, auch auf Schwarmintelligenz
und kleinere Rechner. Das wäre ein sozialethischer
Ansatz, vor allem im Vergleich zum kapitalistischen Ansatz des Westens.
Zugleich wächst der Energiebedarf.
Brüntrup: Wenn der zusätzliche Strom aus fossilen Quellen kommt, werden Klimaziele schnell
zur Makulatur. Und: Wer die stärkste KI
besitzt, ist auch militärisch überlegen. Für
die nationale Sicherheit wird der Energieverbrauch
dann zweitrangig.
Der Papst fordert, KI dürfe nicht zur Waffe werden. Kann ein solcher Appell etwas bewirken?
Brüntrup: Der Appell ist fantastisch, aber vermutlich wirkungslos. KI bedeutet eben auch militärisch relevantes Wissen. Kein Staat wird
freiwillig darauf verzichten, solange andere
weiterentwickeln. Realistisch wäre nur eine globale Selbstverpflichtung, vergleichbar
etwa mit dem Atomwaffensperrvertrag.
Wie könnte eine solche Begrenzung aussehen?
Brüntrup: Man müsste besonders die selbstständige Optimierung der Systeme verlangsamen –
vielleicht um zehn Jahre. Nützliche Anwendungen,
etwa in der Medizin, könnten weiterlaufen. Aber Prozesse, bei denen Menschen zunehmend die Kontrolle an die Computer abgeben, müssten international
begrenzt werden. Das kann aber nur gelingen,
wenn sich vor allem die USA und China einigen.
Sehen Sie dafür eine Chance?
Brüntrup: Im Moment, wenn man sich die politischen
Führungspersonen ansieht, leider nicht.
Und: Die Menschheit lernt meist erst aus
Katastrophen – und selbst dann oft nur für
einige Generationen. Auch bei der KI wird
vermutlich erst etwas massiv schiefgehen,
bevor wir wirklich handeln.
Sie warnen, die eigentliche Beschleunigung stehe noch bevor.
Brüntrup: Die Geschwindigkeit von heute ist Schneckentempo
im Vergleich zu dem, was
kommt. Schon frühere selbstlernende Systeme
brachten sich durch das Spiel gegen
sich selbst binnen Stunden Schach auf
Großmeisterniveau bei. Künftige Systeme
werden sich in komplexeren Bereichen
selbst optimieren. Grenzen setzen vor allem
Chips und Energie.
Gilt das auch für Roboter?
Brüntrup: Dort wird die Entwicklung langsamer verlaufen. In der realen Welt zu handeln ist
komplizierter, als mathematische Probleme
zu lösen. Das zeigt das autonome Fahren:
Die Grundideen sind Jahrzehnte alt, ihre
Umsetzung dauert bis heute. Doch wenn
leistungsfähige KI und Robotik zusammenkommen,
werden auch viele Tätigkeiten
im Verkehr und in Fabriken verschwinden.
Welche Rolle spielen die Kirche und der Papst, der das Thema KI als entscheidend für die Menschheit bewertet?
Brüntrup: Der Papst betont das, was wirtschaftliche und militärische Interessen verdrängen
wollen: Menschenwürde und Gemeinwohl.
Er verteufelt die Technologie nicht einfach. Er weiß: KI ist da und wird sich weiterentwickeln.
Entscheidend ist: Wer gestaltet sie
– und nach welchen Prinzipien? Sind wir
das oder übernehmen die Maschinen?
Sind wir Menschen überhaupt noch im Spiel?
Brüntrup: Im Moment ja. Menschen geben Systemen
noch Regeln und Werte vor. Manche Unternehmen
arbeiten mit einer „Verfassung“ für
ihre KI. Doch die jüngsten Beispiele zeigen:
Die Systeme versuchen, solche Vorgaben zu
umgehen, wenn sie ihren Optimierungszielen
im Weg stehen. Wenn ein deutlich intelligenteres
System als wir das sind, uns belügt
und täuscht, dann gnade uns Gott.
Die große Sorge ist ja, dass die Künstliche Intelligenz Bewusstsein entwickelt. Wo stehen wir da?
Brüntrup: Die heutigen Systeme haben kein Ich und sind keine erlebenden Subjekte. Allerdings
wissen wir nicht genau, wie Bewusstsein
überhaupt entsteht. Wenn Maschinen dem
menschlichen Gehirn nicht nur mathematisch,
sondern auch physisch immer ähnlicher
werden, könnte ein Punkt kommen, an
dem wir nicht mehr sicher sagen können, ob
sie bewusst sind. Aber das wird eher nicht
in den nächsten zehn Jahren der Fall sein.
Was bleibt dem Menschen, wenn Maschinen vieles besser und schneller produzieren können?
Brüntrup: Das kann zu einer tiefen Sinnkrise führen. Wir könnten uns fühlen wie ein Kind, das
mühsam eine Sandburg baut, während ein
Erwachsener daneben sofort eine viel bessere
errichtet. Die große Herausforderung
wird deshalb sein, Sinn in einer Welt zu
finden, in der menschliche Leistungen
technisch oft nur noch zweitklassig erscheinen.

Zur Person
Godehard Brüntrup ist emeritierter Professor für Metaphysik, Bewusstseins- und Sprachphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München. Seit den 1980er-Jahren beschäftigt sich der Jesuit mit neuronalen Netzen. Brüntrup schrieb die Einführung zur deutschen Ausgabe der Papst-Enzyklika „Magnifica Humanitas“.
Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Am Rand der Ränder

Interview mit Kardinal Tsarahazana

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

