Migrationspakt Foto: Fritz Stark

Eine schrille Debatte tobt um den Migrationspakt der Vereinten Nationen, der im kommenden Dezember in Marokko unterzeichnet werden soll. An ihr zeigt sich, welche Verunsicherung, welche Ängste und auch welchen Hass die Fragen von Flucht und Migration in unseren Gesellschaften zu wecken imstande sind. Im Windschatten dieser großen Herausforderung des 21. Jahrhunderts keimen Populismus und Nationalismus wieder auf.

Politiker gaukeln ihren Wählern vor, nationale Antworten auf globale Fragen geben zu können. Sie bedienen sich dabei einer Sprache, die Migranten Individualität und Würde abspricht, sie unter Generalverdacht stellt, sie kriminalisiert. Der Migrationspakt der Vereinten Nationen hat eine andere Sprache. Er spricht von geteilter Verantwortung, gegenseitigem Vertrauen, Entschlossenheit und Solidarität. Dabei ist er nur eine Richtschnur. Seine Forderungen sind nicht völkerrechtlich bindend. Sie berühren nicht die Souveränität der Nationalstaaten. Es ist ein Dokument, dessen Sprache der Tatsache Rechnung trägt, dass die Welt nicht die Augen vor dem Elend und dem Leid in den Ländern des Südens verschließen darf, wenn sie human bleiben will. Es will einen Maßstab setzen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Allein das hat aber offensichtlich schon gereicht, dass die USA sich von Anfang an aus den Verhandlungen zurückgezogen haben. Nun signalisieren einige andere Länder, dass sie nicht bereit sind, das Dokument zu unterzeichnen. Unter ihnen ist Österreich. Einen Anreiz für die „unkontrollierte Zuwanderung von Millionen oder gar hunderten Millionen Migranten“, werde der Migrationsplan auslösen, tönt es nun durch soziale Medien. Man kann den Plan lesen, wenn man sich darüber vergewissern will, dass dem nicht so ist. Doch in einer Zeit, in der der Präsident der USA seine Politik per Twitter verkündet und widerruft, haben es 34-seitige Dokumente schwer.

Am Migrationspakt kann man manches kritisieren. Etwa, dass er den Belastungen und Schwierigkeiten, die Zuwanderung mit sich bringt, nicht genügend Rechnung trägt. Man kann der Meinung sein, dass der Unterzeichnung des Planes eine breite gesellschaftliche Debatte vorangehen sollte. Das Problem unserer Zeit sind aber nicht die gegensätzlichen Meinungen innerhalb unserer Gesellschaften. Das Problem ist, dass sich diese Meinungen aus gegensätzlichen „Fakten“ speisen. Noch nie war es so leicht, Halb- und Unwahrheiten in Umlauf zu bringen. Noch nie war die Zuhörerschaft für gefälschte Fakten so groß, ihre Aufmerksamkeit so kurz und ihr Erregungspotential so hoch.

Der Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn, hat gerade darauf hingewiesen, wie leicht Sprache zur Tat werden kann. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 haben dies gerade uns Deutschen und Österreichern drastisch vor Augen geführt. Wenn Sprache nun wieder in eine Richtung kippt, die Menschen abwertet, ausgrenzt, die Furcht und Hass schürt, so müssen wir Christen uns dem entgegenstellen.

Sind wir Christen, ist die Kirche deshalb naiv? Im Gegenteil. Die Kirche ist dort vor Ort, wo Kriege ausgetragen werden, Rohstoffe geplündert werden und das Leben der Menschen eine Hölle auf Erden ist. Sie gibt Menschen dort, wo staatliche Strukturen längst zusammengebrochen sind, eine Lebensperspektive. In der Überzeugung, dass die Würde des Einzelnen unantastbar ist. Denn sie resultiert aus der Ebenbildlichkeit Gottes.

Als missio-Präsident kenne ich die Realität in den Ländern Afrikas und im Nahen Osten. Ich weiß, was die Menschen dort leisten, um im Angesicht größter Schwierigkeiten der jungen Generation eine Zukunft zu ermöglichen.

Der Gastbeitrag von Monsignore Huber ist in Die Tagespost am 8. November 2018 unter dem Titel "Ist dem Migrationspakt zuzustimmen? Pro: Eine Lebensperspektive. Von Wolfgang Huber" erschienen und stellt die Gegenposition zur Einschätzung des österreichischen Innenministers Herbert Kickl (FPÖ) dar, die in derselben Ausgabe veröffentlicht wurde.

Foto: Fritz Stark

­