645709a687ef1b3fdb873cc3323b86a2_w1170_h600_cp missio München - Die Last des Lockdowns - Corona in Afrika

Die Corona-Pandemie scheint Afrika weniger schlimm getroffen zu haben als zunächst befürchtet. Doch wie aussagekräftig sind die offiziellen Infizierten- und Todeszahlen? Wie hoch ist die Dunkelziffer? Eines ist wohl sicher: Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen für die Länder des Kontinents sind immens.

Die Prognosen waren düster. Eine rasante Infektionswelle, zusammenbrechende Gesundheitssysteme und Hunderttausende Tote wurden Afrika vorhergesagt. Doch wie es aussieht, blieben die afrikanischen Länder – zumindest was die Folgen für die Gesundheit der Bevölkerungangeht – vom allerschlimmsten verschont. Den aktuellen offiziellen Zahlenzufolge wurden bislang weniger als vier Millionen Menschen infiziert (weltweit 114 Millionen / Stand Ende April 2021), etwas mehr als 100 000 Menschen starben an den Folgen einer Corona-Infektion (weltweit 2,5 Millionen). "Natürlich wird in vielen afrikanischen Ländern sehr viel weniger getestet, und wir müssen annehmen, dass die Dunkelziffer wesentlich höher – und auch höher als etwa in Europa – liegt", räumt Afrikaexperte Prof. Dr. Mathias Basedau ein.

Am schlimmsten habe es von den offiziellen Zahlen her Südafrika und einige nordafrikanische Länder getroffen. "Das könnte aber auch daran liegen, dass hier mehr getestet wird", vermutet der Direktor des GIGA-Instituts für Afrika-Studien. Dennoch gibt es seiner Ansicht nach Gründe anzunehmen, dass die Pandemie Afrika insgesamt weniger heimgesucht hat. "Dazu zählen die Tatsache, dass das Virus später in Afrika ankam, die schnellen und harten Lockdowns und eine jüngere Bevölkerung, die auch noch resilienter gegenüber Viren sein könnte." Entwarnung will Professor Basedau allerdings nicht geben: "All das heißt nicht zwingend,dass das Schlimmste nicht noch bevorsteht. Man sollte mit Prognosen grundsätzlich vorsichtig sein.“

Erhebliche Auswirkungen

Auch wenn Afrika glimpflich davonkommen sollte, hat die Corona-Pandemie doch erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auf den Kontinent. missio-Projektpartnerinnen und -partner berichten von zunehmender Arbeitslosigkeit und Armut. Die teilweise strikten Lockdowns hatten und haben gravierende Folgen für den Alltag der Menschen. "Die Mehrheit der berufstätigen Bevölkerung sind Tagelöhner und leben von der Hand in den Mund. Wenn einer nicht zur Arbeit geht, dann ist sehr, sehr bald kein Essen mehr auf dem Tisch“, beschreibt etwa der Missionsarzt Dr. Thomas Brei, der seit vielen Jahren in Tansania lebt und arbeitet, die Situation in vielen afrikanischen Ländern.

Ähnliches berichtet der Comboni-Pater Gregor Schmidt aus dem Südsudan: "Viele arbeiten im informellen Sektor und müssen das 'täglich Brot' jeden Tag von neuem erwirtschaften. Der Lockdown verbietet viele Formen von informeller Erwerbsarbeit. Einige Experten befürchten, dass die indirekten Todesfälle aufgrund des Lockdowns höher sein werden, als wenn sich die Bevölkerung ohne Schutzmaßnahmen mit dem Virus infizieren würde." 

"Beispielloser wirtschaftlicherAbschwung"

Die aus epidemiologischer Sicht sicherlich sinnvollen Grenzschließungen und anderen Maßnahmen der Abriegelung führten in vielen Teilen Afrikas zu einer Unterbrechung des Handels und des Personenverkehrs. Branchen wie der Tourismus – für viele afrikanische Länder eine wichtige Einnahmequelle – kamen zum Erliegen. Die existenzielle Notlage der Menschen verschlimmerte sich – staatliche Hilfen gab und gibt es kaum. "Afrika erlebt einen beispiellosen wirtschaftlichen Abschwung mit erheblichen nachteiligen Auswirkungen auf die langfristige Entwicklung des Kontinents“, heißt es im aktuellen Bericht "World Economic Situation and Prospects 2021" der Vereinten Nationen.

Die Auswirkungen spüren die Schwächsten zuerst: Unicef zufolge litten im vergangenen Jahr weltweit zusätzlich sechs bis sieben Millionen Kinder unter fünf Jahren an Auszehrung oder akuter Mangelernährung, eine Zunahme um 14 Prozent. Vor allem in den Ländern Afrikas südlich der Sahara und in Südasien würden dadurch jeden Monat 10.000 Kinder zusätzlich sterben, meldete das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen.

Strukturelle Probleme verschärft

Bedingt durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie sind auch die gesellschaftlichen Folgen immens. Bereits schwer getroffen durch Krisen wie extreme Regenfälle und Heuschreckenplagen, Cholera-, Malaria- und Gelbfieberepidemien sowie politische Unruhen haben sich bestehende strukturelle Probleme wie Armut, soziale Ungleichheit, Kriminalität und Korruption durch die Corona-Auswirkungen noch verschärft. Lange waren in vielen afrikanischen Ländern auch Schulen geschlossen. Nur privilegierte Familien konnten ihren Kindern den Zugang zu Homeschooling per digitaler Endgeräte ermöglichen – der Rest versäumte den Unterricht.

Die besonders Leidtragenden waren und sind hier vor allem Mädchen. "Die Schutzinstanzen funktionieren nicht mehr, es gibt einen deutlichen Anstieg an sexueller und häuslicher Gewalt“, berichtet die Westafrika-Expertin der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale, Daniela Gierschmann, in einem Interview. Und auch Bundesentwicklungsminister Gerd Müller verkündet zum Weltfrauentag Anfang März erschreckende Zahlen: "Die dramatische weltweite Hunger- und Wirtschaftskrise führt auch dazu, dass schätzungsweise 13 Millionen Mädchen zu Früh- und Zwangsheirat gedrängt werden."

Unmut gegen Regierungen

Afrika-Experte Basedau warnt vor dem Hintergrund der Auswirkungen der Corona-Krise auch vor einer Zunahme von Konflikten. "Wenn die wirtschaftlichen Bedingungen schlechter werden, dann wird sich Unmut bilden gegen Regierungen oder einzelne Gruppen und Minderheiten", befürchtet er. "Gefährlich wird es, wenn Regierungen die Pandemie als Vorwand nutzen, um die Repression der Bevölkerung und Opposition zu verschärfen.“ Hinzu kämen die wirtschaftlichen Auswirkungen durch die Weltwirtschaftskrise und die Lockdowns: "Das wird Verteilungskämpfe verschärfen – gegebenenfalls auch um den Impfstoffzugang. Wenn diese nicht gut gemanagt werden, kann es zu Ausschreitungen gegen Minderheiten, Konflikten zwischen gesellschaftlichen Gruppen oder sogar zu ausgewachsenen Bürgerkriegen kommen." Für diese Entwicklungen sei "die Inkubationszeit" allerdings lang. Und natürlich könnten "solche Konflikte auch deeskalierend gemanagt werden und müssen daher nicht unbedingt ausbrechen."

"Nicht alles ist unbedingt schlechter"

Dem Professor ist bei der Analyse der Corona-Auswirkungen eines wichtig: "Keine Überheblichkeit gegenüber Afrika." Dies sei eine Grundhaltung, gegen die er immer ankämpfe. "Das heißt natürlich nicht, dass es nicht viele Probleme gibt. Aber es ist nicht alles unbedingt schlechter." Gleiches gilt für ihn beim Thema Impfen: "Sicher ist, dass Afrika eher später etwas vom Kuchen abbekommen wird. Und auch, dass China über den eigenen Impfstoff an Einfluss gewinnen will und dass es natürlich Schwierigkeiten in der Umsetzung der Impfkampagnen geben wird – da sollten wir uns in Deutschland aber nicht überheblich zeigen. Hier klappt es ja aus verschiedenen Gründen nicht gerade optimal.“ 

Antje Pöhner

Der Hintergrund ist im missio magazin 3/2021 in der Rubrik "Vordergrund" erschienen. Hier finden Sie den Text zum Download:

4 2021 Corona in Afrika mm cover

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