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Über Pauline Jaricot

„Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt. In seinem Evangelium hatte Johannes dieses Ereignis mit den folgenden Worten ausgedrückt: ‚So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt … das ewige Leben hat‘ (3,16).“ (Deus caritas est 1)

Die Erfahrung, von Gott geliebt zu sein, hat Pauline Jaricot geprägt. Sie wurde am 22. Juli 1799 in Lyon geboren. Das jüngste von acht Kindern konnte im Wohlstand einer reichen Familie aufwachsen. Doch schon als Kind war sie empfänglich für tiefe religiöse Erfahrungen. Eine Predigt von Abbé Würtz bezeichnet sie selbst als Wendepunkt ihres Lebens. Im Alter von 17 Jahren stellt sie radikal in Frage, was bisher für sie wichtig war. Sie kleidet sich nicht mehr in Seide, sondern trägt die Gewänder der Arbeiterinnen und verkauft ihren Schmuck. Anstatt wie bisher an eleganten gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen, besucht sie Kranke in Spitälern und pflegt sie. Sie selbst schreibt: „Jesus ist auf die Welt gekommen, das lebendige Wort für die ganze Erde zu bringen, und was will er anderes, als dass es sich entzündet und brennt?“

Es ist dem Menschen unmöglich, einzig in der schenkenden, absteigenden Liebe zu leben. Er kann nicht immer nur geben, er muss auch empfangen. Wer Liebe schenken will, muss selbst mit ihr beschenkt werden … Der Mensch muss selbst immer wieder aus der ursprünglichen Quelle trinken – bei Jesus Christus, aus dessen geöffnetem Herzen die Liebe Gottes selber entströmt. (Deus caritas est 7)

In ihrem sozialen Engagement spürt Pauline Jaricot, dass nicht allein eine materielle Not herrscht. Die Wirren der Französischen Revolution haben sowohl die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse radikal umgestoßen, als auch zu einer geistlichen und spirituellen Armut geführt. Es waren gerade Laien wie Pauline Jaricot, die sich stark darum gemüht haben, dem entgegen zu wirken, indem sie aus der Liebe Gottes heraus ihr Leben gestaltet und ihre Umgebung geprägt haben. Aus ihrer tiefen Herz-Jesu-Spiritualität heraus hat sie in die Gesellschaft hinein gewirkt.

Wenn die Berührung mit Gott in meinem Leben ganz fehlt, dann kann ich im anderen immer nur den anderen sehen und kann das göttliche Bild in ihm nicht erkennen. Wenn ich aber die Zuwendung zum Nächsten ganz weglasse und nur „fromm“ sein möchte…, dann verdorrt auch die Gottesbeziehung. Dann ist sie nur noch „korrekt“, aber ohne Liebe. Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber… Die Heiligen … haben ihre Liebesfähigkeit dem Nächsten gegenüber immer neu aus ihrer Begegnung mit dem eucharistischen Herrn geschöpft, und umgekehrt hat diese Begegnung ihren Realismus und ihre Tiefe eben von ihrem Dienst an den Nächsten her gewonnen. (Deus caritas est 18)

Dass Gottes- und Nächstenliebe zusammengehören, war für Pauline Jaricot selbstverständlich. Ihr Glaube war der wesentliche Impuls, dass sie sich für die Not der Arbeiter eingesetzt hat. Sie schreibt: „Es scheint mir, dass man dem Arbeiter zuerst die Menschenwürde zurückerstatten muss, indem man ihn von der unwürdigen Sklaverei der schlecht bezahlten Tätigkeit befreit… Schließlich die Christenwürde durch Trost und Hoffnung der Religion.“

Die in der Gottesliebe verankerte Nächstenliebe ist zunächst ein Auftrag an jeden einzelnen Gläubigen, aber sie ist ebenfalls ein Auftrag an die gesamte kirchliche Gemeinschaft, und dies auf all ihren Ebenen: von der Ortsgemeinde über die Teilkirche bis zur Universalkirche als ganzer. Auch die Kirche als Gemeinschaft muss Liebe üben. (Deus caritas est 20)

Durch ihren Bruder wurde bei Pauline Jaricot das Interesse an der Mission geweckt. Als sie vom Mangel an Mitteln hört, überlegt sie, auf welche Weise sie einen möglichst großen Unterstützerkreis finden könnte. Sie hat schließlich eine zündende Idee: Wenn jede ihrer Freundinnen jede Woche nur einen „Sou“ spenden und selbst wieder zehn neue Spenderinnen finden würde, ergäbe das in kurzer Zeit eine gewaltige Summe. Das war die Initialzündung für das Werk der Glaubensverbreitung, das am 3. Mai 1822 gegründet wurde. Heute, 150 Jahre nach dem Tod von Pauline Jaricot – 9. Januar 1862 – sind die Päpstlichen Missionswerke in mehr als 150 Ländern der Welt tätig. Sie bezeugen die Kirche als weltweite Gebets-, Lern- und Solidargemeinschaft.


Gebet

Herr Jesus Christus, du hast uns Menschen aufgetragen, unter allen Völkern deine Zeugen zu sein. Mache uns bereit, das Vorbild von Pauline Jaricot aufzugreifen und unseren Beitrag zu leisten, damit der Reichtum deiner Frohbotschaft auf der ganzen Welt erfahrbar wird. Lass durch das Zeugnis der Christen alle Menschen erfahren, dass du ihnen das Leben in Fülle schenken willst. Darum bitten wir dich, Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Text und Gebet von Pater Eric Englert osa, Präsident von missio