3 Fragen Monsignore Huber 250x320Monsignore Wolfgang Huber, Präsident von missio MünchenMonsignore Huber, was spricht Sie persönlich besonders an der Person Pauline Jaricot, ihrem Leben und Werk an?

Pauline Jaricot ist eine große Frau, die in einer Zeit in Frankreich gelebt hat, wo sie sich aus einem gut situierten Leben heraus an Menschen gewandt hat, denen es nicht so gut geht und geschaut hat: Wie kann das Evangelium anderen Menschen eine Lebensperspektive bieten, die nicht in meinem unmittelbaren Umfeld sind? Also, wie können wir missionarisch tätig sein? Dabei hat sie nicht vergessen, die Leute in Lyon, die einfachen Arbeiter, mit auf den Weg zu nehmen. Diesen Ansatz finde ich ganz faszinierend: Dort, wo ich bin, Leute zu begeistern und sie mit Menschen auf anderen Erdteilen in Verbindung zu bringen. Eine tolle Sache!

Was bedeutet die Seligsprechung der Gründerin Pauline Jaricot für missio?

Die Seligsprechung von Pauline Jaricot, die als erste in großem Stil den Missionsgedanken in die Welt gebracht hat, verpflichtet uns von missio heute, uns unserer eigenen Identität bewusst zu werden. Dass wir als päpstliches Missionswerk heute in der Welt unterwegs sein dürfen, um Lebensqualität vor Ort zu schaffen. Da ist eine Seligsprechung natürlich nochmal eine ganz besondere Motivation. Ich glaube auch, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die, die mit uns verbunden sind, sich dadurch nochmal bewusst werden können: Wo kommen wir her, was ist unsere Geschichte, wie leben wir jetzt hier in der Gegenwart und wie können wir die Zukunft gestalten? Das hat Pauline Jaricot für missio auf den Weg gebracht und so dürfen wir dank ihr heute „Gott sei Dank vor Ort“ sein. 

Wie wird Pauline Jaricot missio in diesem Jahr und vielleicht auch in Zukunft begleiten?

In diesem Jahr wird Pauline Jaricot uns in besonderer Weise das Jahr hindurch in unserer täglichen Arbeit begleiten. Zum einen, weil sie seliggesprochen wird, zum anderen, weil durch ihre Gründung auch die päpstlichen Missionswerke einen besonderen Geburtstag feiern. So haben wir schon Fortbildungen gemacht dazu, um sie besser kennenzulernen. Sie wird natürlich präsent sein durch die Feier der Seligsprechung und auch, wenn wir heuer bei uns hier bei missio München den Tag der Offenen Tür gestalten. In Zukunft wird uns vor allen Dingen ihre Art und Weise, wie sie versucht hat, spirituell mit den Menschen in der Welt verbunden zu sein, eine besondere Bedeutung zukommen. Ihren Ansatz finde ich immer wieder spannend: Sich begegnen – miteinander Gottesdienst feiern – für- und miteinander zu beten – für- und miteinander Verantwortung zu übernehmen. Das begleitet uns – und mich ganz besonders – weiterhin in der Aufgabe für missio. 

Mehr Fragen und Antworten zu Pauline Jaricot im >> Doppelinterview mit Pfarrer Dirk Bingener, Präsident von missio Aachen. 


3 Fragen Peter Pfister 250x320Dr. Peter Pfister, Archiv- und Bibliotheksdirektor i.K.Dr. Pfister, im 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Missionsvereine. Welche Rolle spielten Pauline Jaricot und ihre Idee?

Blickt man in die Kirchengeschichte, so hat die Kirche von Anfang an einen Missionsauftrag. Das 19. Jahrhundert und das beginnende 20 Jahrhundert zeigen uns einen neuen missionarischen Aufbruch. Und gerade in diese Zeit ist Pauline Jaricot hineingeboren. Mit der Überwindung der Folgen der französischen Revolution (1789-1799) und der napoleonischen Zeit musste sich die kath. Kirche neu ausrichten. Die kirchliche Restauration des 19. Jahrhunderts ließ auch den organisatorischen Wiederaufbau kirchlicher Missionsarbeit zu. Diese wiederauflebende Missionsarbeit der Kirche wurde mitgetragen durch das gläubige Volk: Die sog. „Missionsvereine“ entstanden zuerst in Frankreich. Dort wurde der kirchenamtlich besonders empfohlene Lyoner Missionsverein, das Oeuvre de la Propagation de la Foi, anfangs Association de la Propagation de la Foi genannt, am 3. Mai 1822 gegründet. Und hier standen die beiden Lyoner Frauen Pauline Jaricot (1799-1862) und Madame Petit besonders im Mittelpunkt. Die Weiterentwicklung des Missionswerkes wurde insbesondere durch die Päpste selbst gefördert. Die große Enzyklika „Rerum Ecclesiae“ vom 23. Februar 1926 forderte die katholische Welt erneut dazu auf, beim Werk der Glaubensverbreitung mitzuhelfen und vergaß nicht seiner (Mit-)Stifterin Pauline Jaricot und Lyon dankbar zu gedenken.

Wie ist die Verbindung von Pauline Jaricot zum Ludwig-Missionsverein?

Bei der Gründung des Lyoner Vereins dachte sicher niemand daran, eine internationale Organisation ins Leben zu rufen. Aber schon 1825 entstanden erste Gruppen außerhalb des französischen Staatsgebiets und 1827 trafen die ersten Spenden aus Bayern in Lyon ein. Ab 1828 versuchte der spätere Detroiter Bischof Friedrich Reese bei König Ludwig I. die Gründung einer Stiftung zu erreichen. 1834 lernte der Münchener Domkaplan Franz Xaver Huber auf einer Reise nach Südfrankreich in Lyon das dortige Missionswerk kennen. Nach seiner Rückkehr gewann er seinen Mitbruder, Joseph Ferdinand Müller, für den Gedanken, in München Einigungen des Lyoner Vereins ins Leben zu rufen. Sie sammelten als die eigentlichen Wegbereiter des Ludwig Missionsvereins Spenden und sandten sie nach Lyon. Auch der Münchner Domkapitular Balthasar Speth unterstützte diese losen Sammlungen. Er war es, der den Entwurf für die Satzung des Ludwigvereins (ab 22. April 1839 Ludwig Missionsverein) fertigte. König Ludwig I. genehmigte die Statuten, die die Ideen Pauline Jaricots widerspiegelten – auch wenn die Missionsbewegung in Bayern von hier an andere Wege gehen sollte. Wenn König Ludwig I. einen Missionsverein gründete, ihn unter sein Patronat stellte und nachhaltig aus seinen privaten Mitteln förderte, so verband er damit die Erwartung, dass das neu gegründete Missionswerk seinen kirchenpolitischen Vorstellungen folgte. Ihm lag insbesondere an der Förderung der Seelsorge unter den zahlreichen deutschen Emigranten in die USA.

Wie hat sich die Vorstellung von Mission zur Zeit von Pauline Jaricot bis heute weiterentwickelt?

Während einige Formen der Frömmigkeit, die Pauline Jaricot mitinitiierte, heute nach wie vor einen gewissen Zuspruch haben, wurde der von Pauline Jaricot mitgetragene Missions-Gedanke weiterentwickelt. Die zunehmende Delegitimation des Missionsgedankens bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts – in der Neuzeit ist die Mission untrennbar mit der Eroberung Lateinamerikas und mit dem Kolonialismus des christlichen Abendlandes verbunden – konnte erst auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) überwunden werden. Neue Grundlagen für die Mission der Kirche wurden formuliert. Ein großer Schritt ist die Anerkennung der Religionsfreiheit in „Dignitatis humanae“ (1965). In der Erklärung „Nostra aetate“ (1965) wird das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen geklärt, und die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ (1965) erläutert die Rolle der Kirche in der Welt von heute. Neue Weichen stellt zudem das Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche in „Ad gentes“ (1965). Dabei wird die Kirche nicht nur als missionarisch gesehen, sondern mit dem Begriff „Evangelisierung“ in Verbindung gebracht. Ein Zitat des Missionswissenschaftlers Michael Sievernich aus dem Jahr 2015 fällt mir dazu ein: „Die missionarische Einbahnstraße von Europa wurde längst abgelöst von wechselseitigen Bewegungen der Evangelisierung, welche die spirituellen Reichtümer auf neue Weise untereinander teilen und so zur Transformation beitragen.“ Oder anders formuliert: die Missionsidee des 19. Jahrhunderts, die die Erlösungsbotschaft zu den Heiden bringen wollte, ist heute unter dem Begriff „Evangelisierung“ zu einer weltweiten Aufgabe der Kirche geworden. 


3 Fragen Susanne Schneider 250x320Sr. Susanne Schneider MC, missio-BildungsreferentinSchwester Susanne, inwiefern kann Pauline Jaricot in ihrem Engagement heute Vorbild für Frauen und auch Männer sein?

Pauline Jaricot geht einen ganz eigenen Weg und kann deshalb Vorbild sein, in dem Sinne, dass jede Frau, jeder Mann ihre/seine Berufung finden muss. Das beste Zeichen dafür, dass sie ihren ganz eigenen Weg sucht und findet, sind natürlich ihre zwei „Erfindungen“, also das Werk der Glaubensverbreitung und der lebendige Rosenkranz. Einen großen Raum nahm in ihrem Denken die Frage ein, wie man den Glauben in der ganzen Welt verbreiten könnte. So ist es kein Wunder, dass bei ihren Tagträumen und Gebeten immer wieder diese Frage auftauchte und dass dann schließlich, wie durch ein Wunder, sich eine Antwort formte. So ist es wohl bei genialen Ideen oft: Sie entstehen in einem langen inneren Prozess und wenn sie dann in der Welt sind, erscheinen sie naheliegend und einfach. Vorbildlich sind außerdem zwei Verhaltensweisen Pauline Jaricots: Sie arbeitet mit Feuereifer an ihren Projekten und setzt dafür alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel ein. Dabei arbeitet sie ohne Gewalt. Als ihr das Werk der Glaubensverbreitung nach relativ kurzer Zeit entzogen wird, geht sie mit dieser Niederlage vergleichsweise gelassen um. Sie verliert keineswegs ihr Ziel aus den Augen und arbeitet an dem weiter, was ihr bleibt.

Inwiefern spielte der Umstand, dass sie eine Frau war, eine Rolle für ihren Erfolg und vielleicht auch dafür, dass man ihr die Leitung des „Werks der Glaubensverbreitung“ ab einem gewissen Punkt entzogen hat?

Pauline Jaricot reflektiert bereits mit 17 Jahren ihre Situation als Frau in der kath. Kirche sehr exakt: "Unglücklich wie ich bin, ist es vergeblich, dass ich zur Ehre der Kirche beitragen möchte: mein Geschlecht und meine Schwäche sind ein unüberwindliches Hindernis. [...] Dieser Trost ist nur den Priestern vorbehalten!“ Ob der Umstand eine Frau zu sein, eine Rolle für Pauline Jaricots Erfolg spielte, lässt sich schlecht beurteilen. Es könnte sein, dass ihre beiden Ideen, die ja jeweils das „normale“ Volk, betrafen, deswegen gut angenommen wurden, weil sie als Nicht-Klerikerin natürlich die Sorgen und Nöte der Leute kannte. Es ist auch sicherlich so, dass Pauline Jaricot am Anfang die richtigen Leute begeistern konnte und deshalb besonders am Anfang die Idee des Werkes sich in Lyon und Frankreich ungewöhnlich schnell ausbreitet und so die ganze Gruppe um Pauline Jaricot sehr erfolgreich ist. Dass man ihr das Werk der Glaubensverbreitung bereits im Jahr 1821 entzogen hat, reflektiert sie wie folgt: „Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es mir sehr schwer fiel zu verstehen, wie es sein konnte, dass Jesus, der die Nächstenliebe im Evangelium so ausdrücklich gebietet, mir befahl, mich davon fernzuhalten. Vergeblich versuchte ich zu argumentieren. Ich musste die Augen schließen und gehorchen. Um mir zu zeigen, dass er mich nicht brauchte, ließ Gott zu, dass die Werke, die ich verloren geglaubt hatte, viel besser von Leuten ausgeführt wurden, die über mehr Mittel verfügten, um sie zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, als ich, der ich damals nur über die geringen Mittel junger Mädchen verfügte, die unter der glücklichen Macht ihrer Eltern stehen.“ Dieser Textabschnitt macht deutlich, dass Pauline Jaricot in der scheinbaren Niederlage den Willen Gottes erkennen konnte und deshalb in ihrem grundsätzlichen Eifer keineswegs gebremst war.

Das Missionsverständnis hat sich seit der Zeit von Pauline Jaricot gewandelt. Gibt es trotzdem Aspekte, die Bestand haben?

Ein Aspekt, der zukunftsweisend ist und hinter den inzwischen kein Christ, keine Christin mehr zurück kann, ist ihre Universalität. Pauline Jaricot wurde in diesem Punkt vom allgemeinen missionarischen Eifer zu Anfang des 19. Jahrhunderts sicherlich angesteckt und hatte diese Universalität also eher nicht erfunden. Trotzdem hat sie durch den weltweiten Horizont ihrer Werke den Gedanken der Universalität des Christentums stark gefördert. Ein weiterer wichtiger Aspekt ihres Missionsverständnisses ist das bewusste Nichtbeachten von Standesunterschieden. In Lyon im Jahr 1816 ist es keineswegs selbstverständlich, dass die reiche Kaufmannstochter mit Arbeiterinnen verkehrt wie mit Freundinnen. Damit verbunden ist das Nichtbeachten von Machtunterschieden – soweit es ihr möglich war. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass sie eine Frau war und nicht durch Machtmittel so viel Einfluss wie beispielsweise der Klerus auf andere Menschen ausüben konnte. Aber es entsprach wohl ihrem Verständnis vom Menschen, dass sie zur Durchsetzung ihrer Interessen gewöhnlich auf Argumente und Beziehungen setzte. Dies wird besonders deutlich bei der Gemeinschaft der filles de Marie, der Töchter Mariens, die sie gründet. Es ist erstaunlich, wie modern die von Pauline Jaricot geschriebene Regel für diese Frauen heute wirkt. Den jungen Frauen wird ein großer Spielraum der eigenen Gewissenensentscheidung gewährt.

 

Interview: Bettine Kuhnert

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