
DER WAHRHEIT AUF DER SPUR
Der eine schreibt für das größte investigative Online-Nachrichtenportal der Philippinen, der andere dokumentiert als Fotograf die dunklen Seiten des südostasiatischen Landes. In einem Staat, in dem die öffentliche Meinung zur Gefahr werden kann, berichten sie erst recht.
Jairo Bolledo: „Gerechtigkeit gibt es auf den Philippinen nicht.“

In dieser Redaktion zu arbeiten, erfordert wahrscheinlich besonderen Mut. Jairo Bolledo hatte ihn 2021. Damals schickte er seine Bewerbung an das Online-Nachrichtenportal „Rappler“. Er wurde genommen. Sein neuer Arbeitgeber war damals gerade davon bedroht, vom Netz genommen zu werden. Gegen die Chefredakteurin Maria Ressa lag eine Anklageschrift seitens der Regierung vor.
Auf Social Media wurden sie und andere Journalisten des „Rappler“ mit Hass und Hetze überschüttet. Und doch: Für den damals 23-jährigen Journalisten war klar, dass der Job der richtige für ihn war. „Ich denke, Journalist zu werden ist eine Berufung, ähnlich wie das Priesteramt“, sagt er.
Der junge Journalist stammt aus einfachen Verhältnissen. Er hat erlebt, was es bedeutet, trotz zunächst mangelnder Schulbildung seinen Weg zu gehen, in einer Familie, der es am Nötigsten fehlte. „Ich habe früh gemerkt, dass ich gut mit Menschen sprechen kann und dass ich die Fähigkeit habe, zu schreiben“, sagt er.
An einem warmen Tag im Februar steht Jairo Bolledo also in der Redaktion des „Rappler“ im Stadtteil Pasig der philippinischen Hauptstadt Manila – ein Großraumbüro mit einem verglasten Besprechungsraum in der Mitte. Etwa 90 Journalistinnen und Journalisten arbeiten hier, nach wie vor. Bolledo ist gerade von einem Termin beim Gericht zurückgekommen, es ging um das Amtsenthebungsverfahren der Vizepräsidentin des Landes, Sara Duterte.
Das Onlinemedium ist für seine investigative Recherche bekannt. Immer wieder haben die Reporter auch über den AntiDrogenkrieg des früheren Präsidenten des Landes, Rodrigo Duterte, und die vielen Todesopfer unter der armen Bevölkerung berichtet. Für die damalige Regierung unbequeme Fakten. Der junge Reporter nimmt seine Arbeit auf, als der Krieg gegen die Drogen, den viele als Krieg gegen die Armen bezeichnen, noch im Gange ist. Er spricht mit Ehefrauen, die den Mann verloren haben, mit Müttern, deren Kind zur falschen Zeit am falschen Ort war. Oft ist er frustriert. „Gerechtigkeit gibt es auf den Philippinen nicht.“
Als Dutertes Nachfolger, Ferdinand Marcos Junior, die letzte Wahl gewinnt, bleibt das Medium weiterhin kritischer Beobachter. Kein einfacher Weg in einem Land, das nicht sicher ist für Journalisten. Seit 1986 sind laut philippinischer Journalistenvereinigung 199 Reporter verschwunden oder umgebracht worden.
Doch Jairo Bolledo treiben andere Zahlen an: „In den Jahren zwischen 2016 und 2022 (in Dutertes Regierungszeit, Anm. d. Redaktion) wurden rund 30000 Menschen ermordet. Aber bislang sehen wir nur vier Verurteilungen, und nur zehn Polizisten sind in Haft.“
Aber es geschehen auch Dinge, die an Recht und Gerechtigkeit glauben lassen: Im Dezember des Jahres, in dem Jairo Bolledo seinen Job bekommt, erhält seine Chefin gemeinsam mit dem russischen Journalisten Dimitri Muratow den Friedensnobelpreis.
Die gesamte Redaktion ist wie im Schock, es wird gefeiert. Die Welt blickt auf die mutige philippinische Journalistin und der „Rappler“, 2011 aus einer Facebookseite entstanden, steht im Scheinwerferlicht. Und dann, 2025, kommt die Nachricht, auf die sie alle jahrelang gewartet haben und die alle Mühen, allen Mut im Nachhinein so wertvoll macht: Ex-Präsident Duterte muss sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten. Der „Rappler“ berichtet.
Jun Santiago: „Wir sind noch weit entfernt von Recht und Ordnung.“

Zwei Leidenschaften bestimmen das Leben von Bruder Jun Santiago: sein Leben als Ordensmann und die Fotografie. Seine erste Kamera bekam er als Schüler, ein Geschenk seiner Schwester. Es war ein einfaches Modell, doch Santiago war sofort fasziniert. Die Kamera wurde zum Werkzeug, das ihm half, seine Umwelt besser zu verstehen.
Als er später dem Orden der Redemptoristen beitrat, fotografierte er für seine Gemeinde. Er dokumentierte Naturkatastrophen, Umweltzerstörung, Armut – aber auch den Wiederaufbau, die Hoffnung, das Durchhalten.
„Die Kirche hat mich dorthin geführt, wo das Leben hart ist“, sagt Santiago. Seine Arbeit im Dienst der Kirche verschaffte ihm als Fotograf Zugang zu den Brennpunkten des Landes. Dieser Vorteil half ihm, als 2016 eine der dunkelsten Epochen des Landes begann.
Rodrigo Duterte, neu gewählter Präsident, hatte einen Feind ausgerufen: die Drogen. Und einen Krieg begonnen – gegen die eigene Bevölkerung. In den Nächten fielen Schüsse. Tausende Männer, Frauen und Teenager starben zu Hause oder auf offener Straße. Die Täter: oft maskierte Polizisten. Die Opfer: Drogenabhängige, meist arm, oft unschuldig.
Br. Jun Santiago schloss sich den „Nightcrawlers“ an – einer Gruppe mutiger Fotojournalisten, die in den Nächten unterwegs war, um die Tatorte zu dokumentieren. Es war keine offizielle Mission. Kein Medienhaus hatte sie beauftragt. Doch sie wussten: Wenn niemand festhält, was passiert, wird es später keine Beweise geben.
„Allein in meiner ersten Nacht, habe ich elf Tote fotografiert“, sagt Santiago. Irgendwann hat er aufgehört zu zählen. „Es war ein endloser Kreislauf aus Trauer, Angst und Erschöpfung“, sagt er. „Viele von uns spürten, wie schwer es war, Nacht für Nacht Familien zerbrechen zu sehen.“ Die emotionale Belastung war enorm – doch aufhören war keine Option. Santiago baute ein Netzwerk in den am meisten betroffenen Gemeinden auf: Sobald es zu einem sogenannten Extrajudicial killing (EJK), einer außergerichtlichen Tötung kam, wurde er von den Bewohnern informiert. Kurze Zeit später war er am Tatort. Er fotografierte die Körper, die Hinterbliebenen, manchmal noch die Täter. Sechs Jahre lang, sechs Nächte pro Woche.
Heute sind seine Fotos stumme Zeugen für ein brutales System, für das sich Ex-Präsident Duterte nun vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten muss. Die Verhaftung von Duterte, „dem Vollstrecker“ wie er sich selbst oft nannte, ist ein Hoffnungsschimmer für die Opfer-Familien, allerdings kein Garant für Gerechtigkeit. „Wir sind noch weit entfernt von Recht und Ordnung“, sagt Santiago. Es fehle ein grundsätzlicher öffentlicher Diskurs zum Thema Menschenrechte. Dazu kämen Fake-News, die sich ungebremst über soziale Medien verbreiten. „Sie machen Menschen wie Duterte noch mächtiger.“
Santiago hat gemeinsam mit anderen Fotojournalisten und Künstlern ein Café im Großraum Manila gegründet. Im „Silingan Coffee“ arbeiten Angehörige von EJK-Opfern. Es ist nicht nur eine Arbeitsstelle, sondern auch ein Ort, an dem sie ihre Geschichte erzählen können. „Es ist wichtig, die Erinnerung aufrechtzuerhalten“, sagt er. Santiago ist sich sicher, dass sich ein solches System auf den Philippinen leicht wiederholen könne. „Die Duterte-Dynastie ist groß und nach wie vor sehr beliebt im Land.“
Inzwischen arbeitet Santiago an einem weiteren umfangreichen Fotoprojekt. Es geht um Kinderarbeit und Menschenhandel. Die Themen gehen ihm nicht aus.

