Am 9. Mai 2022 sind Wahlen auf den Philippinen. Foto: Reuters

Dem Boxweltmeister Manny Pacquiao werden nur Außenseiterchancen eingeräumt. Doch das muss nichts heißen in diesem Wahlkampf auf den Philippinen, der wie ein Wettstreit im Boxring mit allen Tricks und härtesten Bandagen geführt wird. Am 9. Mai wählen die Menschen auf den Philippinen einen Nachfolger für Präsident Rodrigo Duterte, dessen Amtszeit nach sechs Jahren abläuft. Der Boxer Pacquiao ist nur einer der Kandidaten. Die größten Aussichten auf einen Wahlsieg haben derzeit andere – und es zeichnet sich ein spektakuläres Comeback in der philippinischen Politik ab.

Denn sollte der derzeitige Favorit wirklich gewinnen, dann könnte die einstmals so gefürchtete Familie des langjährigen Machthabers Ferdinand Marcos zurückkehren in den Präsidentenpalast. Ferdinand Marcos Junior, genannt "Bongbong", schickt sich an, die Macht zu übernehmen. Im Hintergrund wirkt noch immer die schillernde Präsidentenwitwe Imelda Marcos. Wie der 2019 veröffentlichte  Dokumentarfilm "Die Königsmacherin" zeigt, hält Imelda auch mit 90 Jahren noch viele Fäden in der Hand, sicherte ihren Kindern und Enkeln wichtige Posten, wehrte alle Gerichtsprozesse wegen Korruption und Untreue ab. 

Bischöfe warnen vor "Pandemie der Lügen"

Die Rückkehr der Marcos-Familie ist auch vom jetzigen Präsidenten Duterte vorbereitet worden. So ließ er den Leichnam des früheren Herrschers zurück ins Land bringen. Er erhielt ein Ehrengrab auf dem Heldenfriedhof. Groß angelegte Kampagnen in Online-Netzwerken bewerten die philippinische Geschichte neu. Ferdinand Marcos hatte das Land 1972 unter Kriegsrecht gestellt, Oppositionelle verschwanden in Folterkellern, die Wirtschaft brach ein. Doch heute gelten diese Jahre manchen als "goldenes Zeitalter", in dem "Disziplin" geherrscht und ein "starker Mann" regiert habe. 

Die katholische Bischofskonferenz hat sich Ende Februar mit einer Stellungnahme gegen diese Umdeutung gewendet. Sie spricht von einer "Pandemie der Lügen", die sich im Land verbreite. "Wir waren doch damals Zeugen des Kriegsrechts. Bis heute sind die Menschenrechtsverletzungen, die Opfer, die Korruption, die enorme Verschuldung und die von der Diktatur ausgelöste Wirtschaftskrise gut dokumentiert. Das haben wir uns doch nicht ausgedacht!"

Offene Kritik an Marcos und Duterte

In einem Volksaufstand, genannt "People’s Power Revolution", wurde Diktator Marcos 1986 gestürzt. Die katholische Kirche mit Kardinal Jaime Sin gehörte damals maßgeblich zu den Unterstützern der friedlichen Revolution. Auch jetzt, während der Regierungszeit von Präsident Duterte, gab es regelmäßig Kritik von Kirchenleuten, vor allem wegen der vielen außergerichtlichen Tötungen in den Armenvierteln. Angeblich zielten Dutertes Law-and-Order-Kommandos auf Kriminelle und Drogensüchtige, doch viel zu oft gab es unbeteiligte Todesopfer. Vinzentinerpater Daniel Pilario sagt im Vorfeld der Wahl: "Wir dürfen es den Geistern der Diktatoren Marcos und Duterte nicht erlauben, dass sie uns wieder unterdrücken und töten."

Pater Pilario und viele andere kirchliche Stimmen haben öffentlich erklärt, dass sie einen anderen Kandidaten unterstützen und wählen werden. Genauer gesagt: die Kandidatin Leni Robredo. Sie ist bisher Vizepräsidentin und hatte diesen Posten 2016 knapp gegen Bongbong Marcos gewonnen. Obwohl sie bisher ein Teil der Duterte-Regierung ist, gilt sie als Oppositionsführerin und wurde 2019 von Duterte bezichtigt, einen Umsturz zu planen. Daniel Pilario hält sie für die beste Bewerberin, vor allem, weil sie sich glaubwürdig im Kampf gegen Korruption und Armut engagiert habe, die seit der Corona-Pandemie noch weiter gewachsen sind. 

Doch momentan scheinen die beiden mächtigen Familien zu dominieren. Familie Marcos steht an der Schwelle des Palastes. Und auch Duterte sichert seinen Einfluss. Denn mit Sara Duterte bewirbt sich seine Tochter um das Amt der Vizepräsidentin. 

Christian Selbherr

 

Lesen Sie hier eine Reportage zum Thema:
>>Der Präsident kennt kein Erbarmen

Mit dem Amtsantritt von Rodrigo Duterte im Juli 2016 hat auf den Philippinen ein blutiger Anti-Drogen-Krieg begonnen. Tausende Verdächtige wurden bereits ermordet. Wer mit dem Leben davonkommt, landet in einem der überfüllten Gefängnisse – ohne Beweise, ohne fairen Prozess. Die Angehörigen der Opfer sind verzweifelt.

 

 

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