
„VIELE JUNGE MENSCHEN SIND BEREIT, GROSSE RISIKEN EINZUGEHEN“
Konflikte, Klimawandel und fehlende Perspektiven treiben immer mehr Menschen zur Flucht. André Atsu vom Jesuitenflüchtlingsdienst spricht über die wachsenden Herausforderungen in Ostafrika und die Hoffnung der jungen Generation.
Sie arbeiten seit rund 20 Jahren in der humanitären Hilfe, insbesondere mit Geflüchteten. Wenn Sie auf Ihre Anfänge zurückblicken: Was hat sich in dieser Zeit verändert?
André Atsu Agbogan: Vor allem die Zahl der Menschen, die vertrieben werden. Als ich 2005 im Südsudan begann, herrschte große Hoffnung. Damals wurde ein Friedensabkommen unterzeichnet, viele Menschen kehrten aus Uganda und Kenia zurück. Unsere Arbeit konzentrierte sich vor allem auf Rückkehrer und Binnenvertriebene. Heute, 21 Jahre später, hat sich die Lage dramatisch verändert. Allein im Südsudan gibt es mehr als 600.000 Flüchtlinge und rund 1,9 Millionen Binnenvertriebene. Hinzu kommen massive Probleme bei der Ernährungssicherheit und der allgemeinen Sicherheitslage.
Lässt sich diese Entwicklung auch in anderen Ländern in der Region beobachten?
Agbogan: Ja. Der Südsudan ist nur ein Beispiel dafür, wie sich Krisen verschärfen können. In der gesamten Region Ost- und Südafrika leben heute mehr als sechs Millionen Flüchtlinge und über 17 Millionen Binnenvertriebene. Diese Zahlen zeigen, wie groß die Herausforderungen geworden sind. Gleichzeitig gibt es auch Fortschritte. Einige Regierungen haben ihre Flüchtlingspolitik geöffnet und Zugang zu sozialen Leistungen gewährt. In Uganda, Kenia, Äthiopien und Burundi können Flüchtlingskinder staatliche Schulen besuchen und haben Zugang zu medizinischer Versorgung – etwas, das früher oft nicht möglich war.
Kriege und Konflikte gelten als wichtigste Fluchtursachen. Welche Rolle spielt inzwischen der Klimawandel?
Agbogan: Eine immer größere. Im Südsudan führen unregelmäßige Regenzeiten und Dürren zu ausbleibenden Ernten und zwingen Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Auch in Somalia verlassen viele Menschen ihre Dörfer nicht wegen bewaffneter Konflikte, sondern weil sie aufgrund der Dürre weder für sich noch für ihre Tiere ausreichend Nahrung finden. In Mosambik erleben wir sogar eine doppelte Krise: Einerseits werden Menschen durch Gewalt vertrieben, andererseits zerstören Zyklone ihre Lebensgrundlagen. Viele Familien müssen dadurch mehrfach fliehen.
Neben Konflikten und Klimakrisen kommt es auch immer wieder zu Gesundheitskrisen. Welche Auswirkungen hat der aktuelle Ebola-Ausbruch auf Ihre Arbeit?
Agbogan: Vor allem in Uganda und in der Demokratischen Republik Kongo mussten wir zusätzliche Schutzmaßnahmen für unsere Mitarbeiter einführen und Arbeitsabläufe anpassen. Dafür haben wir eine regionale Krisengruppe eingerichtet, die Informationen austauscht und die Teams unterstützt. Vor allem in der Region Goma ist die Situation besonders schwierig. Dort verbreitet sich das Virus von der Provinz Ituri aus, wo anhaltende Kämpfe und die ohnehin angespannte Lage den Zugang zu Gesundheitsversorgung erschweren. Wir versuchen so gut es geht, die Menschen vor Ort aufzuklären, um weitere Ansteckungen möglichst zu vermeiden.
Der Krieg im Sudan hat Millionen Menschen zur Flucht in den Südsudan gezwungen. Kommen weiterhin Menschen über die Grenze?
Agbogan: Ja, auch wenn die Zahlen inzwischen niedriger sind als zu Beginn des Krieges. Menschen überqueren weiterhin die Grenze und suchen Schutz im Südsudan. Besonders die Transitlager bleiben überfüllt.
Der Südsudan gilt selbst als krisengebeuteltes Land…
Agbogan: Ja, das stellt das Land vor enorme Herausforderungen. Der Südsudan steht selbst an der Schwelle zu einem neuen Bürgerkrieg, Menschen werden vertrieben und erleiden Hunger, es gibt kaum Infrastruktur. Dennoch muss er gleichzeitig Menschen aufnehmen, die vor Krieg fliehen.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Afrikas ist unter 25 Jahre alt. Welche Wünsche und Erwartungen beobachten Sie bei jungen Menschen?
Agbogan: Die meisten wünschen sich vor allem ein besseres Leben: bessere Bildung, bessere Dienstleistungen, mehr Chancen und mehr Sicherheit. Wenn diese Perspektiven fehlen, entsteht Frustration. Viele junge Menschen sind dann bereit, große Risiken einzugehen. Manche verlassen ihre Heimat, weil sie keine Zukunft mehr sehen. Sie hoffen, anderswo bessere Möglichkeiten zu finden.
Was macht das mit einem jungen Menschen, wenn er seine Heimat verlässt?
Agbogan: Es ist eine enorme Belastung. Junge Menschen verlassen ihre Familien, Freunde und oft alles, was ihnen vertraut ist. Sie gehen große Risiken ein, ohne zu wissen, was sie erwartet. Gleichzeitig treibt sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft an. Diese Hoffnung gibt ihnen die Kraft, die Gefahren einer Flucht auf sich zu nehmen. Die meisten treffen diese Entscheidung nicht freiwillig. Sie haben das Gefühl, dass ihnen zu Hause keine Perspektiven mehr offenstehen. Man könnte das als Verzweiflung bezeichnen, aber eigentlich geht es um fehlende Alternativen. Menschen verlassen nicht leichtfertig alles, was ihnen wichtig ist. Sie tun es, weil sie keinen anderen Weg mehr sehen.

Was passiert, wenn diese Hoffnung enttäuscht wird?
Atsu: Das erleben leider viele. Während der gesamten Flucht ist die Hoffnung auf ein besseres Leben oft das Einzige, was Menschen trägt. Sie überstehen Gefahren, Ausbeutung, Menschenhandel oder Gewalt, weil sie an diese Zukunft glauben. Wenn sie dann feststellen, dass die Realität anders aussieht als erwartet, kann das sehr belastend sein. Viele entwickeln Angststörungen, Depressionen oder andere psychische Probleme. Hinzu kommt, dass sie sich plötzlich in einer fremden Umgebung zurechtfinden müssen, ohne soziale Netzwerke oder vertraute Strukturen.
Deshalb ist psychosoziale Unterstützung ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit. Wir begegnen regelmäßig jungen Menschen, die völlig orientierungslos sind oder unter schweren psychischen Belastungen leiden. In einigen Fällen führt die Verzweiflung sogar zum Suizid.
Wie reagieren Sie auf diese Situation?
Atsu: Gerade in Regionen, die nicht unmittelbar von Krieg betroffen sind, versuchen wir jungen Menschen zu vermitteln, dass Migration nicht automatisch alle Probleme löst. Manchmal gibt es auch vor Ort Möglichkeiten, sich eine Zukunft aufzubauen. Manchmal vermisse ich bei der sogenannten Generation Z ein bisschen mehr Durchhaltevermögen, an etwas dran zu bleiben. Natürlich ist das nicht immer möglich. Viele junge Menschen sagen offen: „Lieber sterbe ich bei dem Versuch, mein Leben zu verändern, als hier ohne Perspektive zu bleiben.“ Diese Haltung begegnet uns immer wieder.
Wenn in einem Land mehrheitlich junge Menschen leben, welche Chancen oder Herausforderungen bringt das mit sich?
Atsu: Für mich überwiegen eindeutig die Chancen. Eine junge Bevölkerung bedeutet Potenzial, Kreativität und Arbeitskraft. Sie kann die Entwicklung eines Landes entscheidend voranbringen – vorausgesetzt, junge Menschen erhalten Zugang zu guter Bildung und finden Jobs.
Die Herausforderung besteht darin, dass diese Voraussetzungen oft fehlen. Viele junge Menschen verfügen über Qualifikationen, finden aber trotzdem keine Arbeit. Das führt zu Frustration und hoher Arbeitslosigkeit.
Mit welchen Herausforderungen rechnen Sie in Zukunft besonders?
Atsu: Zwangsvertreibung wird auch in Zukunft ein zentrales Thema bleiben. Konflikte, politische Krisen und die Folgen des Klimawandels werden weiterhin Menschen zur Flucht zwingen. Dürren und extreme Wetterereignisse dürften sogar noch zunehmen. Gleichzeitig sehe ich eine weitere große Herausforderung: die Finanzierung humanitärer Arbeit. Durch die weltweiten Kürzungen in der Entwicklungshilfe geraten wichtige Bereiche zunehmend unter Druck.
Besonders besorgt mich die Entwicklung im Bildungsbereich. Bildung wird häufig nicht als lebensnotwendige Hilfe betrachtet. Viele Fördermittel fließen in Ernährung oder Gesundheitsversorgung – beides ist selbstverständlich wichtig. Aber wenn Bildung vernachlässigt wird, schaffen wir langfristig neue Probleme.

Zur Person
Atsu André Agbogan ist Regionaldirektor des Jesuit Refugee Service (JRS) für Ost- und Südafrika. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er für die internationale katholische Flüchtlingsorganisation, die Geflüchtete, Vertriebene und andere besonders schutzbedürftige Menschen unterstützt. Die Arbeit des JRS umfasst Bildungsangebote, psychologische Betreuung sowie humanitäre Hilfe, unter anderem im Flüchtlingslager im südsudanesischen Renk, wo zu Beginn des Sudan-Krieges täglich bis zu 2000 Menschen ankamen.
Inhalte aus der aktuellen Ausgabe

Interview mit Atsu André Agbogan vom JRS

Frauenhäuser in Burkina Faso

Stimmen des Sudan


