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Ein rostiger Panzer steht an einem Fluss. Die abendliche Lichtstimmung färbt das Wasser in Pastelltöne. Foto: Jörg Böthling
Blickwechsel:

STIMMEN DES SUDAN

Zwei Frauen aus unterschiedlichen Generationen fühlen sich – jede auf ihre Weise – eng mit dem Sudan verbunden. In Bildern und Worten nähern erzählen die sudanesisch-russische Filmemacherin Suzannah Mirghani und die Sprachwissenschaftlerin Angelika Jakobi von einem Land im Ausnahmezustand: geprägt von Krieg, Flucht und politischen Umbrüchen.

Suzannah Mirghani: „Der Sudan ist immer präsent!“

Porträt von Suzannah Mirghani, die auf einer Treppe sitzt und in die Kamera lächelt. Das Schwarz ihrer Kleidung kontrastiert mit ihren blond gefärbten Locken und dem bordeauxroten Lippenstift.
Foto: imago/Alexander Gonschior

Mit ihrem Spielfilmdebüt Cotton Queen ist Suzannah Mirghani über Nacht zur ersten Sudanesin geworden, deren Langfilm es auf die internationalen Leinwände geschafft hat. Mirghani gehört zu einer Generation sudanesischer Künstlerinnen, deren Arbeit eng mit den politischen Erschütterungen ihres Landes verwoben ist.

Mirghani verbrachte den Großteil ihrer Kindheit und Jugend im Sudan, bevor sie mit 16 Jahren gemeinsam mit ihren Eltern ins Exil nach Katar ging. Damals stand der Sudan unter der Militärherrschaft von Omar al-Bashir, der 1989 durch einen Putsch an die Macht gekommen war. Repressionen, Überwachung und eine staatlich forcierte Islamisierung prägten den Alltag. Gleichzeitig tobte ein Bürgerkrieg zwischen der Regierung in Khartum und der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee im Süden. Die 1990er-Jahre waren geprägt von Gewalt, Vertreibungen und Hungersnöten. Viele Intellektuelle, Künstler und Oppositionelle verließen das Land.

Krieg und Flucht haben den Sudan und seine Menschen auseinandergerissen. Dennoch lebt diese prägende Zeit in Mirghanis Filmen weiter: in Landschaften, Stoffen, Stimmen und Erzählungen, die Realität und Sehnsucht miteinander verweben.

Schon ihr preisgekrönter Kurzfilm Al-Sit (2020) erzählte von einem Mädchen in einem sudanesischen Baumwolldorf, dessen Leben von Traditionen und patriarchalen Erwartungen bestimmt wird. Cotton Queen knüpft daran an: Im Mittelpunkt steht die junge Nafisa, die in den Baumwollfeldern des Sudan lebt und zwischen Selbstbestimmung, kolonialer Geschichte und den Anforderungen der Gegenwart ihren eigenen Weg sucht.

Dass Mirghani zugleich Wissenschaftlerin ist und an einem Forschungszentrum der Georgetown University in Katar arbeitet, merkt man ihrer Arbeit an. Sie recherchiert akribisch, gräbt sich in historische Fußnoten ein. Die Idee zum Film entstand aus einer beiläufigen Bemerkung über einen realen Schönheitswettbewerb für Baumwollarbeiterinnen im kolonial geprägten Sudan. Je mehr sie darüber las, desto klarer wurde ihr: In dieser Geschichte bündeln sich Fragen von Macht, Kapitalismus, Schönheit und Kontrolle über weibliche Körper.

Doch noch bevor die Geschichte erzählt werden konnte, wurde die Produktion von Cotton Queen massiv durch die Gegenwart eingeholt: Mit dem erneuten Ausbruch des Bürgerkriegs im Frühjahr 2023 konnten die Dreharbeiten nicht wie geplant im Sudan stattfinden. Viele Schauspieler flohen nach Ägypten, Drehorte wurden unerreichbar, das Land selbst zerfiel vor den Augen derjenigen, die davon erzählen wollten. Es war ziemlich entmutigend, den Spielfilm unter diesen Umständen zu drehen, es war ein Kampf, sagt Mirghani rückblickend.

Die Crew baute schließlich in Ägypten ein sudanesisches Dorf nach. Baumwollfelder, traditionelle Dammur-Stoffe und der Nil wurden für die Regisseurin zu wichtigen Bezugspunkten, um die verlorene Heimat filmisch festzuhalten. Trotz allem wirkt der Film nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen. Das liegt auch an der Freiheit, die Mirghani der Hauptdarstellerin Mihad Murtada gab: Ich sagte: Hör zu, wenn das nicht die Art ist, wie du es sagen willst – wie würdest du es dann sagen? Ich bin die Autorin, aber du verkörperst diese Figur.

Mirghani beschreibt die Dreharbeiten als eine Art gemeinsamen Erinnerungsraum. Für einige Stunden am Tag sei Kairo vergessen gewesen. Die geflüchteten Schauspieler hätten am Set gemeinsam „ihren Sudan“ geschaffen, erzählt sie.

Dabei interessierte Mirghani nicht das Sudan-Bild westlicher Nachrichten. Sie arbeitet mit eigenen Erinnerungen, Geschichten und Bildern. Ihr Sudan ist weiblich, poetisch, widersprüchlich.

Mirghani zeigt den Sudan nicht als Katastrophenort, sondern als kulturellen und emotionalen Raum voller Schönheit und Widersprüche. In einer Zeit, in der allein der Krieg die internationale Berichterstattung über das Land bestimmt, wird Cotton Queen auch zu einem Akt des Widerstands. Oder, wie Mirghani selbst sagt: Den Sudan auf diese Weise am Leben zu halten, ist alles, was ich tun kann.

Angelika Jakobi: „Ich möchte eure Sprache lernen.“

Porträt von Angelika Jakobi 1987 in den Nuba-Bergen: Die junge Frau trägt einen Strohhut, der unter dem Kinn zusammengebunden ist. Ihre Haut ist leicht gebräunt. Sie trägt ein hellblaues T-Shirt.
Foto: privat

Wenn Angelika Jakobi vom Sudan erzählt, beginnt sie nicht mit Krieg, Flucht oder Hunger. Sie spricht von Hirsebrei. Von tagelangen, staubigen Zugfahrten. Von einer kleinen Lehmhütte in Darfur, in der kaum mehr stand als ein Bett, später ein selbstgebauter Tisch und ein Hocker. Von Frauen, die sie zum Essen riefen, sobald der Brei fertig war. Und von Menschen, die sie als junge deutsche Sprachwissenschaftlerin Ende der 1970er Jahre mit einer Offenheit empfingen, die sie bis heute bewegt.

Die Leute waren sehr, sehr gastfreundlich, sagt sie. Ich wurde ganz häufig eingeladen und die Leute haben versucht mit mir über meine Herkunft zu sprechen. Deutsche Fußballspieler waren natürlich ein beliebter Anknüpfungspunkt, erzählt sie lachend. Damals war Angelika Jakobi Ende zwanzig und zum ersten Mal überhaupt in Afrika. Sie hatte Afrikanistik studiert, zunächst ohne festen Plan, wohin sie das führen würde. Ein Archäologe in Hamburg brachte sie schließlich auf Darfur und die Fur-Sprache – eine der großen afrikanischen Sprachen des westlichen Sudan. Was als Promotionsprojekt begann, wurde zu einer lebenslangen Verbindung mit dem Land.

Die ersten Wochen im Sudan waren allerdings weniger romantisch als vielmehr überwältigend. Jakobi kam mitten im Ramadan in Khartum an, im August, bei drückender Hitze. Öffentliche Wasserhähne waren verschlossen, tagsüber durfte nicht getrunken werden. Es war wirklich kompliziert. Man hätte leicht verdursten können, erinnert sie sich. Sie braucht einige Wochen, um sich im Land zurechtzufinden, Genehmigungen für die Forschung in Darfur zu organisieren und erste Kontakte aufzubauen.

Mit der erforderlichen research permit im Gepäck fuhr sie endlich mit der Eisenbahn nach Darfur – tagelang, so langsam, dass man nebenherlaufen konnte. Von dort gelangte sie in das Dorf, in dem sie Feldforschung betreiben wollte. Als Europäerin stand sie plötzlich mitten in einem sudanesischen Dorf. So nach dem Motto: Hier bin ich und möchte eure Sprache lernen. Wie freundlich die Menschen sie aufnahmen, versorgten und ihr halfen, hat sie tief geprägt.

Jakobi arbeitete dort eng mit einem jungen Mann zusammen, der Lehrer werden wollte und etwas Englisch sprach. Er half ihr, die Struktur der Fur-Sprache zu verstehen. Gemeinsam sammelten sie Wörter, erschlossen Lautsysteme und Satzstrukturen. „Haus“, „Baum“, „Mensch“ – so begann ihre Forschung. Schritt für Schritt entwickelte sie daraus eine Grammatik der Sprache.

Später führten ihre Forschungen unter anderem in die Nuba-Berge, wo sie sich mit verschiedenen nubischen Sprachen beschäftigte. Das ist deshalb so interessant für die Sprachwissenschaft, weil die Zahl der Sprecher kontinuierlich abnimmt und viele Sprachen innerhalb dieser Gruppe vom Aussterben bedroht sind.

Über Jahrzehnte dokumentierte sie gemeinsam mit deutschen und sudanesischen Kollegen Lautsysteme und arbeitete an der Rekonstruktion einer nubischen „Ursprache“. Bis heute schreibt sie mit einem langjährigen sudanesischen Forschungspartner an einer Grammatik des Karko, einem Dialekt des Kordofan-Nubischen.

Trotz ihrer jahrzehntelangen wissenschaftlichen Arbeit spricht Jakobi auffallend zurückhaltend über sich selbst. Sie erzählt von Phasen der Arbeitslosigkeit, von Zweifeln, nicht gut genug für eine Professur zu sein. Ich habe mich nie auf Professorenstellen beworben, sagt sie fast nüchtern. Vielleicht prägt gerade das ihre Herangehensweise: weniger der Wunsch nach akademischem Prestige als die geduldige Arbeit des Zuhörens und Dokumentierens.

Dabei interessiert Jakobi Sprache nie nur als wissenschaftliches System. Sie sieht in ihr auch ein Archiv der Geschichte und der persönlichen Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. In ihren Erzählungen entsteht das Bild eines Sudan, der sprachlich und kulturell außerordentlich vielfältig ist – und zugleich von Krieg und Vertreibung bedroht wird:

Viele afrikanische Sprachen des Sudan würden heute verdrängt, erklärt sie, weil Arabisch gesellschaftlich angesehener sei und in den Schulen dominiere. Die lokalen afrikanischen Sprachen gelten häufig als minderwertig. Manche würden bereits nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. Die derzeitige Flucht vieler Menschen und damit ihre Entwurzelung tun ihr Übriges.

Noch im März 2023 war sie in Khartum, nur wenige Wochen bevor der dritte innerstaatliche Konflikt im Sudan nach den Sezessionskriegen eskalierte. (Anm. d. Red.: Der erste Bürgerkrieg zwischen Rebellen im Südsudan und der Zentralregierung des Sudans dauerte von 1955 bis 1972, der zweite Bürgerkrieg von 1983 bis 2005. Entsprechend dem Friedensabkommen wurde im Januar 2011 ein Referendum durchgeführt, in dessen Folge der Südsudan im Juli 2011 unabhängig wurde.)

Sie besuchte damals eine Tagung, arbeitete mit lokalen Partnern, saß im Hotelzimmer über Tonsprachen und Grammatikfragen. Die Stadt erschien ihr größer, hektischer und sehr verändert im Vergleich zu früher – viele Geflüchtete, viel Verkehr, viele gesellschaftliche Spannungen. Dass kurz darauf der offene Krieg zwischen der regulären sudanesischen Armee und den Rapid Support Forces ausbrechen würde, überraschte sie dennoch.

Heute blickt sie mit Schmerz auf das Land, das sie so lange begleitet hat und denkt dabei besonders an ihre Kollegen: Einer sitzt in Khartum fest, der andere lebt als Geflüchteter in Katar. Gemeinsame Forschung findet seither per E-Mail und über Geldtransfers statt. Die Situation im Sudan ist einfach furchtbar, konstatiert sie.

Und doch spricht aus ihren Erinnerungen bis heute eine große Liebe zum Sudan. Nicht zu Regierungen oder politischen Systemen, sondern zu den Menschen – zu ihrer Gastfreundschaft, ihrer Geduld, ihrem sozialen Miteinander. Angelika Jakobi hat über jahrzehntelang genau dort zugehört, wo andere kaum hingeschaut haben. Sie hat Sprachen festgehalten, bevor sie verschwinden. Denn mit jeder Sprache, die verloren geht, verschwinden auch Geschichten, Sichtweisen und Erinnerungen an ein Leben, das selten schriftlich festgehalten wurde.

Foto: Jörg Böthling

Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Porträt von JRS-Regionaldirektor für Ost- und Südafrika, Atsu André Agbogan.
Nachgefragt
Atsu André Agbogan vom Jesuitenflüchtlingsdienst spricht über Fluchterfahrungen in Ostafrika und die Hoffnung der jungen Generation.
Ältere Frauen in bunten Kleidern sitzen an einem überdachten Platz im Freien auf Holzbänken und blicken nach vorne, von wo Licht zu kommen scheint. Im Hintergrund sieht man vor dem abendlichen Himmel schemenhaft die Silhouette eines Baums.
Spendenprojekt
Frauen in Burkina Faso sind oft von Gewalt, Ausgrenzung und Diskriminierung bedroht. Betroffenen bietet die Kirche oft die einzige Zuflucht.
Eine Frau sitzt mit ausgestreckten Beinem und dem Rücken an der Wand auf dem Boden vor einem Gebäude. Ihr Gesicht ist auf dem Foto nicht zu sehen, weil der Bildauschnitt so gewählt ist, dass es von einem Stoff, der draußen aufgehängt ist, verdeckt wird. Um sie herum stehen verschiedene Utensilien.
Reportage aus Burkina Faso
In Afrika gibt die Großfamilie Halt. Doch in manchen Regionen werden ältere Frauen ausgegrenzt und bedroht. Bis hin zum Vorwurf der Hexerei.
Ein verrosteter Panzer steht an einem Flussufer.
Blickwechsel
In Bildern und Worten – Filmemacherin Suzannah Mirghani und Sprachwissenschaftlerin Angelika Jakobi nähern sich dem Sudan auf je ihre Weise.