c125766df537c5f66cbae63ee05c2aef_w1170_h600_cp missio München - Corona in Afrika: Wie kämpft der Kontinent gegen das Virus?

Während die Anzahl der mit dem Coronavirus Infizierten in Europa in rasender Geschwindigkeit auf ihren Höhepunkt zusteuert, waren die Menschen in Bayern aufgerufen, ihre Bürgermeister, Stadt- und Kreisräte zu wählen. Auch Sabine Gies ging zum Wahllokal – und wunderte sich. Kurz bevor der Katastrophenfall ausgerufen wurde, wurde dort nicht einmal die simpelste Hygienemaßnahme angeboten: sich die Hände zu waschen. „Das wäre in vielen afrikanischen Ländern in dieser Situation absoluter Standard“, sagt Gies.

3 2020 Sabine Gies CoronaSabine GiesDie Allgemein- und Tropenmedizinerin am Missionsärztlichen Institut in Würzburg muss es wissen. Mehr als 20 Jahre arbeitete sie in Burkina Faso als Ärztin und forschte zu Malaria. In den vergangenen fünf Jahren baute sie gemeinsam mit einem Team des Robert-Koch-Instituts ein Trainingsprogramm zum Umgang mit dem Ebolavirus in Afrika auf. Als 2014 und in den Monaten danach in den westafrikanischen Ländern Sierra Leone, Liberia und Guinea das todbringende Virus so heftig wütete wie nie zuvor, schulte Sabine Gies medizinisches Personal und mit dem Gesundheitssystem betraute Menschen in den Nachbarländern. „Wir bekamen Ebola aber erst in den Griff, als alle Menschen verstanden hatten, wie sie ihren Beitrag dazu leisten können“, sagt sie. Die bestätigten Fälle von COVID-19 in Afrika sind Mitte März 2020 noch überschaubar. Die ersten Infektionsherde konnten schnell isoliert werden, da es sich meist um Einreisende aus Europa oder China handelte. Doch viele Länder Afrikas gelten durch ihre engen Handelsbeziehungen in diese neuen Risikogebiete als gefährdet. Für Länder wie Uganda, Kenia oder Südafrika steht China ganz oben auf der Liste der Handelspartner. Ob elektronische Geräte oder Haushaltswaren – die meisten Produkte des Alltags in Afrika sind „made in China“.

 

3 2020 Hygiene Afrika CoronaHände waschen und desinfizieren ist Pflicht; Foto: ReutersSchnell kam es zum Rollentausch: Müssen Menschen aus afrikanischen Herkunftsländern bei der Einreise in die Europäische Union Formulare mit sich führen und Auskunft über ihren Gesundheitszustand geben, so war jetzt die Gegenseite das Risiko. Wer als Europäer in Afrika einreist, wird oftmals umgehend in Quarantäne genommen. Die afrikanischen Regierungen handelten zügiger und entschlossener als die europäischen, um die Bevölkerung zu schützen. Im Senegal wurden nach 20 bestätigten Fällen alle öffentlichen Veranstaltungen abgesagt, Schulen und Universitäten bleiben für mehrere Wochen zu. Ruanda schloss bereits nach dem ersten positiven Test alle Schulen. Die Regierung von Burkina Faso schickte Schüler und Studenten nach Hause, Versammlungen sind derzeit untersagt. Auch die Kirche äußerte sich. Laut katholischer Nachrichtenagentur veröffentlichte die Bischofskonferenz von Burkina Faso und Niger nach sieben bestätigten Fällen ihren Maßnahmenkatalog: Versammlungen und Pilgerreisen sind seither verboten, kein Händeschütteln mehr beim Friedensgruß, Hände desinfizieren ist Pflicht. „Afrikanische Länder haben ihre Lehren aus früheren Epidemien gezogen“, sagt Sabine Gies im Hinblick auf die Ebolatrainings. Gesundheitsministerien verfügten über Krisenpläne, es gebe nationale, regionale und lokale Teams, Abläufe seien organisiert. „Zu Beginn der Corona-Infektionen waren nur zwei Labore in ganz Afrika in der Lage zu testen, in Südafrika und Senegal. Zwei Wochen später hatten schon 39 Länder Laborkapazitäten.“

Über allen Entwicklungen wacht das „Africa Centres for Disease Control“ mit Sitz in Addis Abeba in Äthiopien. Die Gesundheitsorganisation der Afrikanischen Union hat die Lage auf dem Kontinent ständig im Blick. Tägliche Reports mit aktuellen Zahlen und Empfehlungen halten die Regierungen auf dem Laufenden. Doch auch Sabine Gies weiß, dass im Fall von COVID-19 nur ein erster, wenn auch wichtiger, Schritt getan ist. Denn während Ebola nur von Erkrankten übertragen wird, sind mit dem Coronavirus Infizierte schon vor ersten Symptomen ansteckend. „Das Coronavirus wird auch in Afrika seinen Weg gehen“, davon ist Gies überzeugt. Dann kommt es darauf an, wie sich der Krankheitserreger bei heißer oder feucht-warmer Witterung verhält. Wie angreifbar die Menschen in Ländern sind, in denen der Altersdurchschnitt der Bevölkerung extrem niedrig ist und die Atemwege durch das Klima in einem anderen Zustand sind. Spekulationen, auf die sich Sabine Gies nicht einlassen möchte. Das drohende Szenario: Eine rasante Ausbreitung von COVID-19 könnte die Menschen über deren Gesundheit hinaus auch wirtschaftlich bedrohen – speziell den existenziellen informellen Sektor – und zudem die Gesundheitssysteme auf die Probe stellen.

3 2020 Thomas Brei CoronaPfarrer Dr. Thomas BreiSabine Gies: „Wenn Corona-Erkrankte die wenigen Ressourcen überbeanspruchen, dann werden in der Folge Geburten nicht mehr betreut oder Malariafälle nicht mehr ausreichend behandelt.“ Dennoch gibt die Ärztin zu bedenken, dass wohl nur die wenigsten Afrikaner mit ersten Symptomen einen Arzt aufsuchten und flächendeckende Tests nicht möglich seien. Gerade in ländlichen Gegenden ist die nächste Krankenstation oft weit weg. Es fehlt an Personal und Ausrüstung. Viele Menschen können sich den Arztbesuch nicht leisten. In Krisengebieten oder in Flüchtlingslagern gibt es oft gar keine Gesundheitsversorgung. Diese Ansicht teilt auch Thomas Brei. Der Pfarrer und Arzt leitet die St. Clare Klinik in Mwanza, Tansania. Dort werden Menschen, die es sich sonst finanziell nicht leisten können, von Fachärzten, wie Unfallchirurgen, Augen- und Zahnärzten oder Urologen versorgt. „Die Menschen hier haben ganz andere Sorgen“, sagt Brei. „Wir haben gut behandelbare Erkrankungen wie Malaria, denen trotzdem jedes Jahr Millionen von Menschen – vor allem Kinder – zum Opfer fallen. Es fehlt an Geld und Infrastruktur, um zu behandeln. Allein in Tansania sterben bei Verkehrs- und Arbeitsunfällen jedes Jahr Tausende junger Menschen.“

Ein COVID-19-Test koste mehr als 300 Euro, gibt der missio-Projektpartner zu bedenken. „Kein Durchschnittsmensch in Afrika kann sich diesen Test leisten.“ Beim Thema Impfstoff winkt Thomas Brei ab: „Der wird zuerst in den westlichen Ländern konsumiert. Bis da etwas für Afrika abfällt, haben die meisten Menschen hierzulande schon eine Immunisierung durch den Kontakt mit dem Erreger durchlaufen.“ Die Corona-Pandemie macht derzeit besonders die Fallhöhe der westlichen Welt deutlich. Denn während COVID-19 wütet, haben lokale Gesundheitsteams im Kongo – von der Weltöffentlichkeit weitestgehend unbemerkt – die zweitgrößte Ebola-Epidemie der Geschichte erfolgreich zum Stillstand gebracht. Nach mehr als 2 500 Toten. Gleichzeitig kämpften im gleichen, krisengebeutelten Land im vergangenen Jahr Ärzte, Schwestern und Pfleger gegen den heftigsten Masernausbruch weltweit mit mehr als 300 000 Erkrankten und 6 000 Toten, darunter viele Kinder. Mangelernährung und Lücken in der Gesundheitsversorgung bereiteten Viren in Afrika immer wieder leichtes Spiel. Zwar wurden laut WHO allein im Kongo Millionen Kinder unter fünf Jahren geimpft, dennoch bleibt die Impfrate in vielen Regionen sehr niedrig. Anhaltende Konflikte oder schlechte Infrastruktur machen es den Teams kaum möglich, zu den Menschen zu gelangen. Darüber hinaus fehlt es an Geld. Das Coronavirus hinterlässt Leid. Aber am Ende vielleicht auch das Bewusstsein für die Verletzlichkeit der Einen Welt.

Autorin: Kristina Balbach; geplante Veröffentlichung im missio magazin 3-2020 (Erscheinungstermin 17.4.)

Foto: Reuters

 

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