2e52ee36d8327143e39542dcfb287ba7_w1170_h600_cp missio München - Interview mit Bischof Oster: Die Welt wieder in den Blick bekommen

Im Interview mit dem missio magazin spricht der Passauer Bischof Dr. Stefan Oster über die Kirche in Zeiten von Corona, seine Reise mit missio in den Senegal und die Menschenpflicht, dafür zu sorgen, dass auch die Generationen nach uns noch menschenwürdig leben können.

Herr Bischof Oster, in Ihrem letzten Interview mit dem missio magazin sprachen wir über Ebola in Sierra Leone. Nun betrifft Corona uns alle – auch Mitarbeiter von Ihnen.
Gott sei Dank haben wir die Situation jetzt wieder einigermaßen im Griff. Wir sind sehr erschrocken, als Ende Juni neue Corona-Fälle bei Mitarbeitern im Ordinariat aufgetaucht sind. Es hatte sich offensichtlich jemand über eine Baustelle infiziert, an der sehr viele Firmen an unserem Dom und einem Nebengebäude arbeiten. Jetzt fährt der Betrieb so langsam wieder hoch. Es ist glimpflich abgegangen. Aber: Die Gesellschaft lockert sich, und auf einmal ist die Situation gravierender als sie war, als alles heruntergefahren war.

Wie hat sich in Ihren Augen die Kirche in der Pandemie-Zeit aufgestellt? War Online eine gute Alternative?
Es war eine Alternative und auch eine gute. Aber natürlich ist das nicht das Eigentliche. Kirche war vor Ort präsent in vielerlei Initiativen: all die Menschen, die Nachbarschaftshilfe geleistet haben, Telefondienste übernommen haben, Jugend- und Ministrantengruppen, die Lieferdienste gemacht haben für Menschen, die das Haus nicht verlassen konnten. Die andere Seite war, dass wir mit unseren Seelsorgern nicht in die Alten- und Pflegeheime konnten. Das war schon sehr gravierend. Auch, dass wir keine Gottesdienste in Gemeinschaft feiern konnten. Hier im Bistum hatten wir sehr früh eine Kooperation mit dem lokalen Fernsehsender und haben Gottesdienste gestreamt. Das ist sehr gut angenommen worden. Die Menschen waren dankbar und wir hatten bis zu 150 000 Mitfeiernde in der Osternacht. Das hat uns sehr erstaunt. Wir sind aber an Fronleichnam sehr bewusst wieder heruntergefahren und haben gesagt, wir hören jetzt auf mit dem Streaming, denn wir wollen eigentlich nicht, dass da eine Art Gewohnheitseffekt eintritt, sondern dass die Leute wieder in die Gottesdienste kommen.

Wie wird das funktionieren?
Die Menschen sind immer noch vorsichtig oder sie haben sich schon daran gewöhnt, zu Hause zu bleiben. Mancher Pfarrer fragt sich, wie er die Menschen wieder in die Kirche bringen und in die Liturgie einbinden kann, wenn sie über Wochen und Monate zu Hause waren. Ich bin schon gespannt, wie sich das kirchliche Leben entfalten wird, wenn es wieder vollständig möglich ist. Wir erleben ja überall diese Abbruchserfahrungen, und möglicherweise hat Corona sie beschleunigt. Umso wichtiger sind Initiativen, die es auch heute in dieser individualisierten Zeit möglich machen, dass Menschen christliche Gemeinschaftserfahrungen machen.

Dazu kommt der weltweite Wirtschaftseinbruch, der die Armut noch vergrößert. Für missio stehen in diesem Jahr vier Länder Westafrikas im Fokus, darunter der Senegal. Sie waren mit missio vor Ort. Wie waren Ihre Eindrücke?
Ich war zum ersten Mal in dieser Region. Dakar präsentiert sich als moderne, vielfältige Stadt, die einen Boom und wirtschaftliche Prosperität erlebt.Aber natürlich haben wir auch schnell wahrgenommen, dass es ein großes Gefälle gibt zum Leben in den Dörfern und kleinen Ortschaften, gerade was Infrastruktur, Hygieneausstattung und Bildungseinrichtungen betrifft. Dennoch ist der Senegal eines der Länder innerhalb der Region, in dem es den Menschen vergleichsweise gut geht. Das liegt an der Prosperität des Landes, aber auch daran, dass dort Stabilität und Frieden herrschen, auch zwischen den Religionen. Es war sehr eindrücklich, die Gestalt des Islam dort kennenzulernen.Viele der gläubigen Menschen dort sorgen dafür, dass der Terror dort nicht oder nur sehr schwer Fuß fassen kann, weil die Menschen so wachsam sind.

Die Nachbarn Mali, Burkina Faso und Niger leiden unter Instabilität und islamistischem Terror. Wenn die Armut wächst, bedeutet das eine düstere Zukunft?
Es sind schon düstere Wolken, die über diesen Ländern aufziehen. Umso wichtiger ist die Arbeit, die missio und die Kirche dort vor Ort leisten. Man hat immer das Gefühl, das sind womöglich nur Tropfen auf dem heißen Stein. Aber ich habe dort den Eindruck gewonnen: Das, was die Christen dort tun, wird geschätzt und angenommen und ist wenigstens für einige Menschen ein Glückstreffer. Zum Beispiel, wenn Kinder an einer katholischen Schule, die vernünftig geführt wird, ordentlich ausgebildet werden.

Corona verschärft die Armut und hat auch die Klimadebatte vorerst ausgebremst. Sie haben mit den Schülern von Fridays vor Future protestiert. Ist das zu Ende?
Ob die Protagonisten auch weiterhin die Schülerinnen und Schüler sein werden, das wird sich zeigen. Aber das Thema wird uns bleiben. Da bin ich den jungen Menschen sehr dankbar, dass sie die Dringlichkeit des Anliegens uns manchmal trägen Erwachsenen vor Augen geführt haben. Für uns Christen ist Ökologie ja ein wichtiges Anliegen, aber keine Ersatzreligion und keine Ideologie. Dass wir alle miteinander Verantwortung tragen, dafür zu sorgen, dass die Generationen, die nach uns kommen auch menschenwürdig leben können auf der Grundlage dessen, was da ist, das ist eine Menschenpflicht.

Sie haben als einer von 110 Bischöfen weltweit das Lieferkettengesetz unterzeichnet.
Wenn wir Unternehmen gewissermaßen nötigen, zu zeigen, wo das herkommt, was sie bei uns vertreiben, wer es herstellt und unter welchen Bedingungen, dann kann man irgendwann bei uns keine T-Shirts aus Ländern Asiens für unter zehn Euro mehr bekommen. Das ist schlichtweg nicht möglich, es sei denn, es wird unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert. Das gilt ebenso für Nahrungsmittel und anderes. Deswegen bin ich dafür, dass wir hier achtsam sind.

Wenn wir nun im Herbst gemeinsam mit Ihnen im Bistum Passau Westafrika in den Blick nehmen – was erhoffen Sie sich?
Ich hoffe, dass sich das Bewusstsein stärkt, dass wir eine Welt sind. Wir merken ja, dass Krisen uns geneigt machen, uns um uns selbst zu drehen und die Welt aus dem Blick zu verlieren. Ich hoffe also, dass wir die Welt wieder in den Blick bekommen, dass wir vor allem auch auf unsere Geschwister schauen in den Ländern, die weniger privilegiert sind als wir. Dass wir helfen, dass Menschen ihr Herz öffnen und teilen, und damit etwas zum Aufbau der Länder, um die es geht, beitragen.

Interview: Barbara Brustlein

pdfDas Interview aus dem missio magazin 5/2020 zum Download>>8 2020 Interview Bischof Oster im missio magazin

 

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